„Ja thut man es denn in Europa?“ rief erregt Professor Tenax. „Solch grundlose Verdächtigungen und Unterstellungen beweisen in meinen Augen nichts anderes als die Schwäche euerer Sache. Der Zins ist das Ergebnis eines durchaus freien Verhältnisses von Angebot und Nachfrage, darin Zwang zu sehen, legt von Selbstverblendung oder bösem Willen Zeugnis ab.“
„Wenn dem so ist, wie unser lieber Professor sagt,“ erklärte jetzt Frau Wera, „so kann ich ihm nur recht geben. Wenn in Europa die Arbeitenden es vorziehen, Zins für die Benutzung von anderer Leute Kapital zu zahlen, anstatt daß sie ihr eigenes verwenden, so halte auch ich es für unbillig, wenn man da von Zwang spricht.“
„Diese Leute, welche in Europa anderer Leute Kapital benutzen, thun dies nicht aus Vorliebe für fremdes Kapital,“ belehrte Tenax seine hinterlistige Freundin, „sondern deshalb, weil sie kein eigenes haben.“
„Das sind also wohl leichtsinnige Verschwender und Prasser, die alles vergeuden, was sie verdienen, oder Faulpelze, die nichts arbeiten wollen, während die anderen, bei denen sie dann um Kapital betteln müssen, die Sparsamen und die Fleißigen sind?“
„So ganz richtig ist auch das nicht, schöne Frau,“ docierte der Professor, der nun zu merken begann, daß ihn seine Freundin — wie er glaubte, allerdings ganz unschuldigerweise — da arg aufs Eis gelockt habe, der aber doch zu ehrlich und zu verständig war, um die Frage kurzweg zu bejahen. „Es giebt zwar unter den von Kapital Entblößten auch Verschwender, Trunkenbolde und Müßiggänger, gleichwie es unter den Kapitalbesitzern sparsame und fleißige Leute giebt; aber im allgemeinen kann man doch nicht eigentlich sagen, daß dieser Unterschied dasjenige erkläre, worauf es hier ankommt. Ich will sogar zugeben, daß im Durchschnitt die Reichen bei uns mehr verzehren und weniger arbeiten als die Armen. Jedoch .....“
„Sonderbar, höchst sonderbar,“ rief Frau Wera mit erstaunter Miene. „Wie kommt es dann, daß jene die Armen und diese die Reichen sind?“
„Nun, Sie müssen wissen, die Armen haben eben nichts als ihre Arbeitskraft, und diese allein ist unfruchtbar, während den Reichen dasjenige gehört, was zur Befruchtung der Arbeitskraft erforderlich ist; folglich haben sie das Recht, von den Armen dafür, daß sie ihnen die Mittel zur Arbeit geben, Anteil vom Nutzen zu verlangen, und dieser Anteil vom Nutzen, der sich in ihren Händen aufhäuft, ist es, was sie reich macht, während jene arm bleiben müssen.“
„Ja, das verstehe ich schon, Herr Professor; jene sind arm, weil sie nichts haben, und diese sind reich, weil sie viel haben — das leuchtet mir ein. Aber Sie entschuldigen schon die Begriffsstutzigkeit einer Frau, die in frühester Jugend Ihr gesegnetes Europa verlassen hat und sich in dessen Zuständen und Rechtsgrundsätzen nicht mehr ganz genau zurechtfinden kann. Das, was die Reichen den Armen gegenüber voraushaben, die Mittel zur Arbeit, das sind doch wohl Felder und Wiesen, Gebäude, Maschinen und Geräte, nicht wahr? Da hat also wohl der liebe Gott die Felder und Wiesen in Europa eigens für die Reichen erschaffen, die Häuser, Maschinen, und Werkzeuge aber haben die Reichen, weil sie die Klügeren sind, angefertigt und lassen sich nun all das von jenen Leuten bezahlen, die wegen ihrer Gottlosigkeit ausgeschlossen sind vom Besitze der Erde und die überdies dumm genug waren, bloß Nahrungsmittel, nicht aber auch Arbeitsinstrumente zu erzeugen?“
Der Professor merkte nun freilich, wo Frau Wera mit ihm hinauswolle und fing daher an, ärgerlich zu werden. „Das ist alles höchst unwissenschaftlich, was Sie da sagen, verehrte Frau,“ erklärte er. „Ob Gott einen Unterschied zwischen arm und reich macht oder nicht und ob die Armen es sind, welche die Arbeitsgeräte erzeugten, gerade so gut als die Nahrungsmittel thut hier nichts zur Sache; irgend jemand muß doch die Erde und die Arbeitsinstrumente besitzen, und das sind eben die Reichen.“
„Professor, Professor,“ sagte nun Frau Wera, die scherzhafte Miene ablegend und Tenax mit ihren großen, klaren Augen voll anblickend, „Sie bewegen sich da in einem häßlichen Cirkel; die Knechtschaft erklären sie aus der Armut und die Armut aus der Knechtschaft. Wenn es richtig ist, daß die Arbeitenden den Gewinn abtreten müssen, weil ihnen die Arbeitsmittel fehlen, und wenn ihnen diese fehlen, weil sie den Gewinn abtreten müssen; dann, so sollte man meinen, versteht es sich doch von selbst, daß der Gewinn ihnen gehört, wenn sie im Besitze der Arbeitsmittel sind, und daß diese ihnen gehören, wenn sie den Gewinn für sich behalten. Oder hat der Gedanke der Freiheit und Gleichberechtigung etwas gar so Abschreckendes für Sie, daß Sie sich, aller Logik zum Hohn, gegen ihn sträuben?“