Ich benutzte natürlich meine freie Zeit mit Vorliebe zur Besichtigung der öffentlichen Anstalten Freilands, unter denen die Centralbank und das Centrallagerhaus mein besonderes Interesse erregten. Daß erstere der Bankier des ganzen Landes ist, angefangen von der öffentlichen Verwaltung und den großen Produktionsgesellschaften bis zum letzten Arbeiter, ja bis zum letzten Kinde, die allesamt ihr eigenes Konto in den Büchern besitzen, habe ich bereits mitgeteilt. Natürlich unterhält die Bank Zweiganstalten in jedem größeren Orte des Landes. Man würde aber irren, wollte man glauben, daß diese sich auf alles erstreckende Buchführung einen sonderlich großen Apparat von Angestellten und sehr verwickelte Schreibereien notwendig mache. Gerade weil alles durch die Bank geht, ist deren Gebarung eine überaus einfache. Jedes Guthaben des einen entspricht genau der Verpflichtung irgend eines anderen Foliobesitzers; Zinsenberechnungen existieren nicht und außerdem sind die meisten Ein- und Austragungen so gleichmäßiger Art, daß in vorgedruckte Formulare bloß die Ziffern eingetragen zu werden brauchen. Die Folge davon ist, daß siebzehnhundert Bankbeamte genügen, um für den freiländischen Staat, für nahezu zweitausend Associationen und für 21/2 Millionen einzelne Menschen Buch zu führen, und die Fachmänner sind der Überzeugung, daß mit dem Wachstume der Bevölkerung die Gebarung sich verhältnismäßig noch vereinfachen wird.
Da in Freiland niemand mit Bargeld zahlt — ich habe in den acht Wochen meines bisherigen Aufenthaltes hier außer den Barmitteln, die ich selbst mitbrachte, noch kein Geldstück zu Gesicht bekommen — wunderte es mich anfänglich, warum die Freiländer überhaupt das Gold beibehalten haben und nach demselben rechnen. Ihre Hauptmünze ist nämlich das Pfund Sterling, jedoch nicht das englische, welches 25 Franken 22,15 Centimes wert ist, sondern ein Pfund in genauem Goldfeingehalte von französischen 25 Franken. Dieses Pfund wird in 20 Mark und die Mark in 100 Pfennige geteilt. Ich erklärte mir die Sache durch die Bedürfnisse des Außenhandels, den Freiland in sehr bedeutendem Umfange mit fremden Ländern treibt, beschloß aber doch, mir an maßgebender Stelle Auskunft zu holen und machte mich zu diesem Zwecke mit dem Leiter der freiländischen Bank bekannt, der dieselbe Lesehalle wie ich zu besuchen pflegte.
Dieser gemütliche, schon etwas ältere Herr war mit Vergnügen bereit, mich zu belehren, und so erfuhr ich denn, daß man in Freiland hauptsächlich aus dem Grunde das Gold als Geld beibehalten habe, weil es der beste aller derzeit möglichen Wertmesser sei, Freiland aber eines guten Wertmessers noch viel dringender bedürfe als irgend ein anderes Land.
„Ist denn nicht Arbeit der beste Wertmesser? Tauschen wir die Dinge nicht im Verhältnis des zu ihrer Herstellung erforderlichen Arbeitsaufwandes gegeneinander?“ fragte ich. „Wenn dieses Buch fünf Mark und jener Tisch zehn Mark kostet, so heißt das doch nichts anderes, als daß die Herstellung des Buches so viel Arbeit erfordere, wie die Herstellung des in fünf Mark enthaltenen Goldes, und die Herstellung des Tisches so viel Arbeit, als die des in zehn Mark enthaltenen Goldes. Wäre es nicht viel einfacher, den Arbeitsaufwand, der in Buch und Tisch enthalten ist, direkt zu bezeichnen und das Gold ganz aus dem Spiele zu lassen, etwa zu sagen: Das Buch ist eine Stunde und der Tisch ist zwei Stunden Arbeit wert?“
„Ich kann Ihnen das Lob nicht vorenthalten, mein junger Freund,“ antwortete verbindlich der Bankmann, „daß Sie gerade durch die zutreffende Art und Weise, mit welcher Sie das Wesen des Geldes auseinanderlegten, mir den Nachweis, daß Gold ein guter, der Arbeitsaufwand aber der denkbar schlechteste Wertmesser ist, außerordentlich erleichtert haben. Wenn wir sagen: das Buch kostet fünf und der Tisch zehn Mark, so haben wir damit allerdings den Wert nicht für alle Zukunft bezeichnet, denn das Buch kann nach Jahresfrist ebensogut vier als sechs Mark und der Tisch neun oder elf Mark wert werden, wenn sich nämlich das wechselseitige Verhältnis des in Buch, Tisch und Mark enthaltenen Arbeitsaufwandes zwischenzeitig verändert. Geschieht dies aber auch, so spricht mindestens die Vermutung dafür, daß die Ursache nicht im Golde, sondern im Buche oder im Tische gelegen sei, d. h. wir können voraussetzen, daß, wenn z. B. ein solches Buch im nächsten Jahre bloß vier Mark kostet, dies nicht deshalb der Fall sei, weil nunmehr zur Herstellung von vier Mark Gold eine Stunde erforderlich geworden sei, wie früher zur Herstellung von fünf Mark, während zur Herstellung des Buches nach wie vor eine Arbeitsstunde erforderlich ist; vielmehr wird unsere Vermutung dahin gehen, daß nach wie vor fünf Mark Gold in einer Stunde fabriziert werden können, der zur Fertigstellung eines solchen Buches erforderliche Arbeitsaufwand aber sich um ein Fünftel verringert habe. Und zwar vermuten wir das nicht etwa aus dem Grunde, weil dem Golde irgend eine mystische Eigenschaft der Wertbeständigkeit innewohnen würde, sondern deshalb, weil der Wert aller anderen Dinge der Hauptsache nach von jenem Arbeitsaufwande abhängt, der augenblicklich zu ihrer Herstellung erforderlich ist, während beim Wert des Goldes, von welchem seiner großen Haltbarkeit wegen im Verlaufe der Jahrhunderte und Jahrtausende sich große Vorräte aufgestapelt haben, dieser Einfluß einer Änderung des Arbeitsaufwandes nur verhältnismäßig langsam vor sich geht. Der Wert des Goldes ist also etwas zum mindesten verhältnismäßig Beständigeres als der Wert der anderen Dinge, und da es im Wesen der Sache liegt, daß man zum Messen des Wertes besser solche Dinge gebrauchen kann, deren eigener Wert möglichst beständig bleibt, so ist Gold zwar kein absolut guter, aber doch unter allen Dingen der verhältnismäßig beste Wertmesser. Das wird Ihnen auch allen anderen Dingen gegenüber von Anbeginn eingeleuchtet haben. Es bedarf keines tieferen Nachdenkens, um einzusehen, daß der Wert jedes Dinges viel besser, sicherer, dauernder bestimmt ist, wenn man ihn in gewissen Mengen Goldes ausdrückt, als wenn man es in bestimmten Mengen einer beliebigen anderen Ware thäte. In tausend Mark besitzen Sie doch offenbar einen unveränderlicheren Wert, als beispielsweise in hundert Centnern Getreide. Denn Sie werden im großen und ganzen mit diesen tausend Mark alle Ihre Bedürfnisse im nächsten Jahre ziemlich genau so gut decken können, wie heute, während, wenn heuer eine gute und im nächsten Jahre eine schlechte Ernte ist, dieselben hundert Centner Getreide Ihnen im nächsten Jahre die Deckung der doppelten Gesamtsumme von Bedürfnissen ermöglichen wie heuer.
Unter allen möglichen Dingen aber wäre der Arbeitsaufwand der denkbar schlechteste Wertmesser. Denn während alle andern Dinge ihren Wert, d. i. ihre Tauschkraft der Gesamtheit der andern Lebensbedürfnisse gegenüber nur möglicherweise verändern können, verändert menschliche Arbeit ganz gewiß fortwährend ihre Tauschkraft der Gesamtheit der Lebensbedürfnisse gegenüber, denn mit jedem Fortschritte der Kultur sinkt der zu Beschaffung der Gesamtheit aller Bedarfsartikel erforderliche Arbeitsaufwand. Dieser Tisch z. B. wird, wenn er in diesem Jahre zweistündigen Arbeitsaufwand zu seiner Herstellung erfordert, im nächsten Jahre wahrscheinlich in 19/10 Stunden, abermals nach einem Jahre in 18/10 Stunden, nach zehn Jahren vielleicht in einer Stunde herzustellen sein. Und da es sich durchschnittlich mit allen andern Dingen ebenso verhalten dürfte, so folgt daraus, daß, wenn ich Ihnen tausend Arbeitsstunden schuldig bin, diese meine Verpflichtung nach zehn Jahren den doppelten Wert erlangt hat, während es doch meine und Ihre Absicht bei Feststellung unseres Schuldverhältnisses ist, Vorteil und Last desselben möglichst dauernd zu bestimmen, was am besten dadurch geschieht, daß wir dieses Schuldverhältnis nicht in Arbeitsstunden, sondern in Gold feststellen, also nicht sagen: ich bin Ihnen tausend Arbeitsstunden, sondern: ich bin Ihnen fünftausend Mark schuldig. Ich will dies an einem Beispiele erläutern. Sie sind Mitglied der „Ersten Edenthaler Maschinen- und Transportmittel-Baugesellschaft“, welche Association in unsern Büchern mit 21/2 Millionen Pfund Sterling belastet ist. Diese Schuld entspricht zum heutigen Arbeitswerte ziemlich genau zehn Millionen Arbeitsstunden; zur Zeit jedoch, wo diese Darlehen aufgenommen wurden, war der Wert der Arbeitsstunde viel geringer. Die Herstellung der Gebäude und Maschinen, welche Sie heute benutzen, hat weit über zwanzig Millionen Arbeitsstunden verschlungen, weil der Arbeitsaufwand zur Herstellung der nämlichen Dinge ein desto größerer war, je weiter wir in der Reihe der Jahre zurückschreiten. Wäre es nun nicht die schreiendste Ungerechtigkeit, ja, wäre es überhaupt mit dem Bestande Ihrer Association vereinbar, wenn sie zwanzig Millionen Arbeitsstunden schuldig wäre und zahlen müßte, während doch nach den heutigen Arbeitsverhältnissen in zwanzig Millionen Arbeitsstunden ihre gesamten Gebäude, Maschinen und Werkzeuge zweimal hergestellt werden könnten? Und nach ferneren zehn Jahren würden vielleicht zwanzig Millionen Arbeitsstunden genügen, um jene Anlagen viermal zu erneuern. Da wir in Gold rechnen, seid ihr 21/2 Millionen Pfund schuldig und das ist so ziemlich der Betrag, um welchen euere Einrichtungen auch heute zu erneuern sind und nach zehn Jahren wahrscheinlich zu erneuern sein werden. Eine Verschiebung kann ja Platz gegriffen haben und in Zukunft Platz greifen; aber wenn es der Fall ist, so wäre das eine bloß zufällige Verschiebung, gegen die sich nichts machen läßt und die keineswegs besonders große Tragweite besitzt; die Verschiebung des Arbeitswertes dagegen wäre eine notwendige, gewaltige, und ein Zahlungsverhältnis auf Grund des Arbeitswertes aufbauen, hieße den Verpflichteten von vornherein und absichtlich ruinieren.“
„Aber das ist noch nicht alles. Unsere ganze Wirtschaft würde in der Luft schweben, wenn wir den Wert der Dinge nach dem in ihnen steckenden Arbeitsaufwande bestimmen wollten. Denn der erste und wichtigste Zweck des Wertmessers ist ja, den Wert der Arbeit selber zu messen. Wieviel das Buch, der Tisch, das Getreide oder das Eisen wert sein mögen, das sind Fragen von untergeordneter Bedeutung; worauf es uns zunächst ankommt, das ist, jederzeit genau zu wissen, wieviel die auf eine Sache gewendete Arbeit wert ist. Wüßten wir das nicht, von wo sollten wir wissen, worauf wir unsere Arbeit zu wenden haben? Oberste Aufgabe jeder Wirtschaft ist doch, daß jene Dinge erzeugt werden, auf welche sich der Bedarf richtet, und das vollzieht sich in der Weise, daß die Arbeiter sich jenem Produktionszweige zuwenden, in welchem sie bei gleicher Anstrengung den ihren Fähigkeiten entsprechenden höchsten Ertrag für die aufgewendete Mühe finden. Das heißt z. B.: dieser Tisch wurde aus dem Grunde produziert, weil die zehn Mark, die er wert ist, den mit seiner Produktion beschäftigten Arbeitern fünf Mark für die Stunde abwarfen, womit sie zufrieden waren. Diese zehn Mark für den Tisch oder fünf Mark für die Stunde erhielten sie bloß, weil Nachfrage nach Tischen war; hätten sich der Tischlerei mehr Arbeiter zugewendet, als der Nachfrage nach Tischlereiprodukten entsprach, so wäre der Preis des Tisches gesunken, die mit seiner Herstellung beschäftigten Arbeiter hätten weniger erhalten, als dem Durchschnittswerte der Arbeit entsprach; das hätte sie veranlaßt, ein anderes Gewerbe aufzusuchen, nach dessen Produkten verhältnismäßig stärkere Nachfrage herrschte, und gerade dadurch wäre das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage wiederhergestellt worden. Wenn aber der Wert des Tisches nicht in Geld, sondern in dem zu seiner Herstellung erforderlichen Arbeitsaufwande ausgedrückt würde, dann erhielten die Tischler, gleichviel ob man ihre Erzeugnisse braucht oder nicht, unabänderlich den gleichen Preis, nämlich zwei Stunden, solange ein Tisch zweier Stunden zu seiner Herstellung bedarf, weniger nur dann, wenn der Arbeitsaufwand zur Herstellung des Tisches sinkt, und unter allen Umständen für den gleichen Arbeitsaufwand den gleichen Wert, ihre Erzeugung mag dem Bedürfnisse entsprechen oder nicht. Dann bliebe uns nur zweierlei Möglichkeit offen: entweder müßten wir uns damit zufrieden geben, daß Dinge erzeugt werden, die niemand braucht, während an Dingen, die dringend gesucht werden, der größte Mangel herrschen könnte; oder wir müßten an die Stelle der Freiheit in der Berufs- und Arbeitswahl obrigkeitlichen Zwang setzen. Unsere Behörden hätten dann darüber zu bestimmen, was erzeugt werden soll, was natürlich zur ferneren Folge hätte, daß die Behörden die ganze Leitung der Produktion in die Hand nehmen müßten. Um das zu vermeiden, giebt es kein anderes Mittel, als den freien Markt mit wirklich brauchbarem, d. h. möglichst wertbeständigem Wertmesser; ein solcher ist das Gold und deswegen haben wir am Goldgelde als Wertmesser festgehalten.“
„Und warum werden einzelne Leistungen hier doch nach Arbeitsstunden bemessen?“ fragte ich.
„Weil wir bei diesen Leistungen — wie Gehalte, Versorgungsansprüche u. dgl. — haben wollen, daß ihr Wert nicht unveränderlich bleibe, sondern schritthaltend mit dem Wachstume der Arbeitsergiebigkeit zunehme.“
Ich dankte für die empfangene Belehrung, fragte aber des ferneren, wie man in Freiland über jene abergläubische Angst denke, welche die meisten Socialisten Europas und Amerikas vor dem Golde empfinden.