Wochen und Monate vergingen; schon waren die russischen Truppen aus der Moldau und Wallachei wieder abgezogen, um im Norden ihren Mitbrüdern gegen die Franzosen zu Hülfe zu eilen. Lobenthals Wunde war geheilt, und dennoch verlängerte er seinen Aufenthalt, da die Liebe ihn einen Theil seiner Pflicht vergessen machte; aber ein strenger Befehl seines Chefs lösete bald die Bezauberung des neuen Rinaldo, und es blieb ihm keine Wahl, als sich zu entehren, oder sich von Lodoiska zu trennen. Der Kampf in seinem Innern war fürchterlich, doch trugen endlich Ruhm und Pflicht den Sieg über die Liebe davon. Nachdem Lobenthal seine eigene Schwachheit überwunden hatte, mußte er noch die seiner Geliebten bekämpfen; er suchte sie durch die feierlichsten Versprechungen zu beruhigen, und gelobte, höchstens in Zeit von einem Jahre wiederzukommen. Endlich fand sich Lodoiska geduldig, aber nicht getröstet, und willigte in die unglückliche Abreise.
Lobenthal sahe seine Braut nicht wieder; lange Zeit hindurch blieb er ihr treu, aber die Abwesenheit brachte endlich auch bei ihm die gewöhnliche Wirkung hervor. Lodoiska wurde ihm nach und nach gleichgültig, er vergaß seine Versprechungen, und endlich erlosch das Andenken an seine frühere Liebe völlig durch seine Vermählung mit Helenen. Indessen blieb es ihm unmöglich ganz mit Lodoiska zu brechen. Sie schrieb ihm regelmäßig, und ergab sich geduldig in eine verlängerte Zögerung, die der Krieg nothwendig machte; als aber der Frieden endlich in ganz Europa hergestellt war, wurden ihre Briefe dringender, und sie kündigte dem nun zum Obersten beförderten Lobenthal an, daß sie ihn selbst aufsuchen wolle, wenn er nicht zu ihr zurückkehren würde.
Lobenthal beantwortete diese Briefe nicht, und er hörte lange nichts von seiner ehemaligen Braut, bis er endlich in Berlin, nach seiner Verabschiedung und nach langer Unterbrechung, abermals einen Brief von Lodoiska erhielt, worin sie ihm ihre nahe Ankunft in Berlin meldete. Dieses Schreiben mußte ihm, als Gatten Helenens, den höchsten Schrecken verursachen; er that daher einen verzweifelten Schritt, und machte seine unglückliche Braut mit seiner Vermählung bekannt. Voller Angst erwartete er ihre Antwort, die auch nicht lange ausblieb. Kaum hatte er sie erhalten, so trat er zu Helenen in’s Zimmer, schützte einen bedeutenden Verlust an seinem Vermögen vor, der ihn zwänge, die Hauptstadt sogleich zu verlassen, und trat die Reise nach Böhmen an, wie wir am Eingange dieses Buches gesehen haben. Auf die Antwort Lodoiska’s wagte er nie wieder einen Blick zu werfen, und in einem neuen Anfall von Schrecken vernichtete er diesen Brief, so daß man nie erfahren hat, was er eigentlich enthalten habe. —
Eilftes Kapitel.
Lodoiska’s jetziger Aufenthalt im Schlosse R.... konnte nur von übler Vorbedeutung für die Familie Lobenthal sein; Werner, der genau von den früheren Verhältnissen des Obersten unterrichtet war, fürchtete das Schrecklichste, und gerieth fast in Verzweiflung, seine Furcht weder Jemanden zu entdecken, noch den Obersten davon benachrichtigen zu können. Er entschloß sich endlich, sich Lodoiska so viel als möglich zu nähern, um ihre wahren Absichten kennen zu lernen.
Hierzu wählte er einen Nachmittag, als die Oberstin gerade einige Gesellschaft aus der Nachbarschaft bei sich hatte. Als er in Lodoiska’s Zimmer trat, saß dieselbe in der Nähe eines Fensters, während der junge Wilhelm vor ihr stand, und auf ihren Schooß ein Bilderbuch gelegt hatte, das er mit vielem Vergnügen durchblätterte. Die Fremde schien in das tiefste Nachdenken versunken zu sein, und sahe den Knaben mit Blicken an, die nichts weniger als Wohlwollen verriethen; Werners Schritte weckten sie aber aus ihren Träumereien, worauf sie augenblicklich ihre Miene änderte, und ihre gewöhnliche außerordentliche Gleichgültigkeit annahm. Der alte Unteroffizier trat näher und grüßte sie, was aber nicht erwidert wurde; doch ließ er sich durch diese Unhöflichkeit nicht irre machen, sondern fing sogleich seinen Angriff an, wie er sich vorgenommen hatte.
„Vortrefflich, Lodoiska, sagte er; da haben Sie sich nun in ein Haus eingeführt, wo Sie der Klugheit gemäß lieber hätten wegbleiben, und das Sie hätten scheuen sollen, zu Ihrer eigenen Ruhe und zur Ruhe einer achtungswürdigen Familie. Was haben Sie jetzt für Absichten? Wollen Sie hier, zum Lohne für die gute Aufnahme, die Sie genießen, Schmerz und Zank erregen? Halten Sie es nicht für angemessener, da Sie denn nun einmal den Obersten noch wiedersehen wollen, seine Rückkehr in Prag abzuwarten?“
— Ich halte dafür, Werner, daß man sich in wichtigen Angelegenheiten nicht bei seinen Feinden Raths erholen müsse, und überdieß bist du in deinen Rathschlägen eben nicht glücklich. Warst du es nicht, der mich einst aufforderte, mich von der Liebe des treulosesten aller Männer rühren zu lassen? Und dennoch kanntest du ihn genau, und wußtest, wie groß sein Leichtsinn sei. Aber dieß hinderte dich nicht, mich dem Rande des Abgrundes näher zu führen, und wer steht mir dafür, daß dein jetziger Rath nicht ebenfalls ähnliche Betrügereien im Hinterhalt hat? —
„Wenn ich Unrecht that, so ward dieß mehr in Folge meines damaligen Alters, als meines Herzens geübt. Jetzt leitet mich nur meine Theilnahme für ....“
— Ich glaube nicht mehr an die Worte der Menschen, und gehe auch nicht von dem mir einmal vorgeschriebenen Wege ab. Da ich mich jetzt in diesem Hause befinde, so werde ich darin so lange bleiben, bis Alles für mich aus ist, und ich den ewigen Qualen entgegengehe, die mich erwarten. —