Bei diesen Worten machte Lodoiska eine so heftige Bewegung, daß dadurch ein Theil ihres Kleides zerrissen wurde, und Werner unter ihrer linken Brust eine Wunde erblicken konnte, aus welcher einige Tropfen Blut hervorrieselten. Der unwillkührliche Schrecken, in welchen ihn dieser unerwartete Anblick versetzte, entging der Fremden nicht, und da sie ohne Mühe die Ursache davon errieth, so suchte sie mit ihrer Hand die zerrissene Stelle des Kleides zu bedecken.

Sobald Werner sich von seiner Erstarrung erholt hatte, fühlte er sein Herz von plötzlichem Mitleiden bewegt. „Unglückliches Mädchen! rief er, was haben Sie gethan? Wie können Sie sich in Ihrem jetzigen Zustande noch einer so gefährlichen Leidenschaft hingeben? Eilen Sie schnell nach Ihrer Wohnung; Ihre Wunde ist wieder aufgebrochen, und Sie kennen wahrscheinlich die Gefahr nicht, in der Sie sich befinden.“

— Von welcher Gefahr sprichst du? Ich kenne keine mehr auf der Erde. —

„Aber Ihr Blut fließt ja aus der Wunde, von welcher wahrscheinlich der Verband losgegangen ist. Eilen Sie, ihn wieder herzustellen, und wenn Sie meiner Hülfe bedürfen, so zögern Sie nicht, sie anzunehmen.“

— Beunruhige dich meinetwegen nicht. Mein Blut kann nicht mehr fließen, denn ich habe keines mehr, und schon vor langer Zeit verlor ich es bis auf den letzten Tropfen. An Blut, um das verlorne zu ersetzen, mangelt es mir nicht; denn ich weiß, wo ich es finden kann. Laß dieses Blut hier nur fließen, und kümmere dich deßhalb nicht. —

Bei diesen seltsamen Worten zweifelte Werner, gleich wie die Oberstin, nicht länger, daß Lodoiska’s Unglücksfälle sie um den Verstand gebracht haben möchten, und sein ganzer Zorn gegen sie war verschwunden. Er wollte es daher versuchen, sie durch gelinde Worte zu beruhigen, und da er bemerkte, daß ihr Gesicht schon von einer schauerlichen Todtenblässe bedeckt ward, so eilte er auf sie zu, um sie unter den Arm zu fassen und nach ihrem Hause zu geleiten.

„Keinen Schritt weiter! rief sie ihm mit heiserer und schwacher Stimme entgegen. Rühre mich nicht an, oder eile vielmehr, zu entfliehen! Was jetzt vorgehen wird, darfst du nicht erblicken! Ladislaus! Ladislaus! komm geschwind, oder ich bin nicht ferner im Stande, die Absichten meiner Sendung in ihrem ganzen Umfange zu erfüllen!“

Ladislaus hörte diesen Ruf, und kam noch schnell genug herbei, um Lodoiska, die ohnmächtig in seine Arme sank, zu halten. Nachdem der Greis sie einen Augenblick betrachtet hatte, sahe er mit wilden Blicken um sich her, und ohne ein Wort zu sprechen, gab er Wernern ein Zeichen, sich zu entfernen. Dieser schien anfangs nicht geneigt, ihm Folge zu leisten; allein er entschloß sich dazu, als er bedachte, daß er vielleicht durch seine Hartnäckigkeit den Tod der Fremden herbeiführen könnte. Er kehrte daher auf den Fußsteig zurück, der nach dem Schlosse führte. Bei einer Krümmung des Weges, wodurch der Ort, wo Lodoiska auf dem Grase ausgestreckt lag, ihm wieder zu Gesichte kam, blieb er stehen und sahe nun, wie der alte Bediente sich über die Ohnmächtige hinbeugte, und ihr eine rothe Flüssigkeit in den Mund goß. In demselben Augenblick aber erhielt Werner einen so heftigen Schlag auf den Kopf, daß er davon zu Boden stürzte. Er raffte sich schnell wieder auf, um dem Feinde, der ihn geschlagen hatte, die Spitze zu bieten; aber keine lebendige Seele war rings um ihn her zu erblicken, und er mußte daher seinen Fall einem Stoße an einen Baumast zuschreiben, da er eben durch einen Wald ging.

Seine Neugierde bewog ihn, zum zweiten Male nach der Gruppe auf der Wiese hinzublicken; aber er sahe sie nicht mehr. Dieses plötzliche Verschwinden setzte ihn in das größte Erstaunen, und in tiefes Nachdenken versunken, kam er nach dem Schlosse zurück. „Gebe Gott! sagte er zu sich selbst, daß dieß Alles eine natürlichere Wendung nimmt; denn was ich gesehen habe, ist unbegreiflich; und ich wünschte wohl, die Geheimnisse zu durchdringen, mit denen wir umgeben sind.“ —

Achtes Kapitel.