„Ich sehe wohl, sagte er voller Aerger, daß es vergebens ist, Sie auf vernünftige Gedanken zu bringen. Aber, wenn Sie darauf bestehen, einen Plan auszuführen, den ich schlechterdings nicht errathen kann, so vergessen Sie wenigstens nicht, mit welcher Güte Sie im Schlosse R.... aufgenommen worden sind, und lassen Sie uns unsere Gastfreundschaft gegen Sie nicht bereuen!“

Diese Worte brachten ein flüchtiges Erröthen in den Gesichtszügen der Fremden hervor; aber sie nahmen bald ihre gewöhnliche Blässe wieder an, und Lodoiska antwortete mit großer Ruhe:

„Welchen Vorwurf über mein Betragen, sei es auch in der Folge wie es wolle, könnte mir derjenige machen, der voll Entzücken in dem Hause meines Vaters aufgenommen wurde, und zum Lohne dafür nur Verzweiflung und Tod darin zurückließ?“

Eine so kräftige Erwiderung setzte Wernern in Verlegenheit. Er fühlte die Richtigkeit dieses Vorwurfs, doch suchte er seine Verwirrung zu verbergen, indem er sagte:

„Geschehene Dinge sind nicht zu ändern; aber die Fehler der andern sind für uns keine Entschuldigung, und das Böse, was erst noch geschehen soll, kann das frühere Uebel nicht wieder gut machen.“

Lodoiska antwortete ihm nicht. Sie gab ihm nur ein Zeichen, daß sie wünsche, allein zu sein, und da Werner fürchtete, von der Oberstin hier überrascht zu werden, so entfernte er sich, aber mit dem festen Vorsatze, jeden Schritt der Feindin des Hauses, wie er sie nannte, zu belauschen.

Helene, deren Einsamkeit nur selten durch die Besuche der Nachbarn gestört wurde, hoffte durch die Gesellschaft der jungen Fremden für die Folge einigen Zeitvertreib zu haben; aber sie überzeugte sich bald, daß der Umgang mit ihr nichts weniger als angenehm sei. Ihre beständige Traurigkeit, ihr Schweigen, wenn man sie nicht fragte, ihre kurzen Antworten, und mehr als Alles, das Unbeschreibliche in ihren Gesichtszügen, waren höchst zurückstoßend für Helenen, die bald dem mehrmals ausgesprochenen Wunsche der Fremden nachgab, sie in ihrem Zimmer völlig allein zu lassen. Lodoiska verließ dasselbe nur zur Zeit der Mahlzeiten, und setzte sich schweigend an den Tisch, wo sie kaum so viel Nahrung zu sich nahm, als zur Erhaltung ihres Lebens höchst nothwendig war. Vergebens drang man in sie, mehr zu essen; sie schlug hartnäckig die besten Speisen aus, und begnügte sich mit etwas Fleisch, das sie bloß aussaugte; Nahrungsmittel aus dem Pflanzenreich waren ihr höchst zuwider. Die Ruhe, deren sie in ihrem Zimmer genoß, ward nur durch die täglichen Besuche der Kinder unterbrochen. Sie zeigte sich stets freundlich gegen dieselben, obgleich sie öfters ganz unbeschreibliche Blicke auf sie warf.

Vierzehn Tage wohnte sie bereits auf dem Schlosse, und ihr Betragen blieb immer dasselbe. Vergebens wurde sie stets von Werner belauscht; er konnte durchaus nichts Verdächtiges entdecken, obgleich er des Nachts zu allen Stunden aufstand, und im Schlosse umherschlich. Wider seinen Willen fing er daher am Ende zu glauben an, er habe sie falsch beurtheilt, und ließ auch allmählich in seiner Wachsamkeit nach.

Zu dieser Zeit fing Wilhelm zu kränkeln an, und setzte seine Mutter in die größte Unruhe. Das Kind beklagte sich eigentlich über nichts insbesondere, und dennoch sahe man die Röthe seiner Wangen schwinden, und seinen Körper immer mehr abmagern. Bald wurde er so schwach, daß er nicht mehr gehen konnte; auch das Tageslicht ward ihm zuwider; aber zu gleicher Zeit nahm seine Anhänglichkeit an die Fremde zu, die er kaum mehr verlassen wollte. Wenn man ihn mit Gewalt von seiner Freundin trennte, gerieth er in Zorn, und ganze Stunden lang brachte er in ihrem Arm liegend zu. Lodoiska sahe indessen diese Zuneigung mit Gleichgültigkeit an, obgleich sie das Kind nicht von sich entfernte, und darein willigte, daß es vorzugsweise ihrer Pflege überlassen wurde.

Helene schrieb Briefe über Briefe an ihren Mann, theilte ihm den bedenklichen Krankheitszustand ihres Sohnes mit, und bat ihn, doch endlich seiner Abwesenheit ein Ziel zu setzen. Von der Feuersbrunst und dem Aufenthalte der unglücklichen Fremden im Schlosse hatte sie ihn schon früher benachrichtigt. Lobenthal theilte in seinen Antworten Helenens Aengstlichkeit, und versprach ihr, sich sobald als möglich auf den Rückweg zu machen, da aller Anschein da sei, eine völlige Aussöhnung zwischen seiner Schwester und ihrem Gatten zu Stande zu bringen. Der Begebenheit mit der Feuersbrunst hatte er nur wenig seine Aufmerksamkeit geschenkt, und berührte sie nur im Vorübergehen, indem er das Betragen Helenens völlig billigte. Alle seine Briefe schloß er mit den heißesten Wünschen für die Genesung seines geliebten Wilhelm.