„Es fragt sich nur, was Sie unter diesem ‚aneinander gekettet sein‘ verstehen. In mein Haus, in meine Familie, in meinen gesellschaftlichen Verkehr werde ich nur Menschen zulassen, die mir angenehm sind; aber in der Fabrik handelt es sich ja nicht um geselligen Umgang, sondern um Produktion, und damit diese einträchtig von statten gehe, genügt es, daß mein Nebenmann die Arbeit verstehe, auch wenn er keinerlei Verständnis und Sympathie für meine geistigen oder gemütlichen Regungen besitzt. Insbesondere im modernen Großbetrieb tritt die Persönlichkeit des Arbeitenden so sehr in den Hintergrund vor der Gewalt der Maschine, daß nur einigermaßen vernünftige Disciplin vollauf genügt, um alle aus persönlichen Gegensätzen herrührenden Mißhelligkeiten von vornherein unmöglich zu machen. Wenn wir uns das Recht anmaßen wollten, unsympathische Personen von unsern Fabriken fernzuhalten, warum sollten wir sie dann in unseren Städten dulden? Unangenehme Gewohnheiten, Anschauungen oder Neigungen eines Menschen sind mir viel unbequemer, wenn ich mit ihm denselben Wohnort, als wenn ich die Arbeitsstätte mit ihm teilen muß. Denn nur in dem ersteren habe ich mit ihm als Menschen, in der letzteren hauptsächlich als Gütererzeuger zu thun. Wenn Sie also, geehrtester Professor, ein Feind der Freizügigkeit sind, weil sie uns mit jedem beliebigen ‚Unhold‘ in Verbringung bringen kann, dann sollten Sie in erster Linie gegen die politische Freizügigkeit zu Felde ziehen, die aber, wie ich sehr gut weiß, obenan steht auf dem Programme gerade jener politischen Richtung, zu deren Zierden Sie gehören, nämlich der liberalen.“

„Mit Fanatikern gleich euch ist nicht fertig zu werden,“ brach jetzt Professor Tenax das ihm unbequem gewordene Gespräch ab, was ihn jedoch, da er von Natur guten Herzens ist, nicht hinderte, Karls Einladung, während seiner Anwesenheit in Edenthal recht häufig unser Gast zu sein, bereitwilligst anzunehmen.

Zehntes Kapitel.
Unmöglichkeit von Krisen in Freiland. Die freiländische Rentenversicherung.

Ich hatte sehr rasch begreifen gelernt, warum der Grundsatz der Freizügigkeit, der in nichts anderem als in der Hinwegräumung jedes dem wohlberatenen Eigennutze entgegenstehenden Hindernisses besteht, zur Harmonie aller wirtschaftlichen Verhältnisse führen müsse; um Unklarheiten, die sich mir in diesem Punkte aufdrängen mochten, vollends zu beseitigen, genügte es, wenn ich die großen Klassiker der nationalökonomischen Wissenschaft, insbesondere Adam Smith zu Rate zog, deren Lehre ja in allen Stücken auf der Durchführung dieses Grundsatzes beruht und die bei ihren Schlußfolgerungen bloß darin irrten, daß sie vermeinten, die politische Freiheit allein könne genügen, um die der freien Bethätigung des Eigennutzes Aller entgegenstehenden Hindernisse zu beseitigen. Nur eines wurde mir nicht völlig klar, die Frage nämlich, ob denn nicht unter Umständen auch über Freiland eine jener Krisen hereinbrechen könne, eine jener allgemeinen Absatzstockungen, von denen die bürgerliche Welt periodisch heimgesucht wird. Die Arbeitserträge gleichen sich in Freiland unter dem Einflusse der Freizügigkeit in der Weise aus, daß es den Arbeitern ermöglicht ist, der Stätte des jeweilig höchsten Ertrages zuzuziehen. Das ist nun in der bürgerlichen Welt allerdings nicht möglich, denn die Arbeiter haben dort nicht die Macht, sich ihre Arbeitsstätten auszuwählen; sie müssen warten, bis der Unternehmer ihrer bedarf. Aber der Nutzen der Unternehmer ist es, was in der bürgerlichen Welt — zum Teile wenigstens — den freiwaltenden Eigennutz der Arbeitenden ersetzt; wenn es den Unternehmern schlecht geht, entlassen sie Arbeiter, wenn es ihnen gut geht, nehmen sie welche auf, und man sollte also meinen, daß — langsam zwar, aber schließlich doch in der gleichen Weise wie in Freiland — die Gewinne sich ausgleichen, jede Absatzstockung vermieden werden müßte. Da dies in der bürgerlichen Welt nicht der Fall ist, ja, da mehr und mehr allgemeine Absatzstockung, d. h. Überproduktion zur Regel wird, so suchte ich lange vergeblich nach dem letzten Erklärungsgrunde für den Unterschied, den ich so sinnfällig vor Augen sah und von welchem eine innere Stimme mir sagte, daß er sich als notwendig begründen lassen müsse. Der Vorsteher des Lagerhauses brachte mich bei einem Besuche, den ich ihm kürzlich in geschäftlichen Angelegenheiten meiner Gesellschaft abstattete, mit wenigen Worten auf die rechte Spur.

Als ich ihn fragte, ob sich nicht gelegentlich eine allgemeine Überfüllung der Lagerräume infolge zum mindesten vorübergehender allgemeiner Absatzstockung einstelle, antwortete er mir mit der verwunderten Gegenfrage: „Ja wozu sollten denn in einem solchen Falle alle hier aufgestapelten Waren produziert worden sein? Ihr von der Edenthaler Transportmittel-Gesellschaft erzeugt doch die Maschinen, welche ihr hersendet, nicht, weil es euch Vergnügen macht, mit Eisen und Stahl zu hantieren, sondern weil ihr mit dem Ertrage eurer auf diese Maschinen gewendeten Arbeit eure unterschiedlichen Bedürfnisse decken wollt; das nämliche gilt von den Gesellschaften, welche die der Lagerhausverwaltung eingesendeten Möbel, Kleidungsstoffe, Nahrungsmittel u. dgl. erzeugt haben; alle verkaufen sie bloß, um zu kaufen, und es kann sich daher stets nur darum handeln, ob gerade die richtigen Dinge erzeugt worden sind, jene Dinge nämlich, auf welche sich die Nachfrage der Verkäufer, welche zugleich Käufer sind, richtet, und damit das zuwege gebracht werde, dafür sorgt eben unsere Freizügigkeit. Daß im allgemeinen mehr erzeugt werde, als man braucht, dazu wäre erforderlich, daß unsere Produzenten nicht arbeiten, um zu genießen, sondern um der Plage der Arbeit willen.“ Und als ich des ferneren einwendete, daß das alles auch in der bürgerlichen Welt gelte und trotzdem Überproduktion dort sogar die Regel sei, meinte der Lagerhausverwalter lächelnd: „Sie übersehen, daß sich all das in der bürgerlichen Welt eben nicht so verhält; zwar arbeiten auch dort die Leute, nicht um sich zu plagen, sondern um zu genießen, aber sie mögen um noch so vieles mehr erzeugen, sie können deswegen doch nicht mehr genießen, weil ja der Ertrag ihrer Arbeit nicht ihnen, d. h. nicht den Arbeitenden, sondern einer Minderheit, den Arbeitgebern, gehört.“

„Richtig. Aber diese letzteren wollen doch genießen, was die anderen hervorbrachten?“

„Nein, auch diese wenigen können und wollen nur zum Teil genießen, was jene hervorbringen; sie können es nur zum Teil, weil sie ja schließlich auch nur je einen Magen und je einen Körper haben; sie wollen es nur zum Teil, weil sie es vorziehen, einen andern Teil der ihnen gehörigen Arbeitserträge nicht als Genußmittel, sondern als Machtmittel anzuwenden.“

„Sie meinen, die Arbeitgeber wollen einen Teil der Arbeitserträge kapitalisieren?“ entgegnete ich. „Kapitalisieren heißt aber den Arbeitsertrag in ein Instrument neuer Arbeit verwandeln. Und ob nun die Arbeitgeber Spitzen und feine Weine, oder ob sie Maschinen, Fabrikseinrichtungen und Werkzeuge kaufen, bleibt sich in dem Punkte, um welchen es sich hier handelt, ganz gleichgültig; sie wollen immer für das, was sie verkaufen, etwas anderes kaufen. Und immer wieder sollte es sich nur darum handeln, ob gerade die richtigen Dinge erzeugt werden, nicht aber darum, ob überhaupt Dinge in genügender Menge auf dem Markte gesucht werden.“

„Ja, wenn die bürgerlichen Arbeitgeber neben Spitzen und Weinen nur Maschinen, Werkzeuge und Fabrikseinrichtungen auf dem Markte suchen wollten oder könnten, dann gäbe es freilich auch in der bürgerlichen Welt kein allgemeines Mißverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage; aber darin liegt’s eben: sie können und sie wollen keine Werkzeuge und Maschinen kaufen, weil sie keine Verwendung für diese haben, d. h. wohlverstanden, keine über ein gewisses, sehr eng begrenztes Maß hinausgehende Verwendung. Man kann doch keine neuen Spinnereien bauen, wenn der Verbrauch an Gespinsten nicht zunimmt, keine neuen Schuhwarenfabriken errichten, wenn nach wie vor die große Masse der Menschen barfuß oder in zerrissenen Stiefeln umherlaufen muß. Den Arbeitgebern bleibt nichts übrig, als ihre sogenannten Ersparnisse dazu zu verwenden, um bereits bestehende Fabriken, Eisenbahnen und sonstige Anlagewerte zu kaufen, d. h. den Preis derselben wetteifernd in die Höhe zu treiben. Damit aber, daß eine bereits bestehende Fabrik oder Eisenbahn oder die über diese Fabrik oder Eisenbahn im Umlauf gebrachten Besitztitel im Preise steigen, wird keinerlei Nachfrage auf dem Gütermarkte hervorgerufen; die Kapitalisten der bürgerlichen Welt sind also regelmäßig in der Lage, zwar alle ihnen gehörigen Erzeugnisse verkaufen, aber nur für einen Teil des Erlöses andere Erzeugnisse auf dem Markte kaufen zu wollen; das ruft natürlich ein Mißverhältnis hervor, welches man mit dem Namen Überproduktion belegt hat, und welches, wenn es stärkeren Umfang erreicht, Krisis heißt.“

Diese einfache Darlegung machte mir klar, warum hierzulande ein derartiges allgemeines Mißverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage gänzlich ausgeschlossen ist. Da es unzweifelhaft einem allgemein geltenden Gesetze entspricht, daß niemand produziert zu anderm Zwecke, als um für den Erlös seiner Produktion irgend etwas einzutauschen, und da es hier nichts anderes als Erzeugnisse menschlicher Arbeit giebt, die man eintauschen kann, so muß immerwährendes Gleichgewicht herrschen, etwas, was bekanntlich die großen Ökonomisten auch für die bürgerliche Welt als notwendig hingestellt haben, ohne sich selbst klar zu sein, warum es, wie ihrem Scharfsinne niemals vollständig entging, doch thatsächlich nicht zutraf. Auch der Freiländer kann dasjenige, was er erzeugt, wenn er will in irgend einer Form beiseite legen, ersparen; aber die Form, in der er das thut, kann unter keinen Umständen eine andere sein, als daß er dem Markte irgend ein Erzeugnis menschlicher Arbeit entnimmt. In ein Machtmittel, in einen verbrieften Anspruch auf zukünftige Arbeitsergebnisse anderer Menschen vermag er in Freiland sein Arbeitsergebnis niemals zu verwandeln und er kann daher niemals das Gleichgewicht des freiländischen Marktes stören, indem er im Austausch für seine Erzeugnisse statt der Erzeugnisse anderer, solche Machtansprüche über andere zu erwerben sucht. So lange es für Freiland ein Ausland giebt, geschieht es, daß freiländische Sparer ausländische zinstragende Werte kaufen; aber auch das kann natürlich nur auf dem fremden, nicht aber auf dem freiländischen Markte ein Mißverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage nach Waren hervorrufen; denn in diesem Falle sind es eben freiländische Erzeugnisse, die für ausländische Besitztitel hintangegeben werden; es vermindert sich also in einem solchen Falle allerdings die Nachfrage, ebenso aber auch das Angebot von Waren in Freiland.