„Wir halten dies“ — so war die Antwort — „für ein bloßes Mißverständnis. Ob Gold oder irgend etwas anderes, meinethalben selbst der Arbeitsaufwand das Wertmaß wäre, bliebe sich mit Bezug auf jene Gefahren, die dem Gelde nachgesagt werden, mit diesem aber nicht das Geringste zu thun haben, ganz gleichgültig. Nehmen Sie an, man würde in Europa nicht nach Geld, sondern nach Arbeitscertifikaten rechnen; würde dadurch die Macht der großen Kapitalisten geringer werden, wenn sie statt über so und so viele Millionen Mark, Franken oder Pfund über so und so viele Millionen Arbeitsstunden oder Arbeitstage verfügen würden? Das Übel der ausbeuterischen Welt liegt darin, daß der Arbeitende nicht den vollen Wert dessen erhält, was er erzeugt, sondern den Löwenanteil an Grundrentner, Kapitalisten und Unternehmer abtreten muß. Oder glauben die europäischen Socialisten, daß, wenn beispielsweise ein Centner Getreide statt mit zehn Mark mit zehn Arbeitsstunden bezahlt würde, diese zehn Arbeitsstunden dem Arbeiter gehören würden, der das Getreide hervorgebracht hat? Um das zuwege zu bringen, nützt die Änderung des Wertmessers nicht das Geringste; Boden und Kapital muß den Arbeitern zugänglich gemacht und ihnen dadurch die Möglichkeit geboten werden, den Arbeitsprozeß zu eigenem Nutzen zu betreiben; dann gehört ihnen das Produkt, gleichviel wie dessen Wert ausgedrückt wird, und damit, daß ihnen dieser Wert gehört, ist gründlich geholfen. Die Furcht vor dem Gelde gleicht dem Zorne des Kindes, das den Fußboden schlägt, auf dem es gestürzt, vermeinend, dieser Boden sei schuld an seinem Sturze; laßt dieses Kind einmal das Gehen erlernt haben und es wird desto sicherer auf seinen Füßen stehen, je fester der Boden ist, auf dem es sich bewegt.“

Um die freiländischen Lagerhäuser kennen zu lernen, stattete ich den in Edenthal gelegenen in Begleitung Karls einen Besuch ab. Auch die Lagerhausverwaltung unterhält, trotzdem ihr Betrieb einheitlich für das ganze Land zusammengefaßt ist, in den meisten größeren Orten besondere Zweiganstalten, die dazu bestimmt sind, auf der einen Seite die Erzeugnisse der örtlichen Produktion aufzunehmen und an die Centrale abzugeben, auf der andern Seite für den örtlichen Bedarf die Erzeugnisse des ganzen Landes verfügbar zu halten. Nicht minder geht der Außenhandel durch die Hände der Lagerhausverwaltung. Es mag hier sofort bemerkt werden, daß Freiland beinahe ausschließlich bloß solche Güter fabriziert, bei deren Produktion Maschinenkraft eine hervorragende Rolle spielt, während jene Güter, die ihrer Natur nach hauptsächlich durch Handarbeit hervorgebracht werden müssen, vom Auslande eingeführt werden. Denn die freiländischen Arbeiter wären vermöge ihrer höheren Intelligenz und körperlichen Tüchtigkeit wohl auch in Handarbeit den ausgemergelten Knechten der bürgerlichen Welt in allen Stücken überlegen; trotzdem kann freiländische Handarbeit ihres hohen Wertes halber, der im Durchschnitt ungefähr das fünfzehnfache europäischen Tagelohns beträgt, mit bürgerlicher Handarbeit nicht konkurrieren: unsere Konkurrenzfähigkeit beginnt erst, wenn wir unsere stählernen Sklaven eintreten lassen können für die Knechtesarbeit der bürgerlichen Tagwerker. Denn diese unsere Sklaven sind noch genügsamer als die Knechte des Auslandes, die doch zum mindesten Kartoffeln zur Füllung ihres Magens und einige Lappen zur Bedeckung ihrer Blößen verlangen, während die unserigen durch die Elemente beinahe kostenlos gespeist werden und ein wenig Schmieröl genügt, um ihre Glieder gelenkig zu erhalten. Freiland nimmt solcherart im Außenhandel gleichsam die Rolle des großen Fabrikherrn, das Ausland die Rolle des Taglöhners ein, ganz dasselbe Verhältnis, welches, wenn auch nicht in so ausgesprochenem Maße, im Außenhandel aller Länder stattfindet, deren Arbeitslöhne verschieden sind. So ist es z. B. die englische Fabriksindustrie, welche für China, und die chinesische Handarbeit, welche für England produziert.

Das freiländische Lagerhaus berechnet den Produzenten nichts für Einlagerung und Verkauf der Waren; die Gebühr wird aus der allgemeinen Steuer gedeckt und gelangt solcherart in der einfachsten Weise zur Verteilung an alle Produzenten. Der Verkauf der Massenartikel geschieht im Wege von Auktionen, in welchen die großen Kunden, das sind die freiländischen Associationen und das Ausland, ihren Bedarf decken. Doch auch die Gegenstände des Einzelbedarfs werden in der Regel von der Lagerhausverwaltung der Güte nach klassifiziert und der Preis für dieselben nach dem von der statistischen Centralstelle und der Bank mitgeteilten durchschnittlichen Kostenbetrage angesetzt, welcher Kostenansatz jedoch keineswegs als etwas Unabänderliches gilt, sondern, so oft die Nachfrage das Angebot zu überflügeln sich anschickt, entsprechend erhöht, im umgekehrten Falle entsprechend ermäßigt wird.

Als wir die Möbelabteilung des Lagerhauses durchschritten, wo tausende und abertausende der verschiedenartigsten Einrichtungsstücke übersichtlich geordnet und mit Preisangaben versehen ausgestellt waren, fiel uns vor einem besonders kunstreich ausgeführten Schrank, in tiefe Gedanken versunken stehend eine Gestalt auf, in der wir alsbald Professor Tenax, unsern einstigen Lehrer der Nationalökonomie — wir hatten nämlich beide während unserer technischen Studien dieser Wissenschaft zwei Semester an der Universität unseres Geburtsortes gewidmet — erkannten. Wir begrüßten freudig den grundgelehrten, bei all seinen Schülern überaus beliebt gewesenen Mann und wollten ihn eben fragen, was ihn hierher geführt und wie lange er sich in Freiland aufzuhalten gedenke, als er, diese Auseinandersetzung kurz abwehrend, in die zornigen Worte ausbrach: „Und das nennt man das Land der Freiheit! Seht her, Ihr jungen Leute, dahin muß es kommen, wenn man gegen die Grundsätze der Wissenschaft verstößt! Dieses wundervolle Stück hier, welches in Europa seine guten tausend Mark wert ist, muß sich gefallen lassen, hier unter allerlei miserable Marktware gemengt für fünfhundert Mark feilgehalten zu werden. Ist das nicht der Tod aller hervorragenden Geschicklichkeit, wenn solcherart die Produzenten gezwungen werden, ihre Erzeugnisse nach der unberechenbaren und unkontrollierbaren Laune einer allmächtigen obersten Behörde abschätzen zu lassen?“

„Aber, mein verehrter Lehrer,“ so wagte Karl schüchtern einzuwenden, „es zwingt ja niemand die Erzeuger dieses Schrankes, sich der Abschätzung der Lagerhausverwaltung zu fügen; wenn ihnen diese unzutreffend erscheint, wenn sie glauben, mehr erhalten zu können, so steht es ihnen frei, einen beliebig hohen Preis anzusetzen. Wenn sie sich mit fünfhundert Mark für ein Stück begnügen, welches in Europa allerdings den doppelten Preis hätte, so liegt dies nur daran, daß man hier alles mit Maschinen, in Europa dagegen zumeist durch bloße Handarbeit fabriziert. Sie werden dieselbe verhältnismäßige Wohlfeilheit auch bei den anderen Möbeln finden. Der Preisansatz der Lagerhausverwaltung entspricht offenbar dem wirklichen Werte des Stückes.“

Es war die Eigenheit unseres geschätzten Lehrers, eine Widerlegung, gegen welche er nichts Stichhaltiges vorzubringen vermochte, damit zu beantworten, daß er eine ganz neue Frage aufwarf; und so meinte er denn mit einem verächtlichen Achselzucken: „Und ist es vielleicht ‚Freiheit‘, daß man hier jeden Menschen zwingt, sich in irgend eine große Association einschachteln zu lassen, wenn er irgend etwas arbeiten will?“

„Auch dazu wird ja niemand gezwungen,“ nahm nun ich das Wort.

„So?“ — fragte ironisch Professor Tenax. „Dann sagen Sie mir einmal, Sie junger Alleswisser, wer in Freiland auf eigene Faust, allein auf sich gestellt, arbeitet?“

„Niemand,“ gab ich zu. „Aber das unterbleibt nur, weil niemand Lust dazu hat.“

„Wundervoll!“ höhnte Tenax. „Es hat niemand Lust dazu, weil niemand es wagen darf, ein solches Gelüste zu zeigen. Ist es etwa nicht wahr, daß ihr die Benutzung jedes Fleckchens Boden und die Bewilligung jedes Produktionskredits an die Bedingung knüpft, daß alle Welt an der mit Hilfe dieses Bodens und dieses Kredits in Gang gesetzten Produktion teilzunehmen das Recht haben müsse?“