Er schwieg, vielleicht bereuend, daß er schon zu viel gesagt habe; aber das Uebel, was er gern vermieden hätte, war schon geschehen. Voller Neugierde bestand Mathes auf die Erklärung dessen, was er nicht verstand, und vergebens suchte Werner das Gespräch auf andere Dinge zu bringen, indem er sich näher nach den Umständen bei der Mordthat erkundigte; sein Freund ließ sich nicht abweisen, und nachdem er ihm erzählt hatte, was er wußte, drang er abermals darauf, zu wissen, von welchen Schrecken der Moldau und Wallachei Werner gesprochen habe. Er zeigte dabei eine solche Hartnäckigkeit in seinen Fragen, daß Werner ihn wohl befriedigen mußte, wenn er sich nicht mit ihm gänzlich erzürnen wollte.

„Wahrhaftig, lieber Mathes, sagte Werner, du läßt mir auch gar keine Ruhe; da du es denn doch willst, so sollst du Alles erfahren; aber schiebe nicht die Schuld auf mich, wenn du dich vielleicht heute Abend fürchtest. Die Schrecken der Moldau und Wallachei, deren ich vorher erwähnte, sind nämlich gewisse Wesen, die des Nachts aus den Gräbern auferstehen, um die Lebendigen zu morden. Wie ich gehört habe, sollen sie auch in Ungarn und in Griechenland allgemein sein; kurz diese Wesen, welche weder todt noch lebendig sind, kommen des Nachts selbst in die Wohnungen ihrer Verwandten und Freunde. Sie legen sich dann neben ihnen in’s Bett, öffnen ihnen die Adern, und saugen ihnen das Blut aus, was ihnen zur Erhaltung ihres schändlichen Daseins nöthig ist. Diese Handlung wiederholen sie alle Nächte von zwölf bis ein Uhr, so lange, bis alles Blut aus dem Körper verschwunden ist, und so den Tod ihres Schlachtopfers verursacht. Sobald eins dieser Wesen, welche man dort Vampyre nennt, sich in einem Dorfe eingefunden hat, ist allenthalben Furcht und Trauer verbreitet; man ruft die Priester zu Hülfe, aber ihre Beschwörungen bleiben fruchtlos, und der Vampyr treibt ungestört sein Wesen fort. Nur ein Mittel ist vorhanden, sich von ihm zu befreien: man muß nämlich suchen, seinen Körper im Grabe aufzufinden. Beim ersten Anblick scheint dieser Körper leblos zu sein; aber an seiner Wohlbeleibtheit, an der Röthe seiner Wangen und Lippen, die oft noch mit Blute beschmutzt sind, erkennt man ihn dann leicht. Sogleich entreißt man dieses verabscheuungswürdige Ungeheuer seinem Sarge, haut ihm die Hände, die Füße und den Kopf ab; aber damit wäre noch nichts geschehen, wenn man nicht zuletzt sein Herz mit einem spitzigen Pfahle durchbohrte. Dann entströmt der Wunde, unter einem schrecklichen Schrei des Vampyrs, eine Menge von blutiger Materie, und mit ihm das Leben. Sämmtliche Theile des Körpers werden nun in’s Feuer geworfen und verbrannt, worauf das Land ruhig wird, bis ein neuer Vampyr aus dem Grabe aufersteht. Diese schreckliche Plage der Menschen ist um so furchtbarer, als es scheint, daß die Vampyre sich fortpflanzen, indem oft ein Mensch, der durch sie geopfert wurde, ebenfalls ein Vampyr wird. Uebrigens giebt es sowohl männliche als weibliche Vampyre, und ich würde gar nicht fertig werden, wenn ich dir Alles erzählen wollte, was ich darüber bei meinem Aufenthalt in jenen Ländern gehört habe.“

Werner hätte noch lange fortsprechen können, ohne von seinem Zuhörer unterbrochen zu werden; dieser verlor kein Wort von seiner Erzählung, und wendete schon in Gedanken den fürchterlichen Vampyrismus auf den plötzlichen Tod des jungen Röschens an.

„Herr Jesus! rief er aus, ist dergleichen möglich? Sieh, Werner, es ist mir jetzt schon leid, daß ich dich danach gefragt habe, obgleich ich dadurch über etwas belehrt worden bin, was ich bisher noch nicht wußte. Gott sei Dank! wir hatten hier in unserm Lande bis jetzt nur einige Gespenster, die manchmal den Lebendigen einen Schreck einjagten, ohne ihnen weiter ein Leid zuzufügen. Aber sich von Blut zu nähren! man könnte bei dem bloßen Gedanken daran schon vor Furcht sterben. Armes Röschen! ja gewiß, ein Vampyr hat dich gemordet, es ist nicht daran zu zweifeln!“ —

Ungeachtet Werner im Geheimen selbst daran glaubte, so suchte er doch seinen Freund Mathes zu überreden, daß Röschens Tode eine andere Ursache zum Grunde liege; aber Mathes war zu begierig, die neu erlangten Kenntnisse weiter zu verbreiten, als daß er seine Voraussetzung hätte aufgeben können.

„Du magst mir sagen, was du willst, rief Mathes aus; ich bin und bleibe überzeugt, daß hier ein Vampyr sein Wesen getrieben hat, und ich will es sogleich im ganzen Dorfe bekannt machen.“

Mit diesen Worten rannte er aus dem Zimmer, ungeachtet Werner ihn gern zurückhalten wollte. Den ersten Bekannten, denen er begegnete, eilte er, seine wunderbare Geschichte von den Vampyren zu erzählen, welche so allgemein Eingang fand, daß man bald in der ganzen Gegend von nichts Anderem sprach, und darüber die Fremde im Häuschen im Walde und ihre Sonderbarkeiten vergaß.

Unterdessen drückte Wernern die Sorge, zu erforschen, wie es Lodoiska möglich gemacht habe, sich heimlichen Eingang in’s Schloß zu verschaffen. Er fing damit an, alle Bewohner desselben auf das Genaueste zu beobachten, und wachte über jede ihrer gleichgültigsten Handlungen; ganze Stunden lang blieb er in einem Winkel seines Zimmers versteckt, um Jemanden zu ertappen, der sich vielleicht hineinschleichen würde. Alle seine Bemühungen blieben indessen fruchtlos, und er fand nicht einmal Veranlassung, gegen irgend Jemanden gerechterweise den kleinsten Verdacht zu hegen.

Weit entfernt, deßhalb seine Nachforschungen jetzt schon einzustellen, richtete er sie nach einer andern Seite hin. Er wußte nämlich, daß die alten Schlösser fast immer mit unterirdischen Gewölben und geheimen Gängen versehen waren, welche dazu dienen konnten, Werke der Finsterniß dem Tageslichte zu entziehen; um sich daher auch in dieser Hinsicht zu beruhigen, hielt er, unter dem Vorwande, die Festigkeit der Grundmauern und des Gebälkes zu untersuchen, in Gesellschaft eines geschickten Maurers eine genaue Besichtigung des Schlosses. Zwei ganze Tage brachten sie damit zu, die Wände, die Fußböden und alle Mauern zu untersuchen; allenthalben, wo man durch Klopfen eine Höhlung wahrnahm, überzeugte man sich sogleich, was etwa daselbst verborgen sein könnte.

Die Genauigkeit dieser Untersuchung führte endlich zu der Kenntniß eines unterirdischen Ganges, welcher in einem Winkel eines der Zimmer des untersten Stockwerks seinen Anfang nahm, von hier auf einer sehr engen Treppe hinabführte, und sich sehr weit unter der Erde hin, in der Richtung nach Nordwesten, erstreckte. Bei der Entdeckung dieses Ganges, und noch mehr an der Richtung desselben, glaubte Werner den Weg entdeckt zu haben, auf welchem man sich heimlich ins Schloß schleichen könnte. Von seinem Gefährten begleitet, jeder mit einer Laterne versehen, trat er die Wanderung in diesem unterirdischen Gang an; allein als sie ungefähr hundert Schritte weit vorgedrungen waren, sahen sie sich durch große Felsenmassen aufgehalten, die nirgends einen Ausweg zeigten. Nachdem sie versucht hatten, dieses Hinderniß zu beseitigen, überzeugte sie endlich der Widerstand, den diese Felsen ihren Werkzeugen entgegensetzten, daß ihre Bemühungen vergeblich seien. Sie kehrten daher um, und Werner ließ nun den innern Eingang mit einer Mauer verschließen; denn dieser unterirdische Gang schien ihm dennoch gefährlich, weil er leicht durch irgend eine geheime Thür, die sie nicht bemerkt hatten, mit dem Häuschen im Walde zusammenhängen konnte. Jetzt erst war er zufrieden, weil er sich schmeichelte, nun die Pläne der Feindin seiner Ruhe vernichtet zu haben.