Da die Fremde immer fortfuhr, in der größten Zurückgezogenheit zu leben, so ward am Ende auch die Neugier der Nachbarn müde, sich mit ihr zu beschäftigen, und schon sprach man kaum mehr von den Bewohnern des Hauses im Walde, als eine neue Begebenheit die Aufmerksamkeit der Landbewohner auf sich zog, und Lodoiska ganz bei ihnen in Vergessenheit brachte.
Es gab in der Gemeinde ein junges Mädchen von ausgezeichneter Schönheit, das auch ziemlich wohlhabend war, und daher allen jungen Leuten in der Umgegend den Wunsch einflößte, sie zu heirathen. So oft Röschen sich bei einer öffentlichen Lustbarkeit sehen ließ, bildete sich sogleich ein Kreis von Anbetern um sie her, die ihr nach ihrer Art den Hof machten; allein sie blieb lange Zeit völlig gleichgültig. Röschen nahm die ihr dargebrachten Huldigungen an, ohne einen von den Anbetern im Geringsten auszuzeichnen, bis endlich ein junger Pächter das Herz der schönen Gleichgültigen zu rühren verstand.
Sobald Röschens Wahl bekannt wurde, setzte dieß die übrigen nun hoffnungslosen Anbeter in Wuth, und man brach in die schrecklichsten Drohungen gegen das glückliche Paar aus. Es wurden mehrere Verträge geschlossen, um dieser Heirath alle möglichen Hindernisse in den Weg zu legen; aber ohne sich an alle diese Anfeindungen zu kehren, traf das junge Paar Anstalten zu seiner Hochzeit, und schon war der Tag der Trauung in der Kirche auf den nächsten Sonntag festgesetzt.
Der Sonnabend vor der Hochzeit war derselbe Tag, wo Werner seinen Besuch bei Lodoiska abgestattet, und so wenig befriedigt nach dem Schlosse zurückkehren mußte. Auch er war zur Hochzeit Röschens eingeladen, und sollte sich am andern Morgen schon mit Tagesanbruch mit den Freunden des Bräutigams vereinigen, theils um mit ihnen vergnügt zu sein, theils um, mit ihnen vereint, die wüthenden Versuche zu vereiteln, welche die verschmähten Nebenbuhler etwa machen könnten.
Nach dem Abendessen begab sich Werner auf sein Zimmer, noch ganz mit dem Gedanken an das beschäftigt, was er heute gesehen und gehört hatte. Unaufhörlich fiel ihm immer wieder die riesenmäßige Stärke des alten Bedienten ein, und es schien ihm, als wenn er vor seinen Augen das Blut aus Lodoiska’s Wunde fließen sähe. Während er so, in ein peinliches Nachdenken vertieft, in seinem Lehnstuhl saß, warf er seine zerstreuten Blicke hier und da im Zimmer umher, bis sich seine Augen endlich starr auf einen Punkt hefteten, und er in einen lauten Angstruf des Schreckens ausbrach. Seine Flinte, mit welcher er dem alten Ladislaus gedroht hatte, war in hundert Stücke zerbrochen, und was ihn am meisten in Erstaunen setzte, auch selbst der Lauf war eben so zerstückelt, wie die übrigen Theile des Gewehres.
Bei diesem unerwarteten Anblick, wobei er sich überzeugen mußte, daß eine übermenschliche Kraft gewirkt habe, fühlte er sich von einem eiskalten Schauer ergriffen, und eine gute Zeit lang blieb er wie versteinert vor seiner zerbrochenen Flinte stehen. Diese Begebenheit überstieg seine Fassungskraft, da er keine natürliche Ursache dafür auffinden konnte; und in seinem unwillkührlichen Schrecken hätte er fast bei sich selbst angelobt, sich nicht mehr in Lodoiska’s Angelegenheiten zu mischen, da er einsahe, daß er einer höheren Kraft, als die schwachen Mittel, die ihm zu Gebote standen, bedurfte, um mit Vortheil gegen sie in die Schranken zu treten. Es dauerte lange, ehe er einschlafen konnte. Bei jedem leisen Geräusch schreckte er hoch empor, bis endlich seine Abspannung so hoch stieg, daß er in eine Art von Schlafsucht verfiel; denn es war schon sieben Uhr, als er von dem starken Lärm, den eine heftig an seine Thür klopfende Person verursachte, erwachte. Jetzt fiel ihm die Hochzeit ein, zu welcher er eingeladen war, und da er glaubte, daß man ihn dazu herbeiholen wollte, stand er schnell auf, voller Scham über seinen langen Schlaf. Als er die Thür öffnete, sahe er einen seiner guten Bekannten aus dem Dorfe, dessen Miene so traurig war, daß er darüber erschrak. Schon war er im Begriff, ihn nach der Ursache zu fragen, als dieser ihm zuvorkam.
„Ach, lieber Werner, sagte er mit halb erstickter Stimme, welche fürchterliche That ist in dieser Nacht geschehen! Röschen ist todt, auf die schrecklichste Art ermordet!“
— Was sagst du da, Mathes? Wer hat dieses schändliche Verbrechen begangen? Du machst mich vor Schrecken erstarren! —
„Ach, leider ist es nur allzuwahr! Der Mörder ist noch völlig unbekannt. Er hat sich auf eine unbegreifliche Art in’s Zimmer geschlichen, und dem armen Mädchen zwei Adern geöffnet; aber das Sonderbarste dabei ist, daß durchaus kein Blut mehr in dem Körper der Unglücklichen gefunden wird, und kaum hat man einige kleine Blutflecke an ihrem Bette bemerkt.“
— Kein Blut mehr! rief Werner, wie vom Blitz getroffen. Kein Blut mehr! O Himmel, sollten sich denn die Schrecken der Moldau und Wallachei auch hier nach Deutschland fortpflanzen! —