Neuntes Kapitel.

Schon war man dem Ende des Monats Oktober nahe. Alle Verbindung der Familie Lobenthal mit der Fremden hatte aufgehört, und Helene verlor nach und nach einen Theil der Neugierde, welche ihr anfangs ihre geheimnißvolle Nachbarin einflößte; aber der Zeitpunkt war gekommen, der sie näher als je mit derselben in Berührung bringen sollte.

Helene saß eines Abends noch ziemlich spät, mit einem neuen sehr anziehenden Buche beschäftigt, als sie plötzlich einen hellen rothen Schein am Himmel erblickte. Sie sprang auf und näherte sich dem Fenster; da hörte sie die Sturmglocke im Dorfe läuten, und unten im Schloßhofe erscholl das Geschrei: Feuer! Feuer! und Helene erkannte an der Richtung des hellen Scheines, welcher über dem Walde schwebte, daß es nur das Haus der Fremden sein könne, welches jetzt in Flammen stand. Sogleich eilte sie zum Zimmer hinaus, die Treppe hinab, über den Schloßhof und dem Walde zu. Vergebens stellte sich ihr Werner entgegen; vergebens bewies er ihr unterweges, daß sie Unrecht habe, selbst dem Orte der Feuersbrunst zuzueilen: sie beschleunigte ihre Schritte, ohne auf seine Vorstellungen zu hören, und überließ sich ganz dem edlen Gefühle ihres mitleidigen Herzens.

Mit welchem Schmerze betrachtete sie die Fortschritte der helllodernden Flammen, als sie an den Ort der Feuersbrunst gelangte! Es war keine Hoffnung mehr übrig, das Haus zu retten. Vergeblich strengten sich einige von den herbeigeeilten Bauern an, dem Feuer Einhalt zu thun; es mangelte ihnen an den nöthigen Mitteln, und man mußte zuletzt der völligen Zerstörung des Hauses ruhig zusehen.

Helene war kaum angekommen, so suchte sie eifrig nach der Fremden, und bei der schauerlichen Helle, die das Feuer umherwarf, entdeckte sie sie bald, wie sie, in ein großes weißes Bettlaken eingewickelt, an einen Baum angelehnt stand. Dieß gab ihr das schreckliche Ansehen eines Gespenstes; ihr Gesicht war leichenblaß, ihre Augen stier und ohne irgend einen Ausdruck, so daß ihre völlige Unempfindlichkeit, ihre kalte Ruhe Jedermann auffiel. Man irrte um sie her, beklagte und tröstete sie, aber sie antwortete nicht; und bei Allem, was man auch sagen mochte, beharrte sie in ihrem Stillschweigen. Nur Helenens Ankunft weckte sie aus ihrem dumpfen Hinstarren, und kaum hatte sie dieselbe erkannt, so schwebte ein schreckliches Lächeln über ihre Lippen, verschwand aber sogleich wieder, worauf Lodoiska in ihren vorigen träumerischen Zustand zurückkehrte.

„Bis jetzt, redete Helene sie an, habe ich Ihren Willen befolgt, und Sie völlig Ihrer Einsamkeit überlassen; da aber nun das Unglück mit neuer Wuth über Sie ausgebrochen ist, so bewilligen Sie mir die Bitte, eine Wohnung im Schlosse anzunehmen. Es ist keine Hoffnung mehr vorhanden, daß Sie je wieder in diesem Hause wohnen können; nehmen Sie daher den Zufluchtsort an, den Ihnen die aufrichtigste Theilnahme anbietet.“

Lodoiska schien jetzt völlig aus ihrer Träumerei zu erwachen, und suchte sogar ihrer finsteren Miene einen angenehmern Ausdruck zu geben. Ohne Weigerung nahm sie das ihr gemachte großmüthige Anerbieten an. Sie erzählte Helenen: daß das Feuer auf dem Heerde schlecht ausgelöscht gewesen sein müsse, und wahrscheinlich einige Kohlen in einem Bunde Flachs Feuer gefaßt haben könnten, das in der Nähe des Heerdes befindlich gewesen sei. Bald darauf wäre die ganze Küche und der anstoßende Hausflur in Flammen gewesen. „Kaum hatte ich noch so viel Zeit, fuhr sie fort, einige Kleider, meine Börse und Kostbarkeiten zum Fenster hinauszuwerfen. Dann eilte ich die Treppe hinab, welche bereits brannte, und suchte hier im Freien einen Zufluchtsort. Aber was mag aus meinem alten Bedienten geworden sein? Ich sehe ihn nirgends.“

— Ich habe ihn nach dem Dorfe eilen sehen, antwortete Helene, die der Fremden die Wahrheit, welche sie vermuthete, verhehlen wollte. Aber kommen Sie jetzt in’s Schloß; die Nacht ist kalt, und Sie sind nicht angezogen; dieses Betttuch kann Sie unmöglich vor den schädlichen Eindrücken der Nachtluft beschützen. —

Ohne weiter eine Einwendung zu machen, nahm Lodoiska, jedoch mit vielen Danksagungen, das Anerbieten an. Werner, der in der Nähe stand und Alles mit anhörte, gerieth darüber in eine unbeschreibliche Verwirrung. Den Gedanken, daß Lodoiska mit seiner Gebieterin unter einem Dache wohnen sollte, konnte er kaum ertragen; ein besonderes Vorgefühl ließ ihn die schrecklichsten Auftritte, die daraus entstehen würden, voraussehen, und zwei Mal hatte er schon den Mund geöffnet, um der Oberstin die Wahrheit zu entdecken, damit sie erführe, welche Schlange sie an ihrem Busen erwärmen wollte; aber immer hielt ihn die Furcht vor den Folgen einer solchen Entdeckung wieder zurück, und er behielt das Geheimniß in seinem Herzen verschlossen. Ein Blick des Triumphs, den ihm seine Feindin zuwarf, brachte ihn vollends zur Verzweiflung; indessen nahm er sich vor, sie so genau zu bewachen, daß es ihr unmöglich werden würde, ihre geheimen Triebfedern in Bewegung zu setzen. Schweigend folgte er den beiden Damen nach dem Schlosse zurück.

Am andern Morgen entdeckte man unter den Trümmern des Hauses die Ueberbleibsel eines fürchterlich verstümmelten und verbrannten Leichnams, der schon in Verwesung übergegangen war. Er verpestete die ganze Luft umher; übrigens konnte man keine Spur mehr von seinem Gesichte erkennen. Da man jedoch den Körper nicht weit von den Ueberbleibseln eines Bettes fand, so zweifelte man keinen Augenblick, daß es der Bediente der Unbekannten sei, vorzüglich da er nie wieder im Dorfe gesehen wurde.