Der Bau wurde unverzüglich begonnen. Mächtige, neuartige Maschinen aller Art waren inzwischen in großer Zahl durch unsere freiländischen Maschinenfabriken konstruiert worden, und mit diesen ausgerüstet, griffen 5000 freiländische und 8000 Negerarbeiter das Werk an 18 Punkten zugleich an, wobei die 11 größeren und 32 kleineren Tunnels in einer Gesamtlänge von 38 Kilometern, die auf der Strecke vorkamen, und die jeder für sich ein eigenes Bauobjekt bildeten, gar nicht mitgezählt sind. Die Schienen — bestes Bessemermaterial — lieferten teils unsere eigenen Fabriken, teils — und zwar für die Strecke Mombas-Taweta — kamen sie aus Europa. Zwei Jahre nach Beginn des ersten Spatenstiches wurde die Teilstrecke Edenthal-Ngongo, drei Monate später die Strecke Mombas-Taweta und abermals ¾ Jahre später das Mittelstück Ngongo-Taweta dem Verkehr übergeben, so daß genau fünf Jahre, nachdem unsere Pioniere zum erstenmale den Boden von Freiland betreten hatten, die erste Lokomotive, die den Tag zuvor noch die Brandung des indischen Oceans an die Ufer von Mombas schlagen gesehen, die Gletscher des Kenia mit gellendem Pfiff begrüßte.

Daß dieses gewaltige Werk in so kurzer Frist und mit verhältnismäßig so geringem Arbeitsaufwande vollendet werden konnte, verdankten wir unseren Maschinen, auf deren Rechnung es auch zu stellen ist, daß der Kostenaufwand sich innerhalb verhältnismäßig billiger Grenzen hielt, trotzdem wir unseren Arbeitern — selbstverständlich — Löhne zahlen mußten, wie sie wohl noch bei keinem Eisenbahnbaue jemals vorgekommen. Unsere freiländischen Eisenbahnbauer — sie hatten sich natürlich sofort zu einer Anzahl von Associationen zusammengethan — bezogen im ersten Baujahre einen Tagesverdienst von je 22 Sh., im dritten einen solchen von 28 Sh. — und arbeiteten dabei bloß je 7 Stunden täglich. Trotzdem kosteten die gesamten 1082 Kilometer, meist ziemlich schwieriger Gebirgsbahn, bloß 9½ Millionen Pfd. Sterling, d. i. nicht ganz 9000 Pfd. Sterling per Kilometer. Unsere 13000 Arbeiter leisteten eben mit ihren großartigen kraftersparenden Maschinen mehr, als 100000 gewöhnliche Arbeiter mit Haue, Krampe und Karren auszurichten vermocht hätten: und die Verwendung dieses kolossalen, mehr als 4 Millionen Pfd. Sterling verschlingenden „Kapitals“ war „rentabel,“ gerade weil die Arbeit so hohen Lohn empfing.

Daß zugleich mit dieser — zweigeleisigen — Eisenbahn auch ein Telegraph zwischen Edenthal und Mombas gelegt wurde, ist selbstverständlich.

Während aber diese Arbeiten im Zuge waren, und die unaufhaltsam anwachsende Bevölkerung von Freiland in engere Berührung mit der alten Heimat trat, hatten sich in den Beziehungen zu unseren eingeborenen afrikanischen Nachbarn wichtige Veränderungen vollzogen, teils friedlicher, teils kriegerischer Natur, die von nicht minder bedeutsamem Einflusse auf den Entwickelungsgang unseres Gemeinwesens waren.

Zunächst hatten die Massai von Leikipia und aus dem Seengebiete zwischen Naiwascha und Baringo aus eigener Initiative und auf eigene Kosten, wenn auch unter Anleitung von ihnen erbetener freiländischer Ingenieure, eine gute, 380 Kilometer lange Fahrstraße durch ihr ganzes Gebiet vom Naiwaschasee erst nördlich und dann östlich durch Leikipia bis nach Edenthal gebaut. Sie erklärten, es gehe wider ihre Ehre und ihren Stolz, daß sie durch fremdes Gebiet von uns getrennt seien und wenn sie uns oder wir sie besuchen wollten, der einzige praktikable Weg über das Land der Wakikuja genommen werden müsse. So groß war der eifersüchtige Wunsch nach unmittelbarem Anschlusse an unser Gebiet, daß die Massai, als sie ein Teil der angeworbenen Wataweta-Straßenarbeiter irgend einer Mißhelligkeit halber während der besten Bauzeit plötzlich im Stiche ließ, selber zugriffen und abwechselnd in der Zahl von 3000 das Werk mit einer Energie förderten, die Niemand bei diesem noch vor kurzem so arbeitsscheuen Volke für möglich gehalten hätte. Wir beschlossen denn auch, diesen Beweis ungewöhnlicher Anhänglichkeit und Tüchtigkeit durch einen ebenso hervorragenden Akt der Anerkennung zu belohnen. Als die Massaistraße fertig war und eine aus den Ältesten und Führern aller Stämme bestehende Massaideputation auf derselben freude- und triumphstrahlend ihren Einzug in Edenthal hielt, wurde dieselbe mit großen Ehren empfangen, und mit Geschenken für das ganze Massaivolk bedacht, die dem Bauwerte der neuen Straße ungefähr gleichkamen.

Die damit bewerkstelligte innigere Verbindung mit den nördlichen und westlichen Massaistämmen brachte uns bald darauf in Berührung mit den am Ostufer des Ukerewe-Sees wohnenden Kawirondo. Diese, ein sehr zahlreicher und friedlich von Ackerbau und Viehzucht lebender Volksstamm, grenzten im Norden ihres Gebietes an Uganda, wo in den letzten Jahren mannigfache innere Kämpfe und Umwälzungen vor sich gegangen waren. Unähnlich den anderen Völkern, die wir bis dahin kennen gelernt und die sämtlich in unabhängigen, nur lose verbundenen kleinen Stämmen, meist unter freigewählten Häuptlingen mit geringem Einflusse lebten, waren die Wangwana (der Name für die Bewohner von Uganda) schon seit Jahrhunderten zu einem größeren, despotisch regierten Staate unter einem Kabaka oder Kaiser vereinigt. Ihr Reich, dessen Stammland sich längs des Nordufers des Ukerewe erstreckt, war von wechselndem Umfange, je nachdem die wilde Eroberungspolitik des jeweiligen Kabaka den umliegenden Völkerschaften gegenüber von größerem oder geringerem Erfolge begleitet war; stets aber blieb Uganda eine Geißel für alle Nachbarn, die unter den unaufhörlichen Beutezügen, Erpressungen und Grausamkeiten der Wangwana litten. Weite, fruchtbare Landstriche verödeten unter dieser Plage, und als vollends seit einer Reihe von Jahren der Kabaka es verstanden hatte, sich durch Vermittelung arabischer Händler in den Besitz einiger tausend — wenn auch recht miserabler — Gewehre und einiger Geschütze zu setzen, mit welch Letzteren er mangels geeigneter Munition allerdings wenig auszurichten vermochte, wuchs der Schrecken vor dem grausamen Raubstaate in riesigen Dimensionen. Gerade in die Zeit unserer Ankunft am Kenia war eine Epoche vorübergehender Ruhe gefallen, weil die Wangwana, durch innere Streitigkeiten allzusehr beschäftigt, ihren Nachbarn geringere Aufmerksamkeit schenken konnten. Nach des letzten Kabaka Tod machten sich dessen zahlreiche Söhne die Herrschaft in Kriegen streitig, die, mit bestialischer Wut geführt, das Land schrecklich verheerten, bis endlich einer der Prätendenten, der den Namen des durch seine unerhörte Grausamkeit wie durch sein Kriegsglück berühmten großen Ahnen Suna führte, sich im Vorjahre durch Verräterei der Mehrzahl seiner Brüder entledigte. Von da ab konzentrierte sich die Macht mehr und mehr in dieses Kabaka Händen und sofort begannen auch die Überfälle und Brandschatzungen der benachbarten Stämme. Insbesondere richtete sich Sunas Zorn gegen die Kawirondo, weil diese einen seiner Brüder, der zu ihnen geflüchtet, ihm nicht ausgeliefert, sondern hatten entwischen lassen. Wiederholt waren einige tausend Wangwana in Kawirondo eingefallen, hatten Menschen und Vieh geraubt, die Dörfer angezündet, die Bananen umgehauen, die Ernten verwüstet und sich dabei unmenschliche Grausamkeit zu schulden kommen lassen. Die Kawirondo wandten sich in ihrer Not an die nördlichen Massaistämme um Hülfe. Es war die Kunde zu ihnen gedrungen, daß wir den Massai Gewehre und Pferde geschenkt hätten, und sie baten nun diese, ihnen eine Schar europäisch ausgerüsteter Krieger zur Bewachung ihrer Grenze gegen Uganda zu senden; als Lohn versprachen sie jedem ihnen zu Hülfe ziehenden Massaikrieger neben vollständiger reichlicher Verpflegung einen Ochsen monatlich, den Reitern zwei.

Weniger dieses Lohnes halber, als um ihrer Abenteuerlust zu genügen, sagten die Massai zu. 2500 El-Moran machten sich nach Kawirondo auf und bezogen dort — es war das im März des vierten Jahres von Freiland, an der Grenze gegen Uganda eine Reihe von Kantonnements.

Anfangs ging auch alles vortrefflich; die Wangwanaräuber wurden, wo sie sich zeigten, mit blutigen Köpfen heimgeschickt, auch wenn sie mit bedeutender Übermacht auftraten und es schien nach einigen Monaten fast, als ob man in Uganda, durch die empfangenen herben Lektionen gewitzigt, Kawirondo künftighin in Frieden zu lassen gedenke, denn es verlautete geraume Zeit nichts mehr von neuen Einfällen. Da plötzlich, wir waren in Freiland eben mit Einbringung der Oktoberernte beschäftigt, traf uns die erschütternde Kunde von einer schrecklichen Katastrophe, die über unsere Massaifreunde in Kawirondo hereingebrochen. Der Kabaka Suna hatte nur Ruhe gehalten, um zu einem größeren, vernichtenden Schlage auszuholen. Während die bisherigen Einfälle nach Kawirondo immer nur mit wenigen tausend Mann versucht worden waren, vereinigte er diesmal 30000 Mann, darunter 5000 Flintenträger, und überfiel mit diesen persönlich die ahnungslosen Kawirondo und Massai. Es gelang ihm, die 900 Mann mit 300 Pferden zählende Massaibesatzung eines Grenzlagers beinahe im Schlafe zu überfallen und bevor sie sich noch zu ernstem Widerstande zu sammeln vermochte, niederzumetzeln. Dadurch waren die Massai nicht bloß um mehr als ein Drittel ihrer Stärke reduziert, sondern außerdem in zwei zusammenhanglose Teile getrennt, denn das überfallene Lager lag gerade im Centrum ihres Grenzkordons. Statt nun aber schleunigst den Rückzug anzutreten und bestenfalls erst nach vollzogener Vereinigung ihrer getrennten Streitkräfte die Offensive zu ergreifen, ließ sich einer der Massaiführer, kaum daß er 500 Mann zusammengerafft hatte, in der Wut über den Untergang so vieler seiner Kameraden zu einem tollkühnen Angriffe auf die ungeheuere Überzahl der Feinde verleiten, fiel dabei in einen Hinterhalt und wurde, nachdem er seine Patronen nur zu rasch verschossen hatte, mitsamt den Seinen, von denen nur wenige Mann entkamen, nach heldenmütigem Widerstande gleichfalls niedergemetzelt. Nur 1100-1200 Massai vermochte unser nunmehr das Oberkommando übernehmende Freund Mdango auf dem andern Flügel zu vereinen und mit diesen gelang es ihm auch, einen ziemlich geordneten Rückzug ins Innere von Kawirondo anzutreten, wenig verfolgt von Suna, dessen Hauptaugenmerk auf die Bergung der kolossalen Beute gerichtet war.

Noch am nämlichen Tage, an welchem uns Massai- und Kawirondo-Eilboten diese Trauerkunde überbrachten, ging unser Ultimatum an Suna ab. Den Massai, die sich erboten hatten, ihre gesamten Krieger gegen Uganda zu senden, ließen wir sagen, 1000 Mann zu den noch in Kawirondo stehenden 1200 seien mehr als genug; diese 2200 Massai stellten wir unter freiländische Offiziere, nahmen aus unserer Mitte 900 Freiwillige, darunter 500 Reiter, dazu 12 Geschütze und 16 Raketen nebst 30 Elefanten, und schon am 24. Oktober brach Johnston, der Führer dieses Kriegszuges, unter Benutzung der Massaistraße nach Kawirondo auf.

Dort traf er rings um das — jetzt, wo es zu spät war, sehr vorsichtig verschanzte und bewachte — Lager der El-Moran ungezählte Tausende mit Speer und Bogen bewaffneter Kawirondo und Nangi, die er aber allesamt als unnützen Troß heimschickte. Am 10. November überschritt er die Ugandagrenze, sechs Tage später wurde Suna in einem kurzen Gefecht in der Nähe der Riponfälle total auf’s Haupt geschlagen, sein 110000 Mann zählendes Heer in alle Winde zerstreut und er selbst nebst einigen tausend Mann seiner von Küstenarabern geführten, mit Flinten bewaffneten Leibgarde gefangen genommen.