Als die beiden Damen auf dem Schlosse angekommen waren, bat Helene die Fremde, sich unverzüglich zu Bett zu legen, und Lisette trat näher, um sie von ihrer Umhüllung zu befreien. Allein Lodoiska stieß sie lebhaft zurück, und äußerte den Wunsch, einige Minuten allein zu bleiben. Man willfahrtete ihr. Als man voraussetzen konnte, daß sie sich niedergelegt haben würde, trat Helene wieder zu ihr ins Zimmer, um ihr einige Erfrischungen anzubieten, die Lodoiska indessen hartnäckig ausschlug; und da Lisette ihr ein Glas mit Glühwein darreichen wollte, gab sie mit ihrer linken Hand ein Zeichen, daß sie auch dieses Getränk verschmähe. Bei dieser Gelegenheit bemerkte Helene, daß die linke Hand der Fremden noch immer mit einem Handschuhe versehen sei; noch mehr erstaunte sie aber, als Lisette das Betttuch, in welches Lodoiska eingehüllt gewesen, aufnahm, und man nun bemerkte, daß es von Blut benetzt sei.

„Sie haben sich verwundet, sagte Helene mit lebhafter Besorgniß; warum wollen Sie nicht zugeben, daß man Ihnen die bei solchen Zufällen gewöhnliche Hülfe leiste? Warum wollen Sie eine so natürliche Sache ausschlagen? Die Blässe Ihres Gesichts beweiset, daß Sie derselben höchst nöthig bedürfen.“

— Nein, nein! rief die Fremde voller Schrecken aus, wofür man gar keine gerechte Ursache auffinden konnte; ich will, ich mag keine Hülfe! Es ist wahr, daß ich verwundet bin; aber ich bin es schon seit sehr langer Zeit, und ich habe jetzt nichts mehr zu fürchten. Um Alles in der Welt wollte ich Niemanden meine blutende Wunde zeigen; glauben Sie mir, daß ich mir selbst genug bin. Lassen Sie mich jetzt allein, wenn ich bitten darf, und beruhigen Sie sich, denn für mich ist keine Gefahr mehr zu befürchten. —

In der Stimme, womit sie diese Worte aussprach, lag eine so unbegreifliche Mischung von Gefühl und Gefühllosigkeit, ja selbst von Ironie, daß man nicht ohne einen geheimen Schauder zuhören konnte. Helene glaubte sich ihren Wünschen nicht länger widersetzen zu dürfen, und ließ sie daher allein.

Am andern Morgen stand sie erst sehr spät wieder auf; man wagte nicht, eher in ihr Zimmer einzutreten, als bis man sie darin umhergehen hörte; dann klopfte Helene leise an, und erhielt die Einladung, hineinzukommen. Die Fremde war bereits völlig angezogen; das schwarze Kleid, das sie heute trug, machte die außerordentliche Blässe ihres Gesichts noch bemerkbarer.

Die Nachricht von dem Tode des alten Ladislaus war schon im Schlosse bekannt, und Helene glaubte nicht, daß es möglich sein würde, sie vor der Fremden stets geheim zu halten. Um sie aber nicht zu sehr zu erschüttern, wandte Helene alle mögliche Vorsicht an, und bereitete sie nur ganz allmählich darauf vor. Sie gab sich eine völlig unnütze Mühe. Schon bei den ersten Worten ward sie von der Fremden errathen, und sowohl in ihren Gesichtszügen, als in ihrer Antwort bemerkte man nichts als die ruhigste Gleichgültigkeit. Sie schien völlig gefühllos bei Helenens Erzählung zu sein, und zeigte nicht einmal das gewöhnliche Gefühl des Mitleidens, welches dergleichen Unglücksfälle sonst bei den Menschen hervorbringen.

Ueber ein solches Benehmen mußte Helene natürlich auf’s Höchste erstaunen; Lodoiska bemerkte es, und gleichsam als wenn sie ihren Fehler hätte wieder gut machen wollen, sagte sie: „Frau Oberstin, Sie wundern sich über mich, und fassen vielleicht eine schlechte Meinung von mir, daß ich nicht mehr Gefühl bei dem Tode des armen Ladislaus zeige; aber glauben Sie mir, ihm ist wenig an solchen Zeichen des Mitleids gelegen. Ich stand mit ihm durchaus nicht in näherer Verbindung; wir kamen Beide von demselben Orte her, und fanden uns zusammen, weil es so sein mußte. Jetzt hat uns der Wille des Allmächtigen wieder getrennt, aber wir werden zum zweiten Male, und dann auf ewig, mit einander vereinigt werden. Warum sollte ich daher Thränen vergießen? Ich habe keine Thränen mehr; sie sind ausgetrocknet für jede Art von Schmerz: denn ich habe während meines sterblichen Lebens zu viel geweint. Jetzt, da ich nur noch ein Dasein besitze, weil ich mich nicht in ein Grab legen kann, ungeachtet ich das sehnlichste Verlangen nach dieser kühlen Wohnung trage, soll ich mich mit Dingen beschäftigen, die mich nichts angehen? Nein, nein! Nur ein einziger Zweck belebt mich noch, nur eine einzige Absicht strebe ich zu erreichen! Dann werde ich ohne Freude, wie ohne Leid, einen Körper verlassen, in welchem ich mich selbst nicht mehr leiden mag.“

Lodoiska hätte noch lange so fortsprechen können, ohne von der Oberstin unterbrochen zu werden. In Allem, was jene junge Person sagte, lag immer etwas so Unbegreifliches und Unzusammenhängendes, daß man nicht wußte, ob man sie bemitleiden oder fürchten sollte. Die Worte kamen so eintönig aus ihrem Munde, daß dadurch immer die Wirkung zerstört wurde, welche sie sonst hätten machen können; das unbewegliche Hinstarren ihres Auges schien zu beweisen, daß sie dem, was sie sprach, völlig fremd war; kurz, bei ihr wich Alles von der gewöhnlichen Regel ab, und man konnte sich nicht erinnern, je etwas ihr Aehnliches gesehen zu haben.

Helene war so erstaunt über die Rede der Fremden, daß sie darauf nichts zu antworten wußte; sie suchte dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, und fragte: ob sie vielleicht jetzt einige Nahrungsmittel zu sich nehmen wolle. Lodoiska machte ein bejahendes Zeichen, worauf die Oberstin Befehl gab, das Frühstück hereinzubringen.

Jetzt traten auch die Kinder herein, die schon ungeduldig darauf gewartet hatten, bei ihrer Freundin vorgelassen zu werden. Lodoiska empfing sie mit einem Lächeln, welchem sie den Ausdruck des Wohlwollens zu geben strebte, und eine plötzliche Röthe überflog ihr Gesicht, das zu gleicher Zeit so verzerrt wurde, als wenn ihr Herz von einem tödtlichen Stiche durchbohrt worden wäre. Alles dieses wurde jedoch von Niemanden bemerkt. Helene, stolz auf ihre Kinder, überhäufte dieselben mit ihren zärtlichsten Liebkosungen, während die Fremde heimlich Blicke voll Zorn und Verachtung auf diese allerliebste Gruppe warf. Um zu verbergen, was in ihrem Innern vorging, bedeckte sie oft ihr Gesicht mit beiden Händen, von denen die eine stets mit einem Handschuh bedeckt war, und lange Zeiträume hindurch schien sie in das tiefste Nachdenken versunken zu sein.