Zehntes Kapitel.
Bei den russischen Truppen, die im Jahre 1812 die Moldau und Wallachei besetzt hatten, befand sich auch das Regiment, in welchem Alfred Lobenthal damals als Rittmeister diente. Er war einer der kühnsten und tapfersten unter allen Offizieren, und sein Muth verwickelte ihn öfters in die gefährlichsten Unternehmungen; auch war ihm das Glück, welches gern die Kühnheit krönt, gewöhnlich hold, bis die unbeständige Göttin ihn einst auf einige Zeit verließ: der Rittmeister Lobenthal erhielt in einem Gefechte, in dem Augenblicke, wo der Feind die Flucht ergriff, einen Flintenschuß in den Leib, der ihn vom Pferde stürzte.
Werner, der brave Unteroffizier, den die Dankbarkeit auf immer an ihn gefesselt hatte, befand sich in der Nähe, und eilte sogleich zur Hülfe herbei. Von einigen Soldaten unterstützt, brachte er den Rittmeister in das benachbarte Haus eines Pächters, der einer gewissen Wohlhabenheit genoß, und da die Ankunft eines verwundeten Offiziers für die Einwohner eine Schutzwehr war, so nahmen sie ihn mit Freude und Wohlwollen auf. Der Hausvater, ein ehrwürdiger Greis, ließ ihm das beste Zimmer einräumen, und ihm alle Hülfe leisten, die ihm zu Gebote stand. Der Wundarzt des Regiments ward herbeigeholt; nach dem ersten Verbande erklärte er, daß die Wunde zwar nicht tödtlich sei, aber nur langsam wieder heilen würde.
Beinah vierzehn Tage lang befand sich Lobenthal in einer fast völligen Bewußtlosigkeit; er hörte kaum das Geräusch, was man um sein Bett her machte, und da seine Augen stets geschlossen waren, so sahe er nicht, wie sorgsam man ihn pflegte; sonst hätte er sogleich bemerkt, wie unter den Personen, die über die Erhaltung seines Lebens wachten, sich vorzüglich die junge Tochter des Hauses auszeichnete, die nicht nur durch ihre außerordentliche Schönheit, sondern auch durch ihr liebenswürdiges, unschuldiges Wesen Jedermann auffiel. Von einem Mitleiden bewegt, dessen wahre Ursachen sie selbst noch nicht kannte, brachte sie ganze Tage am Bette des Kranken zu, der ungeachtet seiner Todtenblässe, dennoch in seinen Gesichtszügen die Spuren einer hohen Schönheit verrieth.
Lodoiska fand stets einen neuen Vorwand, in das Krankenzimmer zurückzukehren, aus welchem man sie öfters forttrieb; mehrere Stunden brachte sie häufig bloß mit einem Anschauen zu, dessen Folgen für sie höchst gefährlich werden konnten. Sobald aber befreundete Offiziere Lobenthals oder Soldaten von seiner Schwadron kamen, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen, floh das unschuldige Mädchen, voller Scham, hier überrascht worden zu sein, so leicht wie ein junges Reh von dannen, und wartete mit Ungeduld, bis die lästigen Besuche sich wieder entfernt haben würden.
Die ersten Blicke, welche Lobenthal aufschlug, fielen auf diesen irdischen Engel; wie konnte er sie anders, als mit der höchsten Bewunderung ansehen? Er fühlte bald das Bedürfniß eines Vertrauten, mit welchem er nach Herzenslust von derjenigen sprechen könnte, die seine ganze Seele erfüllte; hierzu wurde Werner erwählt, und stolz auf diese Auszeichnung eilte er, sich derselben würdig zu machen, indem er Gelegenheit suchte, die schöne Lodoiska von den glänzenden Eigenschaften seines Rittmeisters zu unterhalten, ohne ihr jedoch auf eine bestimmte Art zu erklären, was dieser schöne junge Offizier von ihr dachte.
Werners Erzählungen nahmen die Aufmerksamkeit des jungen Mädchens auf eine außerordentliche Art in Anspruch. Mit welcher Spannung hörte sie der Beschreibung einer Schlacht zu! Sie folgte in Gedanken dem Rittmeister bis mitten in die sich immer erneuernden Gefahren; bald erblaßte, bald erröthete sie; ihr Athemzug wurde kürzer, wenn die Gefahr am augenscheinlichsten war. Endigte aber dann die Erzählung mit einem Siege, den Lobenthal nicht mit einer Wunde bezahlt hatte, so erhob sie ihre ausdrucksvollen Augen gen Himmel, und stattete der Vorsehung tausend Mal ihren wärmsten Dank ab.
In der Stille der Nacht, so wie am Tage mitten unter ihren Arbeiten, war sie nur von einem einzigen Gedanken beschäftigt: der schöne und tapfere Rittmeister war ihrer Einbildungskraft, so wie ihrem Herzen, unaufhörlich gegenwärtig. Je länger dieß dauerte, desto tiefer drang der Pfeil in’s Innere; schon empfand sie das ganze Entzücken der Liebe, und doch hatte der Gegenstand derselben noch kein Wort mit ihr davon gesprochen. Indessen beobachtete Lobenthal nicht lange diese Zurückhaltung, die weder mit seinem Stande noch mit seinem Charakter übereinstimmte; er erklärte sich endlich, und ward sogleich erhört. Lodoiska befand sich in jenem Alter, wo das Mißtrauen noch unbekannt ist; sie liebte mit Leidenschaft, und es schien ihr ganz natürlich, daß sie eben so wieder geliebt würde. Sie kannte weder den Unterschied der Stände noch des Vermögens; ihr Geliebter war schön und jung, sie war beides ebenfalls: alles schien ihr daher gleich, und für sie konnte die Zukunft nichts sein, als eine glückliche Verlängerung der Gegenwart.
Aber mitten in diesem Entzücken erhielt sie sich rein, wie die Tugend selbst; kein unreiner Gedanke befleckte ihre Unschuld, und Lobenthal, voll Erstaunen über eine Leidenschaft, vereinigt mit so viel Tugend, machte keinen Versuch, sie zu entweihen. Je länger er seine Lodoiska sahe, desto größer wurde seine Zärtlichkeit für sie, bis sie endlich den höchsten Gipfel erreichte. Eines Abends, nachdem er den ganzen Tag in dem reinsten, entzückendsten Vergnügen zugebracht hatte, ritzte er sich mit einem Federmesser den Arm, und schrieb mit seinem Blute ein Heirathsversprechen auf, welches er seiner Geliebten übergab. Lodoiska eilte, ein Gleiches zu thun; nach dem uralten Gebrauche der dortigen Gegenden ward der doppelte Vertrag fünf Nächte lang unter dem Leichenstein eines Grabes verwahrt, und dadurch im Himmel selbst geheiligt.
Man zweifelt in jenen Ländern nicht, daß zwei Liebende durch einen solchen Vertrag unwiderruflich an einander gefesselt werden; jede andere Ehe, die nicht unter ihnen beiden vollzogen würde, kann nur höchst unglücklich sein. Die Jungfrau, welche sich auf solche Art verlobt, kann nach ihrem Tode aus dem Grabe wieder auferstehen, um als Vampyr den Treulosen zu quälen, der sie verlassen hat. Lobenthal wußte nichts von allen diesen Eigenheiten, und fürchtete die Zukunft nicht; denn es schien ihm unmöglich, seine Lodoiska je zu vergessen.