Als der Professor den unerwarteten Heiterkeitserfolg seiner Rede wahrnahm, war seine Verlegenheit groß, dermaßen, daß einer der Anwesenden, sichtlich bloß, um dem sonderbaren Gaste die Beschämung zu ersparen, daß man seine Auseinandersetzungen nicht einmal einer Antwort würdige, zu einer kurzen Erwiderung das Wort nahm.
„Freunde“ — so rief er — „dieser Mann meint es wahrscheinlich ganz ehrlich mit uns und nicht seine Schuld ist es wohl, wenn er, den Kopf noch voll Grillen, die da draußen künstlich gezüchtet werden, hier bei uns den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen kann. Vielleicht gehen ihm die Augen auf, wenn ich ihn an zweierlei erinnere. Erstens daran, daß da draußen Grundzins wie Kapitalzins von der Summe des Kapitals gezahlt werden, während hier die Steuer vom Einkommen erhoben wird. Ich habe draußen in einer Fabrik gearbeitet, von welcher ich mich noch ganz wohl erinnere, daß die fünfprozentigen Zinsen des darin steckenden Kapitals im Jahresdurchschnitt ziemlich genau so viel betrugen, als die gesamten Löhne der dabei beschäftigten Arbeiter, den Direktor und das Aufsichtspersonal mit inbegriffen. Und mein Vater war Großknecht bei einem Pächter, der jährlich zweimal soviel Pachtzins zahlen mußte, als die Löhne seines gesamten Personals betrugen. Das Zweite aber, was ich ihm sagen möchte — und das ist in meinen Augen die Hauptsache — besteht darin, daß der Zins da draußen anderen Leuten gehört und von diesen zu ihrem Vorteil verwendet wird, während die Steuer in Freiland uns gehört und bis auf den letzten Heller für uns verwendet wird. Mir kommt es nicht bloß darauf an, wie viel ich zahle, sondern auch wovon und wofür ich es zahle; da draußen war ich ein armer Teufel, der den letzten, überhaupt entbehrlichen Heller hergeben mußte, damit sich andere bereichern — hier bin ich ein reicher Mann, der dafür zahlt, daß er noch reicher werde. Und diesen Unterschied hat eben unser neuer Freund vergessen.“
Den Grad der Beschämung unseres guten Professors kann nur derjenige ermessen, der da weiß, wie sehr den meisten Lehrern das widerspruchlose Docieren vom Katheder herab zur zweiten Natur geworden ist. Auch ließ sich nicht verkennen, daß er die Berechtigung der ihm zu teil gewordenen Lektion im innersten Gemüte empfand; und so störten wir ihn denn nicht als er, ohne von uns Abschied zu nehmen, sich wortlos in der Menge verlor.
Vierzehntes Kapitel.
Über Geselligkeit, Liebe und Religion in Freiland.
Die beiden Regenzeiten, deren größere im Juli und deren kleinere im Oktober zu Ende geht, sind in Freiland der Karneval. Man darf sich unter diesen Regenzeiten keine Epochen ununterbrochener atmosphärischer Niederschläge vorstellen, ebensowenig als unter der trockenen Zeit eine Epoche ununterbrochener Dürre; es giebt in Afrika das ganze Jahr hindurch Regen, sowohl als schönes Wetter, nur überwiegt in der Regenzeit ersteres, in der Trockenzeit letzteres in ausgesprochenem Maße. Indessen gilt selbst dieser Gegensatz nur für das äquatoriale Tiefland in voller Schärfe, während die Berg- und Alpenlandschaften am Kenia und in dessen unmittelbarer Nachbarschaft denen der gemäßigten Erdstriche ähnlichere Witterungsverhältnisse aufweisen. Damit aber, daß es in den beiden Regenepochen beinahe täglich ausgiebige Niederschläge giebt, hat es auch hier seine Richtigkeit; die Vormittage sind meist schön und klar, gegen die Nachmittagsstunden aber ziehen sich um die Gipfel des Kenia dichter und dichter Wolken zusammen, die dann des Abends und meist die halbe Nacht hindurch in Form von Gewittern niedergehen, von deren Heftigkeit man in Europa schwerlich eine Vorstellung hat. Die Nächte sind um diese Zeit für den Aufenthalt im Freien schlechterdings ungeeignet, und danach hat sich denn das Volk von Freiland auch in seinen Vergnügungen gerichtet.
Während es in der schönen Zeit üblich ist, die balsamischen Nächte, soweit sie nicht dem Schlafe gewidmet sind, zu Ausflügen und zu allerlei anderen Unterhaltungen im Freien zu benutzen, vergnügt man sich in der Regenzeit vorwiegend in gedeckten Räumen und dabei spielt der Tanz eine hervorragende Rolle. Jeder freiländische Ort hat ein oder mehrere Vergnügungskomitees, welche die Veranstaltung öffentlicher Bälle in die Hand nehmen, und daneben finden sich die Familien mit erwachsenen Töchtern regelmäßig zu kleineren Tanzvergnügungen im Freundeskreise zusammen. Nur darf man sich unter diesen öffentlichen und Hausbällen beileibe nicht das vorstellen, was in Europa darunter verstanden wird. Man kommt hier nicht zusammen, um sich durch den Putz gegenseitig auszustechen, einander zu verlästern und sich gegenseitig über einander zu ärgern, sondern ausschließlich des Vergnügens halber und ohne irgend welchen andern Hintergedanken. Juwelen sind hier unbekannt; nicht etwa, daß die Freiländer und Freiländerinnen der Eitelkeit gänzlich entbehren würden; im Gegenteil, sie legen sehr großen Wert auf die Schönheit der äußern Erscheinung und insbesondere die Frauen sind eifrig bemüht, ihre körperlichen Vorzüge zur Geltung zu bringen. An den Mitteln zur Anschaffung von allerlei Kostbarkeiten würde es den Freiländern nicht fehlen, aber sie legen eben keinen Wert auf dieselben und zwar aus dem Grunde, weil die Kostspieligkeit einer Sache an und für sich hier nicht genügt, um sie irgend wem wünschenswert zu machen. So sonderbar es klingen mag, die Freiländerinnen ziehen Blumen als Schmuck den Juwelen vor. Dahinter vermutete ich anfangs irgend welche demokratische Tendenz, wurde aber von den Frauen, mit denen ich mich darüber in ein Gespräch einließ, alsbald eines besseren belehrt.
Daß Blumen schöner sind wie noch so künstliches und kostbares Geschmeide, wird vom Standpunkte unbefangener Ästhetik jedermann wohl zugeben; wenn man trotzdem in Europa letzteres höher schätzt, so hat dies seinen Grund nur darin, weil es kostbar ist und weil der Besitz kostbarer Sachen in der bürgerlichen Welt als Bescheinigung bevorzugter Lebensstellung gilt. Das Juwel ist dort gleichsam eine Art Adelszeichen, es beweist, daß sein Träger nicht zu den Knechten, sondern zu den Herren gehört, daß er das Recht hat, fremde Arbeit für sich auszunutzen, und darum, um diesen Adelstitel zu erlangen, verkaufen Tausende und Abertausende ihr und der Ihren Glück und Ehre.
„Glauben Sie wirklich,“ so fragte mich auf einem der hiesigen Bälle die Frau eines der Direktoren unserer Anstalt, „daß man Diamanten schätzt, weil sie schön sind? Ich kann Sie versichern, daß ich, als ich noch in Europa weilte, Diamanten von gewöhnlichen Glaskrystallen so wenig zu unterscheiden vermochte, als ich es jetzt vermöchte; trotzdem war damals meine Sehnsucht, ein Brillantenhalsband zu besitzen, während ich die Zumutung, ein Halsband aus Glaskrystallen anzulegen, mit Entrüstung von mir gewiesen hätte.“
„Wodurch erklären Sie sich das?“
„Ich wollte mich eben weniger schmücken, als vielmehr durch irgend etwas ausgezeichnet sein vor der großen Menge: ich bin fest überzeugt, wenn es in Europa das Vorrecht der sogenannten höheren Klassen wäre, einen Nasenring zu tragen, so würde jede Frau, die Wert auf gesellschaftliche Stellung legt, ihr Äußerstes daran setzen, um einen Nasenring tragen zu dürfen. Nun denn, Diamanten zu tragen ist, weil sie teuer sind, in Europa der Vorzug der mächtigen, einflußreichen Klassen, deshalb erwirbt man sie um den Preis weit angenehmerer, nützlicherer und schönerer Dinge. Und wenn es hier ebenso wäre, ich versichere Sie, trotz der Umwandlung, die mit mir in manchen Stücken hier vorgegangen ist, ich würde auch hier Diamanten tragen. Aber hier in Freiland würde der Diamant nicht zeigen, daß ich zu den Einflußreicheren, Mächtigeren, sondern daß ich zu den Thörichteren gehöre, nicht daß ich fremden Schweiß an die Erfüllung meiner Launen zu setzen vermag, sondern daß ich eigenen Schweiß oder den Schweiß der Meinen statt an nützliche und angenehme, an nutzlose und gleichgültige Dinge wende. Ich würde Bedauern statt Neid erregen, und das allein — Sie sehen, ich mache mich nicht besser als ich bin — ist der Grund, warum ich den Strauß hier an meiner Brust der kostbarsten Brosche, die Rosen hier im Haar allen Steinen der Welt vorziehe.“