Fünfzehntes Kapitel.
Über die Tüchtigkeit der gewählten Betriebsleitungen, künstlerische Produktion, Kommunismus und Anarchismus, Staatsbetrieb, allgemeine Anwendbarkeit der freiländischen Grundsätze und die Furcht vor Übervölkerung.

Professor Tenax will sich um eine Lehrkanzel für Nationalökonomie an der hiesigen Universität bewerben. Die letzten Monate hat er dazu verwendet, die Übereinstimmung der richtig verstandenen Lehrsätze der klassischen Ökonomie mit den freiländischen Grundsätzen nach allen Richtungen zu erforschen, und das Ergebnis seiner Untersuchungen und seines Nachdenkens war im allgemeinen ein günstiges. Doch hält es der gewissenhafte Mann für notwendig, eine Reihe von Bedenken, mit denen er aus eigener Kraft noch immer nicht fertig geworden ist, im Wege der Disputation mit hiesigen Fachgenossen zur Klärung zu bringen. Er hat deshalb zwei der hiesigen Volkswirtschaftslehrer gebeten, sich in ein abschließendes Wortgefecht mit ihm einzulassen, und mir erwies er die Ehre, Zeuge dieses Geistesturniers sein zu dürfen. Schauplatz desselben war die Wohnung des einen der hiesigen Professoren und heute der Tag, an welchem es zur Austragung kam.

„Ich muß vor allem“ — so leitete Professor Tenax die Schlacht ein — „bemerken, daß ich bezüglich eines Teiles meiner Bedenken selber ganz gut weiß, daß dieselben durch den bisherigen Verlauf der freiländischen Entwickelung thatsächlich Widerlegung fanden; aber ich bin Theoretiker und nicht Praktiker, ich will wissen, ob das, was ich hier sehe, aus inneren Gründen so sein muß, oder ob es vielleicht bloß zufällig so ist. Um also mit dem nächstliegenden zu beginnen, frage ich, welche Garantie dafür vorhanden ist, daß selbstherrliche Arbeiter sich allezeit die geschicktesten, tauglichsten Personen zur Leitung ihrer Geschäfte aussuchen werden und nicht diejenigen, die durch tönende Worte und verlockende Phrasen sich in ihre Gunst schmeicheln. In Europa zum mindesten hat man die Erfahrung gemacht, daß an der Spitze der Arbeiterparteien in der Regel Personen stehen, die gewaltig in Verlegenheit gerieten, wenn sie die von ihnen geführten Massen zu nützlicher Produktion anleiten sollten.“

„Die Arbeiter der bürgerlichen Welt“ — so antwortete ruhig der eine der freiländischen Professoren — „haben ganz recht, wenn sie nicht geschickte Geschäftsleute, sondern geschickte Agitatoren an ihre Spitze stellen, denn für sie handelt es sich ja nicht ums Produzieren, sondern ums Agitieren. Ebensowenig als daraus, daß ich mir für den Fall eines Krieges den tüchtigsten Haudegen zum Führer wähle, folgt, daß ich demselben Manne auch als Rektor unserer Universität meine Stimme geben würde, ebensowenig kann man daraus, daß agitierende Arbeiter die tüchtigsten Agitatoren, oder sagen Sie immerhin: die energischesten Schreier an ihre Spitze stellen, folgern, daß sie es ähnlich halten werden, wenn es sich um die Leitung ihrer Arbeit handelt. Die Arbeiter verstehen sich im Durchschnitt auf ihren Vorteil ganz gut und sind nicht so dumm, um zu übersehen, daß zur Leitung einer Fabrik andere Eigenschaften erforderlich sind, wie zur Leitung einer politischen Bewegung oder eines Ausstandes. Im übrigen sorgt gerade die Freiheit dafür, daß etwa begangene Mißgriffe sehr rasch gut gemacht werden. Denn eine übelgeleitete Gesellschaft wird am Beispiele der besser geleiteten Nachbargesellschaften klug, und geschieht dies nicht mit der gehörigen Beschleunigung, so sieht sich eine solche Gesellschaft im Handumdrehen von Mitgliedern entblößt und muß liquidieren. Das ist der Kampf ums Dasein, wie wir ihn verstehen und bei welchem das Unfähige, Untüchtige naturnotwendigerweise vom Besseren, Tüchtigeren abgelöst wird.“

Professor Tenax neigte zustimmend das Haupt und ging zu einer andern Frage über.

„Wie kommt es, daß die freiländische Arbeit durch Mißvergnügte und Unruhestifter nicht zu leiden hat? Verkannte Genies giebt es doch offenbar überall in der Welt und ebenso mangelt es nirgends gänzlich an Dummköpfen, welche an diese verkannten Genies glauben. Was geschieht, wenn hier solch ein Stänkerer mit seinem Anhang auftaucht? Ist nicht zu besorgen, daß er Verwirrung in die bestgeordnete Gesellschaft bringt?“

„Durchaus nicht,“ war die Antwort. „Gegen solche verkannte Genies haben wir eine unwiderstehliche Waffe, und diese besteht in nichts anderem, als in dem hier jedermann offenstehenden Rechte, seine Ideen zur Ausführung zu bringen. Es ist in der That wiederholt vorgekommen, daß Hohlköpfe Parteiungen versuchten; sie haben klein beigeben müssen, so wie man ihnen nahelegte, ihre großen Worte zur That zu machen. Die Mittel der Gesamtheit wären ihnen dafür zur Verfügung gestellt worden, so gut wie den bestehenden Gesellschaften, natürlich sofern sie Helfer bei praktischer Verwirklichung ihrer Ideen gefunden hätten; diese Helfer aber fanden sich eben beinahe niemals, so wie es galt, zur Ausführung zu schreiten. Hätte man die Leute zwingen wollen, vernünftig zu bleiben, so hätten sie über Gewalt geschrieen und des Räsonnierens wäre kein Ende gewesen; da es nur von ihnen abhing, welche Dummheit immer zu begehen, so ließen sie es weislich bleiben und das Räsonnieren hatte ein Ende. Die Freiheit hat sich auch in diesem Punkte als die beste Gewähr der Ordnung erwiesen.“

Abermals gab Professor Tenax seine Zustimmung zu erkennen und fuhr dann fort: „Ich kann mir jetzt der Hauptsache nach das nun folgende Bedenken selbst beantworten, nämlich die Frage, ob denn nicht von politischen und insbesondere socialpolitischen Parteiungen Zerwürfnisse zu erwarten seien. Wer z. B. ein Fanatiker der absoluten Gleichheit ist und sich dadurch gekränkt fühlt, daß seinem Direktor die Arbeit höher angerechnet wird als ihm selbst, dem steht es frei, sich — immer unter der Voraussetzung, daß er Genossen findet — einen Direktor zu suchen, der mit fünf oder sechs Stundenwerten täglich zufrieden ist. Aber derlei Versuche könnten, wenn sie häufiger vorkommen, doch störend werden; wie erklären sie, meine geschätzten Kollegen, daß solche radikale Gleichheitsduselei hier meines Wissens überhaupt gar nicht vorgekommen ist und daß ebensowenig anarchistische Experimente in Freiland unternommen wurden?“

„Das erklärt sich unseres Erachtens sehr einfach dadurch, daß die absolute Gleichheitsidee nichts anderes ist, als eine Hallucination des Hungerfiebers. Die Menschen sind so offenbar und sinnfällig weder an Fähigkeiten noch an Bedürfnissen gleich, daß nur ein Wahnsinniger auf den Gedanken geraten könnte, diese der menschlichen Natur zuwiderlaufende absolute Gleichheit zu erzwingen — wenn der Hunger nicht da wäre. Satt werden wollen alle Menschen, in diesem Punkte sind wir thatsächlich alle gleich, und in einer Gesellschaft, wo schmutziges, brutales Elend an der Tagesordnung ist, dort erklärt es sich, daß gleichmäßige Teilung verlangt wird. Zeigt sich aber, daß jedermann, wenn ihm nur die Mittel zur Bethätigung seiner Kräfte zugänglich sind, bei mäßiger Arbeit nicht bloß das Notwendige, sondern auch das Überflüssige, das Angenehme und das Schöne erlangen kann, handelt es sich nicht mehr darum, das Brot, sondern den Braten und das Konfekt zu verteilen, dann wäre es schlechthin albern, zu verlangen, daß jedermann die gleiche Portion erhalten müsse, gleichviel, ob er danach Verlangen trägt oder nicht.

„Und was den Anarchismus anlangt, das Bestreben, zugleich mit der Herrschaft auf wirtschaftlichem Gebiete, auch alle staatliche Ordnung über den Haufen zu werfen, so erklärt sich auch dieser bloß aus dem Hasse gegen eine bestimmte Form der staatlichen Ordnung, welche die Mehrheit dazu verurteilt, die Fortschritte der Kultur anderer mit den eigenen Entbehrungen zu bezahlen. Wo alles teilnimmt an den Früchten fortschreitender Kultur, dort fällt es niemand bei, jene Ordnung anzutasten, die Voraussetzung des Kulturfortschrittes ist.“