Es verkündet den Eigennutz als Triebfeder der Arbeit — genau so die bürgerliche Welt; aber in Wahrheit kennt bloß Freiland Arbeit zu eigenem Nutzen des Arbeitenden, während die bürgerliche Welt den Eigennutz als Triebfeder ihrer Arbeit erlügt; was sie kennt, ist Arbeit zu fremdem Nutzen, oder Nutzen aus fremder Arbeit.
Die Art und Weise, wie alle diese Prinzipien in Freiland ihre praktische Durchführung finden, wird sich aus dem nachfolgenden ergeben; schaden jedoch kann es nicht, wenn ich zu vorläufiger Orientierung das freiländische Grundgesetz hier im Wortlaute wiedergebe. Dasselbe besteht bloß aus fünf Absätzen, welche lauten:
1. Jeder Bewohner Freilands hat das gleiche unveräußerliche Anrecht auf den gesamten Boden und auf die von der Gesamtheit beigestellten Produktionsmittel.
2. Frauen, Kinder, Greise und Arbeitsunfähige haben Anspruch auf auskömmlichen, der Höhe des allgemeinen Reichtums billig entsprechenden Unterhalt.
3. Niemand kann, sofern er nicht in die Rechtssphäre eines andern greift, in der Bethätigung seines freien individuellen Willens gehindert werden.
4. Die öffentlichen Angelegenheiten werden nach den Entschließungen aller volljährigen (mehr als zwanzigjährigen) Bewohner Freilands ohne Unterschied des Geschlechts verwaltet, die sämtlich in allen, das gemeine Wesen betreffenden Angelegenheiten das gleiche aktive und passive Stimm- und Wahlrecht besitzen.
5. Die beschließende sowohl als die ausübende Gewalt ist nach Geschäftszweigen geteilt und zwar in der Weise, daß die Gesamtheit der Stimmberechtigten für die hauptsächlichen öffentlichen Geschäftszweige gesonderte Vertreter wählt, die gesondert ihre Beschlüsse fassen und das Gebaren der den fraglichen Geschäftszweigen vorstehenden Verwaltungsorgane überwachen.
Viertes Kapitel.
Wer mir in Freiland die Stiefel putzte und wie es dort in den Straßen aussieht. Das Eigentum an Wohnhäusern.
Die Sonne stand schon ziemlich hoch, als ich am ersten Morgen meines Aufenthaltes in Edenthal erwachte. Trotzdem war es noch recht kühl, und erfrischend wehte die balsamische Luft zum offenen Fenster herein, so daß ich die behagliche Wärme der mir am Abend durch ihre Dichte und Schwere aufgefallenen Bettdecken wohlig empfand. Edenthal liegt gerade unter dem Äquator, es sollte mich nicht wundern, wenn derselbe mathematisch genau just durch mein Zimmer hindurchzieht; man wäre also versucht zu meinen, daß es hier stets gleichförmig heiß sein müsse und daß besondere Verwahrungen gegen die Nachtkühle zu den denkbar überflüssigsten Dingen gehören. Dem ist jedoch nicht so; ein in der Nähe des Bettes angebrachtes Minimal- und Maximalthermometer zeigte, daß die Temperatur des Nachts bis auf 9 Grad Celsius gesunken war und auch jetzt — es war bereits acht Uhr morgens — erst 16 Grad Celsius erreicht hatte.
Den Sonnenaufgang, der in diesen Breiten jahraus jahrein pünktlich um sechs Uhr stattfindet, hatte ich also um zwei Stunden verschlafen. Das ärgerte mich, denn ich war ungeduldig, die Stadt und mehr noch die Einrichtungen Freilands kennen zu lernen, und so beschloß ich denn, rasch aufzustehen.