Der Himmel schien seine Wünsche nicht erhören zu wollen; die Kräfte des Kindes schwanden immer mehr, sein Athem wurde immer kürzer, und schon konnte er kaum seinen Kopf in gerader Richtung über den Schultern erhalten, auf welche er aller Anstrengungen ungeachtet immer wieder zurückfiel. Helene war außer sich. Zwar suchte ein geschickter Arzt, der täglich nach dem Schlosse kam, ihr Trost einzusprechen, allein auch dieser wußte selbst nicht, was er von der außerordentlichen Krankheit denken sollte. Das Kind behielt bei seiner großen Schwäche eine Eßlust, die mit der Krankheit immer zunahm; es beklagte sich stets über Hunger, der nur schwer zu stillen war, und dieß am meisten des Morgens, sobald er aus seinem todtenähnlichen Schlafe erwachte. Dann forderte er die kräftigsten und schwersten Nahrungsmittel, die er verschlang, als wenn er mehrere Tage lang gar nichts gegessen hätte. Um die Mutter nicht noch mehr in Angst zu setzen, that der Arzt, als wenn er gute Hoffnung habe, das Kind wieder herzustellen; aber insgeheim sahe er kein Mittel vor Augen, wie er sein Versprechen erfüllen sollte.
Lodoiska verließ ihren kleinen Freund nur selten; sie hörte die Fragen des Arztes, die Klagen der Mutter mit an, ohne sich je in das Gespräch zu mischen. Nur wenn das Kind die Arznei einnehmen sollte, wendete sie ihren Einfluß auf den kleinen Wilhelm an, der sie dann freundlich anlächelte, ihre Hand nahm, und artig zu sein versprach, wenn Lodoiska bei ihm bleiben wollte.
„Sei ruhig, mein Kind, sagte sie, und fürchte deßhalb nichts. Ich habe mich zu innig mit deinem Wesen vereinigt, als daß ich mich von dir trennen könnte, und ich werde dich nur in dem verhängnißvollen Augenblicke aufgeben, wo man Alles auf der Erde verlassen muß.“
Diese liebreichen Worte verloren für die Zuhörer allen Werth, weil sie mit der äußersten Gleichgültigkeit und Trockenheit ausgesprochen wurden. Die Fremde legte überhaupt nur selten einen Ausdruck in das, was sie sagte oder that, so daß man sie weniger für ein lebendiges Geschöpf, als für ein belebtes Automat zu halten geneigt war, das sich bloß nach dem Uhrwerk in seinem Innern auf eine stets gleichförmige Weise bewegte. So viel Kälte erregte öfters bei Helenen eine leichte Anwandlung von Zorn, die aber sogleich wieder unterdrückt wurde, wenn sie sich erinnerte, daß der Verstand dieser unglücklichen Fremden ohne Zweifel gelitten haben müsse. Auch war dieß die Ursache, warum sie nicht die Fragen an sie that, die man sonst wohl das Recht hat, an Jemanden zu richten, der in ein Haus eingeführt und aufgenommen ist. Sie wußte von Lodoiska selbst, daß deren Aufenthalt in Deutschland nicht mehr lange dauern würde, daher sie sich auch vorgenommen hatte, bis zum nächsten Frühling der Fremden die Gastfreundschaft zu gewähren.
Der gute Werner, der den kleinen Wilhelm über allen Ausdruck liebte, war über seine Krankheit ganz untröstlich. Er selbst lebte kaum nur noch zur Hälfte, da es augenscheinlich war, daß der Knabe seinem Grabe entgegenging; ja er gerieth endlich in eine Art von Verzweiflung, so daß er den Verdacht schöpfte: Wilhelm möchte wohl vergiftet sein, und Lodoiska sei die Urheberin dieses abscheulichen Verbrechens. Dieser Gedanke ließ ihm von nun an keine Ruhe mehr, und er sann auf nichts, als auf die Art, wie er seinen Verdacht entweder aufklären oder wieder vernichten könnte.
Zwölftes Kapitel.
Werner beobachtete seit einigen Tagen die Fremde mit erneuerter und verdoppelter Wachsamkeit, ohne indessen etwas Verdächtiges auffinden zu können. Wilhelm schien mit jeder Minute den Geist aufgeben zu wollen, und es ward also angeordnet, daß seine Mutter, Werner oder Lisette abwechselnd des Nachts bei ihm wachen sollten. Dieser Zeitpunkt, welcher entscheidend zu sein schien, war derjenige, wo ein ziemlich merkbares Besserbefinden einige Hoffnung gab, daß das Kind dennoch wieder genesen könnte. Sein völlig abgemagerter Körper erhielt einige Kräfte wieder; schon verbreitete sich eine leichte Röthe über seine eingefallenen Wangen, und im ganzen Schlosse herrschte die lauteste Freude. Nur Lodoiska blieb völlig gefühllos. Der lauschende Blick Werners, der sie nicht aus den Augen verlor, glaubte bei ihr eine Veränderung zu bemerken, die der des Kindes gerade entgegengesetzt war; sie verlor einen guten Theil von ihrem körperlichen Umfange. Ueber ihr leichenblasses Gesicht war eine verdächtige Unruhe verbreitet, und ihr Gang wurde holperig und schleppend. Oft legte sie eine Hand auf die Wunde, welche Werner unter ihrer linken Brust gesehen hatte, und drückte sie mit Heftigkeit, als wenn sie das Leben, das hier zu entschlüpfen drohte, hätte zurückhalten wollen. Zweimal überraschte Werner sie, wie sie das kranke Kind mit der Aufmerksamkeit einer wilden Ungeduld betrachtete, und eine Bewegung, schrecklich für den, welcher sie verstanden hätte, drückte dabei ihre Gedanken aus. Allein Werner errieth sie nicht; er sah jedoch genug, um überzeugt zu sein, daß entweder die Fremde mit dem morgenden Tage das Schloß verlassen, oder daß das Kind sein Leben endigen müsse. Er nahm sich vor, mit der größten Klugheit zu Werke zu gehen, und der Oberstin so viel zu sagen, daß sie zuerst die Fremde auffordern würde, sich anderswo eine Wohnung zu suchen, weil es nicht anginge, daß sie noch länger in ihrer jetzigen bleiben könne.
Unterdessen war die Nacht schon angebrochen. Die Oberstin, von Mattigkeit fast erschöpft, weil sie seit mehreren Tagen selbst bei ihrem Sohne gewacht hatte, fühlte heute ein unwiderstehliches Bedürfniß, etwas Ruhe zu genießen, und sie wollte daher eins der Dienstmädchen zur Wache für diese Nacht bestimmen, als Lodoiska, von dieser Absicht unterrichtet, sich selbst erbot, ihrem jungen Freunde diesen Dienst zu leisten. Helene glaubte, es ihr nicht abschlagen zu dürfen, vorzüglich da sie bisher noch nicht bei dem kleinen Wilhelm gewacht hatte, was man nicht wagen wollte, ihr anzumuthen.
Die Sache wurde sogleich abgemacht, und Lisette brachte, wahrscheinlich aus Vergeßlichkeit, dem guten Werner davon keine Nachricht. Dieser legte sich also in der Ueberzeugung zu Bett, daß der Sohn seines Obersten die Nacht unter der Obhut der zärtlichsten Mutter zubringen würde; aber kaum hatte er sich niedergelegt, so durchkreuzte seinen Kopf eine Menge der peinlichsten Ideen. Einige Augenblicke lang bemächtigte sich dann der Schlaf seiner Sinne, ohne ihm jedoch Ruhe zu verschaffen; er ward von den seltsamsten Träumen bis auf’s Aeußerste geängstigt. Bald glaubte er mitten im Walde, welcher sich hinter dem Garten des Schlosses R.... befand, umherzuirren; plötzlich stürzte eine Räuberbande über ihn her, und er blieb nach einem heftigen Kampfe sterbend auf der Erde liegen; bald versetzte ihn eine Erinnerung aus früheren Zeiten in die Wohnung von Lodoiska’s Vater. Er sah auf dem Hausflur einen Sarg, mit einem schwarz und weißen Leichentuche behangen, und mit einer Krone von Lilien und weißen Nelken geschmückt; eine Menge junger Mädchen stand umher, bis ein Geistlicher erschien, und den Zug nach dem Kirchhofe führte. Hier wurde der Sarg in ein offenes Grab versenkt; die Zuschauer entfernten sich. Werner allein war noch stehen geblieben, und sahe, daß es plötzlich tiefe Nacht um ihn her geworden. Mit einem fürchterlichen Donnerschlage erschien der Mond; kaum hatte dieser die Gegend umher erleuchtet, so öffnete sich unter dumpfem Brausen eines heftigen Sturmwindes die Erde, und in ein Leichentuch gehüllt steigt langsam eine Gestalt aus dem frischen Grabe empor. Immer höher erhebt sie sich in die Lüfte, und durch eine unwiderstehliche Macht wird Werner ihr nach mit fortgerissen. Sie durchfliegt mit reißender Schnelligkeit ungeheure Räume, während der halb betäubte Soldat sie stets begleitet, bis endlich beide sich wieder zur Erde niederlassen. Werner erkennt das Schloß R.... und schaudert über das, was hier vorgehen soll. Sein geheimnißvoller Führer zieht unter seinem Leichentuche eine Hand hervor, welche aber nichts als ein Gerippe ist, und klopft damit an die Thür des Schlosses; sie wird ihm aufgethan, und in demselben Augenblicke dreht die Gestalt sich um; der erstaunte Werner erkennt in ihr das zornige Gesicht Lodoiska’s. —
Ein so fürchterlicher Traum konnte nicht länger dauern; Werner erwachte, ganz in seinem Schweiße gebadet, und kaum wagte er in der ihn umgebenden Finsterniß die Augen aufzuschlagen. Als er sich nach und nach besann, schien es ihm, als wenn der Himmel selbst ihm eine schreckliche Aufklärung gegeben hätte, von welcher er jetzt Gebrauch machen müsse. Alle Wunder, über die er bisher erstaunte, sind ihm jetzt erklärt, denn im Grabe hat Lodoiska die Macht geschöpft, womit sie ihn überraschte. Bisher hatte er geglaubt, bloß gegen ein von Leidenschaft verblendetes Weib zu kämpfen, und jetzt ist es ein höllischer Geist, mit dem er sich messen soll.