Staunenswert ist, wie in allen freiländischen Gewerken, so auch in den landwirtschaftlichen, die alles umfassende Anwendung von Maschinenkraft. An der Spitze der landwirtschaftlichen Associationen steht in dieser Beziehung derzeit die Gesellschaft von Obertana, die auf 600 Quadratkilometern oder 30000 Hektaren nicht mehr als 2400 Arbeiter ständig beschäftigt hat, welche allerdings in der Saat- und Erntezeit Wochen hindurch von aus den verschiedenen Industrien der Umgebung zuwandernden 5000-10000 Arbeitern unterstützt werden. Und man glaube nicht etwa, daß die Bewirtschaftungsmethode eine oberflächliche, auf unvernünftigen Raubbau gerichtete ist. Im Gegenteil, es wird hier der Boden mit höchster Sorgfalt bestellt, weit sorgfältiger und intensiver, als — vielleicht mit Ausnahme einzelner Gegenden Chinas — in irgend einem Teile der Welt; aber die Elemente sind es eben, die, in den Dienst des Menschen gezwungen, neunundneunzig Hundertteile all dieser Arbeit verrichten. Ein großartiges Bewässerungssystem führt dem Boden von der Saat bis zur Ernte unausgesetzt reichliche Feuchtigkeit zu, so daß Fehlernten beinahe gänzlich ausgeschlossen sind; das Ackern, Säen, Eggen und Walzen, das Schneiden, Binden, Dreschen, Reinigen und Einspeichern des Getreides besorgen von Elektrizität getriebene Maschinen; zahllose Schienenstränge durchziehen nach allen Richtungen die Felder, und zwar dient dieses Schienennetz nicht bloß zum Befördern von Lasten, sondern auch zur Fortbewegung und Handhabung der elektrischen Kraftmaschinen. So nur ist es möglich, daß hier zweimal im Jahre je 11/2 Millionen Metercentner, im Jahre also drei Millionen Metercentner Getreide und außerdem durchschnittlich eine Million Metercentner anderer Feldprodukte im Gesamtwerte von ungefähr fünf Millionen Pfund Sterling unter dem Einsatz von nicht ganz dreizehn Millionen Arbeitsstunden erzeugt werden, was für die einzelne Arbeitsstunde einem Rohertrage von acht Mark und nach Abzug der Kapitalrückzahlungen und der Abgabe an das Gemeinwesen einem Reinertrage von nahezu fünf Mark entspricht.
Wir besichtigten die Anlagen von Obertana auf der Heimreise und hatten dort ein Stelldichein mit Professor Tenax, der, gleichgültig gegen Naturschönheiten, es abgelehnt hatte, uns auf unsern Ausflügen in die Gebirge und an den großen See zu begleiten. Er war, als wir seiner ansichtig wurden, so zerstreut, daß er die üblichen Begrüßungen kaum beantwortete, und man sah es seinem Mienenspiele an, daß ihm auf seinen Kreuz- und Querzügen durch die verschiedenen Gewerke Freilands während der letzten Wochen eine ganze Reihe neuer Bedenken und Einwendungen aufgetaucht sein müsse, die an den Mann zu bringen es ihn drängte. Frau Wera, die den Professor ob seiner großen Gelehrsamkeit und harmlosen Gutmütigkeit in allen Fragen, die seine orthodoxen Prinzipien nicht berührten, rasch liebgewonnen hatte, machte sich nichtsdestoweniger bisweilen das Vergnügen, ihn dadurch, daß sie scheinbar seine Partei nahm, zu äußerster Entfaltung all seiner Spitzfindigkeit und dialektischen Kunststücke anzufeuern. Als er uns daher mit der ironisch gemeinten Frage begrüßte, ob wir vielleicht hierher gekommen seien, um unser freiländisches Bodenrecht geltend zu machen, und da wir dies nicht sofort verstanden, höhnend hinzufügte: „Hier gehört ja der ganze Boden einem jeden; ihr seid offenbar da, um mit der Verwaltung von Obertana Prozeß anzufangen, weil sie euch bisher an ihren Dividenden nicht teilnehmen ließ,“ — schaltete Frau Wera mit heuchlerischer Betrübnis ein, auch ihr habe es immer Kopfzerbrechen gemacht, was denn darunter zu verstehen sei: der Boden wäre frei wie die Luft, jeder könne ihn nach Gutdünken benutzen.
„Ein Unsinn ist es, sehr geschätzte Frau,“ entgegnete voll Eifer der Professor. „Die Luft kann man aller Welt freigeben, weil sie in unbegrenzter Menge vorhanden ist, nicht aber den Boden, von welchem doch jedenfalls weniger da ist, als der menschlichen Begehrlichkeit entspricht, und der, selbst wenn er in unbegrenzter Menge zu haben wäre, doch schon wegen der Verschiedenheit seiner Güte zu Streitigkeiten Anlaß gäbe, wenn es jedem überlassen bliebe, sich nach Laune und Lust das beste Stück auszusuchen.“
„Professor,“ entgegnete ich, „glauben Sie wirklich, daß wir danach Verlangen tragen, Bodenbebauer zu werden? Kann ich gleichzeitig Pläne zeichnen und den Pflug lenken? Ich bleibe bei meinem Geschäfte, obwohl ich hier das zweifellose Recht besäße, an der Bodenbenutzung teilzunehmen, weil ich dabei besser meine Rechnung finde, und das ist der Fall, weil nach den Ergebnissen meiner Arbeit am Zeichenbrett größerer Begehr ist als nach denen meiner Arbeit hinter dem Pfluge. Ganz das nämliche gilt für alle jene Arbeiter Freilands, die bessere Entlohnung ihrer Arbeitskraft finden, wenn sie anderes thun, als den Boden bestellen. Und deren muß es natürlich stets eine schwere Menge geben, weil ja die menschlichen Bedürfnisse nicht auf Bodenprodukte allein gerichtet sind und also stets Bedarf nach den Erzeugnissen auch anderer Arbeit vorhanden sein wird. Die Sorge, daß alle Welt thatsächlichen Gebrauch vom Rechte der Bodenbearbeitung machen könnte, hätte also nur dann Begründung, wenn man vermutete, daß es den Leuten nicht darum zu thun ist, Dinge zu erzeugen, die Abnehmer finden, sondern daß sie allesamt eine Leidenschaft für landwirtschaftliche Arbeiten erfaßt, eine Art Landhabsucht, die nicht auf den Erfolg, sondern nur auf die Art der Arbeit sieht.“
„Was nützt euch aber dann euere sogenannte Bodenfreiheit? Was haben Sie und Karl und was hat Frau Wera davon, daß ihr Boden bearbeiten könntet, wenn ihr wolltet, da, wie Sie mir soeben auseinandergesetzt haben, Ihr eigener Vorteil Sie dazu antreibt, von diesem Rechte keinen Gebrauch zu machen? Ist es dann nicht für die übergroße Mehrzahl der freiländischen Bevölkerung ganz das nämliche, ob der Boden ein paar Tausend Grundbesitzern oder ein paarmal Hunderttausend landwirtschaftlichen Arbeitern gehört?“
„Wenn der Boden hier jenen ‚gehören‘ würde, die ihn bearbeiten, dann hätten Sie allerdings recht. Dann könnte es den andern allen ziemlich gleichgültig sein, ob es viele oder wenige sind, welche die Erde mit Beschlag belegt haben. Aber vergessen Sie nicht daran: wir, die wir hier stehen, haben genau das nämliche Recht auf Benutzung des Bodens, wie die Arbeiter, welche dieses Benutzungsrecht thatsächlich ausüben. Den letzteren gehört also der Boden nicht, sie dürften uns nicht verbieten, ihn zu benutzen, wenn wir Lust dazu hätten, und die Folge davon ist, daß sie den Vorteil der Bodenbenutzung mit uns teilen müssen, d. h. daß unsere Arbeit den nämlichen Gewinn abwerfen muß, wie die ihrige, da ja insolange, als dies nicht eingetreten wäre, die Arbeitskraft sich aus allen andern Produktionen in die Bodenwirtschaft zöge. Also: das freiländische Bodenrecht hat nicht zur Folge, daß alle Welt Bodenwirtschaft treibt, wohl aber hat es zur Folge, daß der Ertrag von Bodenwirtschaft sich mit demjenigen aller andern Produktionsarten ins Gleichgewicht setzt.“
„Sie haben mir noch nicht beantwortet, welche mystischen Beweggründe den einen Teil der freiländischen Bodenbearbeiter veranlassen, mit schlechteren Grundstücken vorlieb zu nehmen, während vielleicht dicht daneben andere Leute bessere Grundstücke bearbeiten?“ beharrte Professor Tenax.
„Die Kraft, die sie dazu veranlaßt, hat nichts Mystisches an sich,“ war Karls Entgegnung; „ihr Name ist ‚Eigennutz‘. Sie selber haben uns seinerzeit gelehrt, daß der Ertrag der Arbeit auf Boden verhältnismäßig desto geringer wird, jemehr Arbeit man dem Boden zuwendet; zweihundert Arbeiter werden z. B. auf einer gegebenen Bodenfläche nicht zweimal soviel erzeugen, als hundert, sondern vielleicht bloß einundeinhalb Mal soviel, weil die Arbeit des zweiten Hunderts nicht mehr so notwendig ist wie die des ersten. Wenn also dem besseren Boden, und sei er noch so vielfach fetter, fruchtbarer, günstiger gelegen, verhältnismäßig zu viel Arbeitskraft zuströmte, so würde der einzelne Arbeiter von besagtem besseren Boden geringeren Ertrag seiner Arbeitskraft erzielen, als auf minder stark besetztem schlechten. Der Eigennutz des Arbeitenden verlangt aber nicht, daß er seine Kraft auf möglichst fettem Boden, sondern daß er seine Kraft mit möglichst hohem Ertrage verwerte, und es ist daher klar, daß man die Leute bloß frei wählen zu lassen braucht, damit sich ganz von selbst dasjenige einstelle, was der wirtschaftlichen Vernunft und Gerechtigkeit gleichmäßig entspricht, nämlich daß sich die Arbeitskräfte über allen Boden, er sei nun besser oder schlechter, derart verteilen, daß auf die einzelne Arbeitskraft überall der nämliche Ertrag entfalle.“
Unser hartnäckiger Widerpart konnte sich, geschmeichelt wohl durch die Berufung auf seine eigenen Lehren, eines zustimmenden Kopfnickens nicht enthalten, faßte aber, durch Frau Weras Schelmerei aufgestachelt, alsbald neuen Mut zu der triumphierenden Tones aufgeworfenen Frage, was denn geschehen würde, wenn andere Arbeiter hier, wo z. B. Kaffeepflanzungen sich dehnen, Baumwolle anbauen wollten; wer dem erstbesten Ankömmlinge verwehren könnte, die Kaffeebäume auszurotten und solcherart die Frucht jahrelanger Arbeit anderer zunichte zu machen? „Hat euere freiländische Weisheit eine Panacee auch gegen solche Ausschreitungen des ‚freiwaltenden‘ Eigennutzes?“
„Allerdings,“ erklärte Karl. „Vor allem möchte ich Ihnen zu bedenken geben, daß Sie über den Vorgang, der bei einem solchen Kulturwechsel eingehalten werden müßte, nicht ganz im klaren zu sein scheinen. Nicht die ersten besten neuen Ankömmlinge haben das Recht, hier nach ihrem Gutdünken zu schalten und zu walten, sondern dieses Recht steht unter allen Umständen der Majorität all jener zu, welche Lust an den Tag legen, den Boden dieser Association zu bewirtschaften. Es müßte also eine neue Majorität entstehen, damit das geschehe, was Sie befürchten. Dies jedoch nur zur Aufklärung darüber, daß es nicht die zufällige Laune des ‚Erstbesten‘ ist, welcher Erstbeste ja auch ein Narr sein könnte, wovon die Verwendung der Bodenflächen in Freiland abhängt. Von dieser letzteren Erwägung abgesehen, bliebe es sich dem Wesen nach ganz gleich, ob es viele oder wenige sind, welche eine derartige Neuerung zu beschließen haben, denn sie kann unter allen Umständen nur unter der Voraussetzung beschlossen werden, daß durch sie der Vorteil aller dabei Beteiligten Rechnung findet. Wer in die Wirtschaft dieser Association eintritt, nimmt Teil an allen ihren Lasten und Vorteilen, und wenn er also die Kaffeepflanzungen ausrottet und an deren Stelle Baumwolle baut, so kann er dies nur thun, wenn der Nutzen des Baumwollbaues so groß ist, um den durch die Zerstörung der Kaffeepflanzungen verursachten Schaden wettzumachen. In diesem Falle aber ist es ja auch der Nutzen der früher beschäftigt gewesenen Arbeitskräfte, daß ein so rationeller Kulturwechsel stattfinde. Setzen wir den Fall, daß hunderttausend Arbeitsstunden an diese der Zerstörung geweihten Kaffeepflanzungen gewendet worden waren und daß die an deren Stelle tretenden Baumwollpflanzungen gleichfalls hunderttausend Arbeitsstunden beanspruchen, so würde der Nutzen aus dieser neuen Baumwollkultur unter zweihunderttausend Arbeitsstunden verteilt werden müssen, und daraus geht hervor, daß man die Kaffeebäume nur dann durch Baumwollsträucher ersetzen wird, wenn dieselben nicht nur die an ihre eigene Anpflanzung, sondern auch die an die Anpflanzung der zerstörten Kaffeeplantagen gewendete Arbeitskraft vergüten.“