Was nun zunächst das fehlende „Finanzministerium“ anlangt, so vertritt dessen Stelle in Freiland höchst wirksam die Centralbank. Sie ist es, die alle Einnahmen aller Bewohner des ganzen Landes noch vor diesen selbst in Händen hat; es bedarf daher keiner Steuereinnehmer, um die Abgaben einzutreiben; es genügt zu diesem Behufe, daß die Centralbank sie den Abgabepflichtigen zu Lasten und dem Gemeinwesen zu gunsten schreibe.

Auch das Fehlen eines „Kriegsministeriums“ darf nicht dahin ausgelegt werden, als ob es Freiland an allen militärischen Vorkehrungen zur Wahrung seiner Sicherheit nach außen fehle. Die Freiländer haben eine Armee und zwar, wie ich glaube, heute schon, trotzdem die Bevölkerungszahl zweiundeinhalb Millionen Seelen noch nicht überschritten hat, eine geradezu formidable Armee, die jeden, auch den mächtigsten Feind, der es wagen würde, Freiland anzugreifen, mit Leichtigkeit zerschmettern könnte. Nur ist es nicht eine Kriegsverwaltung, sondern — dem Ausländer mag das seltsam erscheinen — die Unterrichtsverwaltung, welche mit dieser Armee zu thun hat. Ähnlich wie bei den alten Griechen nimmt nämlich in der Jugenderziehung die Ausbildung jeglicher Art körperlicher Tüchtigkeit und darunter denn auch der Tüchtigkeit in der Handhabung von Waffen eine hervorragende Stelle ein. Von der Mittelschule angefangen werden in eigens dazu eingerichteten großartigen Anstalten die Knaben und Jünglinge Freilands täglich durch mindestens zwei Stunden im Turnen, Schwimmen, Reiten, Fechten und Schießen geübt, die Zöglinge der technischen Hochschulen auch in der Bedienung von Geschützen. Wenn man nun bedenkt, daß es hier keine ausgemergelten, herabgekommenen Proletarier giebt, sondern daß jeder freiländische Jüngling die Vollkraft all seiner geistigen wie körperlichen Anlagen entwickeln kann, und sich vergegenwärtigt, welcher Vollendung ein solches Menschenmaterial durch von Jugend auf geübte, planmäßige Ausbildung fähig ist, so wird man mir glauben, wenn ich versichere, daß die aus diesen Schulen hervorgehenden freiländischen Schützen, Reiter und Kanoniere denen der besten europäischen Armee genau im selben Maße überlegen sind, wie die Zöglinge der griechischen Gymnasien den Barbarenhorden Persiens überlegen waren. Zwar hatte ich natürlich keine Gelegenheit, Freiländer im Ernstkampfe zu sehen, denn bisher war Freiland der Notwendigkeit eines ernsten Kampfes enthoben; aber ich sah sie bei ihren Waffenspielen, wo in der Regel mit scharfer Ladung nach sinnreich hergerichteten und meist auch beweglichen Zielen geschossen wird; ich konnte also die Wirkung freiländischen Einzel- und Rottenfeuers beobachten und ich wage kühnlich die Behauptung, daß solchem Feuer keine europäische Truppe auch nur wenige Minuten lang zu widerstehen vermöchte.

Die der Schule entwachsenen Jünglinge besitzen zum Zwecke der Fortführung der Waffenübungen eine freiwillige Organisation unter selbstgewählten Führern und alljährlich werden große Gau- und Landesübungen von ihnen abgehalten, in denen sowohl Einzelkämpfer als ganze, bis zu Tausendschaften vereinigte Abteilungen sich um unterschiedliche Preise bewerben, die zwar in nichts anderem bestehen als in einfachen Lorbeerzweigen, die aber deswegen nicht minder heiß umstritten werden, wie einst die Ölzweige der isthmischen Spiele bei den alten Griechen. Nun denn, ich war Zeuge eines solchen Kampfes und konstatiere, daß die siegreiche Tausendschaft den Preis zuerkannt erhielt auf Grund eines Schießergebnisses, welches 6780 Treffer bei zehn auf tausend Meter Distanz binnen einer Minute abgegebenen Salven aufwies. Nun weiß ich wohl, daß es ein Unterschied ist, ob man an wehrlose hölzerne — nebenbei bemerkt genau mannsgroße — Zielscheiben oder auf das Feuer erwidernde Feinde seine Schüsse abgiebt. Aber es ist ja nicht gerade nötig, daß tausend Mann in einer Minute die sechs- bis siebenfache Zahl niederschießen, um sie schlechterdings unnahbar für jeden Feind mit menschlichen Nerven zu machen. Und wer dies Resultat vielleicht für unglaublich hält, der möge bedenken, daß auch im bisherigen Verlaufe der Geschichte noch stets der harmonisch entwickelte Vollmensch über herabgekommene Knechte den Sieg davongetragen hat, mag das Zahlenverhältnis da und dort noch so ungleich gewesen sein. Nicht das Feldherrngenie des Miltiades war es, was bei Marathon, und eben so wenig das des Pausanias, was bei Platäa den Ausschlag gab, sondern die unwiderstehliche Waffengewandtheit der in den „Gymnasien“ von Athen und Sparta ausgebildeten griechischen Männer, gegenüber den hilflosen Horden asiatischer Sklaven. Was sollte also Wunderbares daran sein, wenn die Zöglinge der freiländischen Gymnasien eine ähnliche Überlegenheit jenen Horden gegenüber an den Tag legen würden, welche die bürgerliche Welt gegen sie aufzubieten vermöchte?

Zu erklären wäre auch noch, warum in Freiland Gesundheitspflege und Justiz in einem Verwaltungskörper zusammengefaßt sind. Es spricht dies zunächst für eine Geringschätzung der Gerechtigkeitspflege, die überall in der bürgerlichen Welt geradezu als die Grundlage der gesamten gesellschaftlichen Ordnung hingestellt und als solche auch ganz besonderer Fürsorge gewürdigt wird. Der Unterschied liegt eben darin, daß hierzulande die Gerechtigkeit in den allgemeinen Einrichtungen liegt und daß man es demnach nicht notwendig hat, sie durch besondere Einrichtungen erzwingen zu wollen. Die bürgerliche Welt, die auf dem Unrechte beruht, indem sie neun Zehnteile aller Menschen zwingt, ihren eigenen Vorteil dem Vorteil der Gesamtheit oder dem, was man dafür hält, aufzuopfern, sie muß natürlich sehr umständliche Vorkehrungen treffen, damit die solcherart zur Preisgebung ihres eigenen Vorteils Gezwungenen sich dem Gebote der Allgemeinheit fügen. In Freiland wird von niemand gefordert, zu thun, was ihm schadet, zu unterlassen, was ihm nützt, hier steht der Nutzen der Allgemeinheit in vollständigstem Einklange mit jedermanns Eigeninteressen; es ist also überflüssig, dieses vom unübersteiglichen Walle der gesamten Einzelinteressen umgebene Gesamtinteresse noch durch besondere Schutzvorkehrungen zu verteidigen. Wir haben also hier schlechterdings keine Polizei und keine Gerichte im europäischen Sinne. Es kommen zwar Streitigkeiten hie und da vor, aber diese werden durch freiwillig und unentgeltlich ihres Amtes waltende Schiedsrichter geschlichtet. Ebenso giebt es auch in Freiland Verbrecher; doch betrachtet man diese als geistig oder moralisch Kranke und behandelt sie dementsprechend, d. h. man bestraft sie nicht, sondern sucht sie zu bessern. Und Ärzte, nicht Richter sind es, denen die Leitung und Überwachung des Besserungsverfahrens obliegt. Letzteres ist der Grund, warum das Justizwesen mit der Gesundheitspflege in einer Hand zusammengefaßt ist, wobei bemerkt werden muß, daß diese Behandlung der geistig und moralisch Kranken Freiland geringe Sorge bereitet, da es verhältnismäßig nur sehr wenige sind, die ihr unterzogen werden müssen.

Auch darin liegt durchaus nichts Wunderbares; die Freiländer sind weit entfernt, Engel zu sein. Es ist zwar zu hoffen, daß in nicht allzu ferner Zeit und jedenfalls nach Verlauf einiger Generationen das Fehlen fast aller Anreize zu gesetzwidrigen Handlungen eine wohlthätige Umwandlung auch in der Anlage und in der Natur der Menschen hier hervorrufen wird. Gleichwie körperliche Organe, die andauernd nicht geübt werden, verkümmern müssen, so gilt dasselbe auch für die Organe des Seelenlebens. Auch der schlechteste Mensch thut, sofern er nur zurechnungsfähig ist, nichts Böses ohne Anlaß, und auch der Beste kann zum Verbrecher werden, wenn der Anreiz dazu übermächtig wird; aber deshalb ist es doch nicht minder wahr, daß gute sowohl als schlechte Handlungen von Einfluß auch auf den Charakter des Menschen sind; schlechte Handlungen machen schlecht, gute Handlungen gut. Es ist also zu erwarten, daß die Menschen hier, wo ihnen jeder Anlaß, schlecht zu handeln, fehlt, stets besser und besser werden dürften. Aber bis sich diese Veredelung der Charakteranlagen vollzieht, wird wohl noch geraume Zeit vergehen, und einstweilen — ich wiederhole es — kann ich die Freiländer nicht, ihrem innersten Kerne nach, als bessere Menschen anerkennen, wie unsere Mitbrüder da draußen. Nichtsdestoweniger behaupte ich, daß die ganz außerordentliche Seltenheit von Verbrechen hier nichts Wunderbares sei. Morden, stehlen, betrügen denn die Leute da draußen aus purer Bosheit und zu ihrem Vergnügen? Sie thun es — zu neunundneunzig Hundertteilen mindestens — bloß aus Not oder Verführung. Nun, diese Not oder Verführung giebt es hier nicht. Es fehlt also jeder Anlaß zu neunundneunzig unter hundert Verbrechen, die da draußen begangen werden, und das ist der Grund, warum sie hier nicht begangen werden.

Natürlich ist das soeben betonte Fehlen von Not und Verführung nicht so zu verstehen, als ob der Unterschied zwischen Freiland und dem Auslande bloß darin bestünde, daß die Leute hier satt, dort hungrig sind. Auch die Satten begehen — wenn auch nicht so häufig wie die Hungrigen — in der bürgerlichen Welt Verbrechen genug; aber sie thun es, weil sie sich gleichsam in stetem Kriegszustande mit allen ihren Mitmenschen befinden und weil man es im Kriege naturgemäß mit Recht oder Unrecht nicht so genau nimmt wie im Frieden und unter guten Kameraden. Man bedenke, daß es selbst unter den Verworfensten, unter den Gaunern und Banditen in der bürgerlichen Welt, eine Art Standesehre giebt, die nichts anderes ist, als die Scheu, denjenigen zu verletzen, von welchem man voraussetzt, daß er uns nicht verletzen würde und daß er darauf vertraut, daß wir sein Recht achten. Wenn also die Freiländer ihre Rechte gegenseitig ohne Ausnahme achten, so könnte man beinahe behaupten, daß sie in diesem Punkte gar nichts anderes thun, als was, von verschwindenden Ausnahmen abgesehen, in ähnlicher Lage der Verworfenste in Europa auch thäte: sie verschonen die Kameraden. Und der Unterschied liegt bloß darin, daß die Freiländer alle Kameraden sind, während die Angehörigen der bürgerlichen Welt sich in der Regel als Feinde betrachten und behandeln.

Nachdem ich meine Stimme für die zwei mich interessierenden Wahlen abgegeben hatte, beschloß ich, geführt von Freund Karl, die im selben Gebäude — dem freiländischen Volkspalaste nämlich — gelegenen andern Wahllokale in Augenschein zu nehmen, um mir das Treiben dort zu betrachten.

Als wir den Sitzungssaal des Vertretungskörpers für die freiländische Centralbank betraten, wo die Wählerversammlung des betreffenden Wahlkörpers zu tagen pflegt, tönten uns unwillige Rufe entgegen und wir bemerkten, daß sich die Menge um einen Redner gruppierte, dessen Ausführungen sichtlich diese Unruhe hervorriefen. Näher tretend sahen wir unsern Freund Tenax, der, wie ich nachholen muß, uns vor einigen Tagen mitgeteilt hatte, er trage sich trotz der mannigfachen Gebrechen des freiländischen Gemeinwesens mit der Absicht dauernder Ansiedelung in unserer Mitte und der hier offenbar einen ersten Versuch machte, sein Scherflein zur Verbesserung irgend eines der gerügten Gebrechen beizusteuern. Als solches entwickelte er, wie wir uns alsbald überzeugten, seinen augenblicklichen Hörern die exorbitante Höhe der freiländischen Steuer.

„Freiland will doch“ — so rief er — „von Grundrente und Kapitalzins nichts wissen; wenn man euch aber fünfunddreißig Prozent Steuer vom gesamten Einkommen zahlen läßt, so steckt darin schon reichlich Rente wie Zins und ihr seid noch übler daran als die Leute da draußen, die doch im Durchschnitt nicht mehr als vier bis fünf Prozent unter beiden Titeln, zusammen also, wenn es hoch kommt, zehn Prozent bezahlen müssen.“

Zu unseres Professors großer Überraschung verfehlte dieses schlagende Argument gänzlich seine Wirkung, rief vielmehr bloße Heiterkeit hervor. Zwar hatten einzelne Mitglieder der Versammlung nicht übel Lust, die Sache tragischer zu nehmen und sich über die Behauptungen unseres Freundes ernsthaft zu ärgern; es waren das einige erst kürzlich vom Auslande eingetroffene Neulinge, die jedoch von der Majorität der älteren Freiländer alsbald beruhigt wurden, indem man ihnen bedeutete, hier müsse jedem gestattet sein, seine Meinung frei zu äußern.