„Was haben Sie aber zu fürchten, wenn Sie nichts Böses gethan haben?“
— Nicht mit dir, rief die Fremde im heftigsten Tone, werde ich über diesen Punkt sprechen. Ich bin es müde, dich anzuhören und dir zu antworten; ja deine Gegenwart ist mir so lästig, daß ich ungeduldig auf den Zeitpunkt warte, wo ich deiner Gesellschaft überhoben werde. —
„Es thut mir leid, Ihnen zu mißfallen; aber obgleich meine Anwesenheit Ihnen so lästig ist, so dürfen Sie sich doch nicht schmeicheln, mich aus den Augen zu verlieren, so lange Sie sich in diesem Schlosse befinden, und ich werde meine Wachsamkeit nur noch verdoppeln.“
— Wahrlich, Werner, deine Wachsamkeit wird auch höchst nöthig sein, und du wirst großen Vortheil davon haben. Fürchtest du nicht, mich endlich auf’s Aeußerste zu treiben? Kannst du die Frechheit haben, mich so zu beleidigen, indem du mir geradezu dein Mißtrauen gegen mich ausdrückst? Schwacher Sterblicher! Sobald ich deiner Obhut müde bin, wirst du aufhören, meinen Absichten Hindernisse in den Weg zu legen. Sei überzeugt, daß du, der du mit so vieler Kühnheit zu mir sprichst, das Schloß eher verlassen wirst, als ich! —
„Ich zweifle nicht, daß meine Gegenwart Ihnen lästig ist; allein wenn ich will, so soll keine Stunde vergehen, und Sie werden einen Laufpaß erhalten, sich Ihre Wohnung anderswo zu suchen, wo es Ihnen belieben wird. Ich darf nur ein Wort sagen ....“
— Du wirst es nicht sagen, dieses Wort, denn du kennst die Folgen davon! Glaube mir, Werner, wenn dir das Glück der Oberstin theuer ist, so laß sie den noch übrigen Theil ihres Lebens in Ruhe zubringen. Ich werde ihr nur im äußersten Falle die schreckliche Aufklärung geben, und wenn ihr Leben vergiftet wird, so bist du allein die Ursache davon. —
„Aber kurz, was wollen Sie hier? Worauf gründen Sie Ihre Hoffnung?“
— Hoffnungen habe ich nicht und kann ich nicht mehr haben, denn mein Schicksal ist unwiderruflich bestimmt. Aber ich habe noch Pflichten zu erfüllen, Befehle zu vollziehen. Früherhin hätten sie mein Herz zerrissen, das sich dagegen aufgelehnt haben würde; aber jetzt kommt es mir nicht mehr darauf an, da ich schon im Voraus in der Zukunft lesen kann; die Gefühle, denen ich früher hingegeben war, sind jetzt für mich verloren. —
„Wahrhaftig, Lodoiska, ich höre Sie sprechen, aber es ist mir unmöglich, Sie zu verstehen. Als Sie noch in Ihrem Vaterlande waren, brauchte ich nicht erst über jedes Ihrer Worte nachzudenken; aber jetzt sind sie mir so dunkel, daß ich mir vergebens den Kopf darüber zerbreche. Ich bitte Sie, drücken Sie sich deutlicher und ohne Umschweife gegen mich aus!“
Lodoiska antwortete nicht; ein triumphirendes Lächeln schwebte über ihren Lippen, während sie gleichgültig mit dem Buche spielte, welches Wilhelm, der sich beim Eintritte des Unteroffiziers entfernte, zurückgelassen hatte. Dadurch entstand ein ziemlich langes Stillschweigen, das Werner endlich zuerst brach.