Schon am zweiten Tage nach der Schlacht besetzten die Unseren Rubaga, die Hauptstadt von Uganda. Dort stellten sich in rascher Folge die sämtlichen Häuptlinge des Landes ein, bedingungslose Unterwerfung gelobend und bereit, jede ihnen auferlegte Forderung zu erfüllen. Johnston aber bot ihnen an, sie in den großen Bund all der bisher mit uns in Berührung getretenen eingeborenen Völker aufzunehmen, worauf die Wangwana selbstverständlich mit größter Freude eingingen. Die ihnen auferlegten Bedingungen waren: Freigebung aller Sklaven, friedliche Aufnahme freiländischer Kolonisten und Instruktoren und Ersatz alles den Kawirondo und Massai zugefügten Schadens. In letzterer Beziehung war übrigens das Wangwanavolk gar nicht in Mitleidenschaft gezogen, denn die unermeßlichen Rinderherden ihres Kabaka, die uns als gute Beute in die Hände gefallen waren, genügten reichlich zu vollem Ersatz des in Kawirondo gemachten Raubes und als Buße für die getöteten Kawirondo- und Massaikrieger. Suna selber wurde als Gefangener abgeführt und am Naiwaschasee interniert.
Der fernere Verlauf der Ereignisse war dann ein friedlicher, nur von einem vereinzelten Empörungsversuche im Lande verbliebener Araber unterbrochener, welchen Versuch aber die Wangwana selber energisch und prompt unterdrückten, ohne daß unsere Intervention notwendig gewesen wäre. Allerdings trug eine gute Heerstraße, welche die Kawirondo und Nangi vom Ukerewe bis zum Anschlusse an die Massaistraße am Baringosee ausbauten, und eine an der Grenze zwischen Kawirondo und Uganda angesiedelte Massaikolonie von 3000 El-Moran einigermaßen dazu bei, die Wangwana in gehörigem Respekt zu erhalten. Doch genügte der Hauptsache nach seit der Schlacht an den Riponfällen der bloße Klang unseres Namens, uns auch in diesem Teile des äquatorialen Innerafrika Ruhe und Frieden zu gewährleisten. Rings um den Ukerewe, dessen Ufer seit unvordenklicher Zeit der Schauplatz grimmigen, erbarmungslosen Krieges Aller gegen Alle gewesen, stellten sich allmählich Gesittung und Menschlichkeit ein, und verhältnismäßig rasch entwickelte sich in deren Gefolge, selbst unter den bis dahin wildesten der umwohnenden Stämme, nicht unerheblicher Wohlstand.
Der Ukerewe ist, auch abgesehen von seiner Größe, unter den Riesenseen des centralen Afrika der bedeutsamste. Sein Spiegel deckt eine Fläche von circa 50000 Quadratkilometern, er ist also, außer dem Kaspisee, dem Aralsee und der großen nordamerikanischen Seegruppe, das größte Binnenwasser der Erde. Diese ganze das Königreich Bayern an Umfang übertreffende Wassermasse, deren Tiefe in gutem Verhältnisse zu ihrer Flächenausdehnung steht, denn das Senkblei erreicht stellenweise erst bei 480 Metern den Grund, befindet sich in einer Höhe von 1350 Metern über dem Meeresniveau, d. i. 200 Meter über dem Gipfel des Brocken, des höchsten der Berge Mitteldeutschlands. Umrahmt aber wird dieser Hochsee meist von Gebirgszügen, die sich noch 500-1500 Meter über seinen Spiegel erheben, so daß das Klima seiner — ausnahmslos gesunden, von Sümpfen freien — Uferlandschaften überall gemildert, stellenweise geradezu arkadisch ist. Und dieser gewaltige, malerische, an vielen Stellen hochromantische See ist das Quellenbassin des heiligen Nil, der, ihn am äußersten Nordende über die Riponfälle verlassend, von hier aus dem 450 Meter tiefer gelegenen Albert Njanza zuströmt und von dort aus als weißer Nil seinen Lauf fortsetzt.
Schon zwei Monate nachdem wir uns in Kawirondo und Uganda festgesetzt, durchfurchte ein Schraubendampfer von 500 Tonnen die meeresgleichen Wogen des Ukerewe und vor Schluß des nächsten Jahres bestand unsere Seeflotille aus 5 Schiffen. Dieselben wurden überall an der Küste freundlich aufgenommen und der von ihnen entfachte lebhafte Handel erwies sich als eines der kräftigsten Beförderungsmittel rasch zunehmender Civilisation. Die Fruchtbarkeit der Uferlandschaften dieses herrlichen Sees ist geradezu grenzenlos; wenige hundert Quadratmeter gut bewässerten Bodens genügen, um alle Bedürfnisse einer noch so zahlreichen Familie zu decken, und als wir die Eingebornen erst einmal mit brauchbaren Geräten der Bodenkultur bekannt und vertraut gemacht hatten, war der überall erzeugte Überfluß der erlesensten Garten- und Feldfrüchte beispiellos. Merkwürdigerweise blieb das Wachstum der Bedürfnisse, insbesondere unter den am Westufer des Sees wohnenden Volksstämmen, lange Zeit hinter der Verbesserung der Produktionsmittel erheblich zurück. Diese einfachen Völkchen erzeugten beinahe ohne Arbeitsaufwand, oft aus bloßer Neugierde nach der Wirksamkeit der zu ihnen gebrachten verbesserten Werkzeuge, wesentlich mehr als sie gebrauchten und da sie den Begriff des Grundeigentums nicht kannten, der unverwendbare Überfluß also bei ihnen nicht wie sonst unfraglich geschehen wäre, Massenelend erzeugen konnte, so wurde hier Jahre hindurch das Märchen vom Schlaraffenlande zur Wahrheit. Der Eigentumsbegriff verlor beinahe seinen ganzen Inhalt, Lebensmittel wurden wertlos, jedermann konnte sich davon nehmen so viel er mochte; durchreisende Fremde fanden überall gedeckten Tisch, kurzum, das goldene Zeitalter schien seinen Einzug am Ukerewe halten zu wollen. Indessen erwies sich diese gänzliche Bedürfnislosigkeit ebenso auch als Hindernis vermehrten Fortschritts und wir gaben uns daher — wenn auch nicht ganz ohne Bedauern — ernstliche Mühe, diesen paradiesischen Zustand insofern zu stören, als wir den Leutchen Geschmack an vermehrten Bedürfnissen beizubringen suchten, was langsam zwar, aber schließlich doch gelang. Erst zugleich mit diesen schlugen dann höhere Gesittung und geistige Kultur in jenem Erdenwinkel tiefere Wurzeln.
12. Kapitel.
Eine der Hauptaufgaben der freiländischen Verwaltung, zu deren Durchführung in der Regel die Ministerien für Kunst und Wissenschaft und für öffentliche Arbeiten einander die Hände reichten, war die gründliche Erforschung unserer neuen Heimat und zwar zunächst des engeren Keniagebietes, dann aber weiter ausgreifend auch aller benachbarten Landschaften, mit denen wir successive in stets engere Berührung traten. Das oro- und hydrographische System des ganzen Landes wurde festgestellt, Bodenbeschaffenheit und Klima genau untersucht und dabei sowohl der höhere wissenschaftliche, als der prosaische Nützlichkeitsstandpunkt gleichmäßig vor Augen gehalten. Ersteren anlangend kam zunächst eine genaue, wenn auch noch nicht alle Details umfassende Terrainkarte des ganzen Massai- und Kikujalandes zu stande; alle hervorragenden Berghöhen wurden genau vermessen und — der Keniagipfel nicht ausgenommen — erstiegen.
Der Ausblick vom Kenia ist großartig über alle Maßen, bietet aber — abgesehen vom Kenia und seinem Gletscher selber — wenig Abwechslung. Rings im Umkreise, so weit der Blick reichen mag, dehnt sich fruchtbarstes, üppigstes Land, durchzogen von zahllosen Flußläufen, die jedoch nirgend, mit Ausnahme einer etwa 5000 Quadratkilometer großen Bodenmulde im Nordwesten, zur Versumpfung des Bodens führen. Der hervorstechende Charakter des ganzen Gebietes ist der eines in zahlreichen Terrassen abfallenden, von mäßigen Bergrücken durchbrochenen Tafellandes. Erst von der obersten Terrasse ab beginnen die eigentlichen Vorberge des Kenia, die rings um das aus einem Gusse steil und unvermittelt aufsteigende eigentliche Keniamassiv einen Gebirgsgürtel von verschiedener Breiten- und Höhenentwickelung schließen. Dieses Massiv trägt in einer Höhe von 5000 bis 5500 Metern eine Reihe riesiger Gletscherfelder, aus deren Mitte dann steil der Gipfel des Berges emporsteigt, in einiger Entfernung flankiert von einem noch steileren, kleinen Horne.
Durchaus verschiedenen Charakter zeigt die zweitwichtigste der zum Gebiete von Freiland gehörigen Gebirgsbildungen, nämlich die 70 Kilometer westlich vom Kenia in einer Längenausdehnung von reichlich 100 Kilometern und in einer Breite von durchschnittlich 20 Kilometern von Norden nach Süden streichende Aberdarebergkette. Die höchsten Gipfel dieses Gebirgszuges erreichen 4500 Meter Seehöhe, und während der Kenia überall das Gepräge des Großartigen zeigt, ist bestrickende Lieblichkeit der hervorstechende Charakterzug der Aberdarelandschaften. Zwar fehlt es auch hier nicht an Bergkolossen von überwältigendem Eindrucke, aber das Charakteristische sind die in reizvollster Abwechslung sich aneinanderschließenden romantischen, sanftgeschwungenen Berge und weiten Thäler, teils von üppigen, aber durchschnittlich nicht allzu dichten Wäldern, teils von smaragdenen, blumigen Wiesen bestanden, überall bespült von zahllosen kristallklaren Bächen und Flüssen, Seen und Teichen. Einem einzigen, herrlichen Parke gleicht dieses 2000 Quadratkilometer bedeckende Gebirgsland, von dessen Höhen aus gen Osten überall das überwältigende Schneemeer des Kenia, gen Westen die Smaragd- und Saphirflächen der großen Massaiseen — Naiwascha, Elmeteita und Nakuro — sichtbar sind. Und diese wunderliebliche Landschaft, die in sich alle Reize der Schweiz und Indiens vereinigt, birgt zugleich im Schoße ihrer Berge überschwengliche mineralische Schätze. Hier und nicht am Kenia, das hatten unsere Geologen bald festgestellt, war der zukünftige Sitz der freiländischen Industrie, insbesondere der metallurgischen. Kohlenlager, die an Mächtigkeit und Güte den besten englischen mindestens ebenbürtig sind, Magneteisenstein mit einem Eisengehalte von 50 bis 70 Prozent, Kupfer, Blei, Wismut, Antimon, Schwefel in reichen Gängen, an der Westabdachung, gerade oberhalb des Salzsees von Nakuro, ein großes Steinsalzlager, und noch eine Menge anderer Schätze wurden in rascher Reihenfolge entdeckt und die bestgelegenen sofort in Ausbeutung genommen. Insbesondere die neueröffneten Kupferminen fanden unmittelbar bei Anlage des Telegraphen an die Küste umfassende Verwendung, die jedoch an Ausdehnung von derjenigen zu Zwecken elektrischer Kraftleitungen alsbald übertroffen wurde.
Denn am Kenia hatte sich inzwischen mancherlei verändert. Die Bevölkerung von Freiland war, da der Zuzug unaufhaltsam sich steigerte, schon gegen Schluß des vierten Jahres auf 780000 Seelen gestiegen. Ein großer Teil des Edenthals war zu einer einzigen, 102 Quadratkilometer bedeckenden und 58000 Wohnhäuser zählenden Villenstadt geworden, deren 270000 Einwohner dem Gartenbau, industriellen Gewerben oder geistiger Beschäftigung oblagen. Aber auch die auf 140000 Seelen angewachsene Bevölkerung des Danaplateaus betrieb neben der Kultur des dort noch verfügbaren Ackerlandes zum weitaus überwiegenden Teil gleichfalls verschiedenartige Industrieen, während die Landwirtschaft der Hauptsache nach hinabgerückt war in die jenseits der umgrenzenden Waldzone um 200 Meter tiefer gelegene Hochebene, die — mit mannigfaltigen Unterbrechungen allerdings — rings um den ganzen Gebirgsstock sich erstreckend, auf ihrem 8000 Quadratkilometer umfassenden fruchtbaren Boden bis auf weiteres genügenden Raum zur Ausdehnung bot.
Hier wurden zunächst 96000 Hektaren (960 Quadratkilometer) unter den Pflug genommen, nachdem sie zuvor — gleich allem Kulturboden in ganz Freiland — durch einen tüchtigen Balkenzaun gegen die Besuche lästigen Wildes geschützt worden waren. Kleineres Wild, welches durch Einhegung von den Saaten nicht fernzuhalten war, hielten die Hunde in Respekt, die, in großer Menge gezüchtet, darauf dressiert waren, diese Feldeinzäunungen und ebenso die Hürden des Viehs fleißig zu umkreisen. Dieser Schutz erwies sich gegen alles den Saaten nachstellende Getier als vollkommen ausreichend, die Affen etwa ausgenommen, unter die zeitweise geschossen werden mußte, wenn sie sich auf ihren nächtlichen Raubzügen durch noch so wütendes Gekläffe der vierbeinigen Wächter nicht vollständig verscheuchen ließen.