Während sich Werner so dem Fluge seiner Einbildungskraft überließ, erinnerte er sich, daß die Oberstin heute bei ihrem Sohne wachen würde: ein günstiger Zeitpunkt, um ihr die wichtigen Entdeckungen zu machen, wodurch Werner sie und ihre Familie zu retten hoffte; denn leicht war es möglich, daß Lodoiska jetzt in einen irdischen Schlaf versunken sein konnte, und daher nicht im Stande war, sich seinem Vorhaben zu widersetzen. Dieser Gedanke gab ihm einen raschen Entschluß; er sprang sogleich aus dem Bette, kleidete sich rasch an und eilte nach der Thür; aber hier fiel ihm ein, daß es gefährlich sein könne, ohne Waffen durch die weitläuftigen Gänge und Säle des Schlosses zu gehen, weil es möglich sei, daß vielleicht ein schrecklicher Vampyr darin umherirre. Beim Schein des Mondes, der seine Strahlen durch das Fenster warf, suchte er seine Pistolen, die stets geladen waren; dann verließ er endlich sein Zimmer, und nahm seinen Weg nach dem des kranken Kindes, wo er die Gemahlin seines Obersten anzutreffen hoffte.

In beständiger Furcht, daß das geringste Geräusch Lodoiska’s Aufmerksamkeit wecken könnte, ging er nur langsam und so leise als möglich vorwärts; er hielt seinen Athem an, und zitterte bei dem Gedanken, überrascht zu werden. Schon hat er die Haupttreppe erstiegen und befindet sich in dem großen Saale, ohne das Geringste wahrgenommen zu haben; er tritt jetzt in den Gesellschaftssaal, den er ebenfalls unangefochten durchschleicht, und ist schon im Begriff, die Thür des Zimmers zu öffnen, in welchem sich die Oberstin bei ihrem Kinde befindet, als es ihm einfällt, daß sie wohl eingeschlummert sein könnte, und daß er durch sein plötzliches Erscheinen ihr einen großen Schrecken verursachen würde. Um sich vorher zu überzeugen, ob sie schläft oder wacht, näherte er also sein Auge dem Schlüsselloche, und blickt in’s Zimmer hinein.

Welche Ueberraschung! Nicht Helene befindet sich hier, sondern die unerklärbare Lodoiska! Sie geht mit langsamen Schritten auf und nieder, aber scheint nichts desto weniger in der größten Ungeduld zu sein; bald blickt sie auf das Bett, in welchem das kranke Kind ruht, bald auf den Mond, der in einem völlig wolkenleeren Himmel immer höher steigt ..... Jetzt schlägt die Schloßuhr zwölfe! ..... In demselben Augenblicke werden Lodoiska’s Gesichtszüge völlig entstellt, und eine schreckliche Freude scheint ihre Muskeln zusammenzuziehen; mit der größten Heftigkeit reißt sie sich den Handschuh ab und stürzt sich wie wüthend über das Bett her. Hier legt sie ihren Mund auf den des Kindes und scheint mit langen Zügen das Blut zu trinken, das sie aus der Brust und von da aus allen Adern dieses unglücklichen Wesens hervorsaugt! —

Dieß ist zu viel für den guten Werner. Sollte er auch sein Leben verlieren, er kann dieses schreckliche Schauspiel nicht länger mit ansehen; er spannt eine seiner Pistolen, reißt die Thür mit Gewalt auf, und stürzt sich auf das Ungeheuer los, um ihm den Lohn für seine Verbrechen zu geben.

„Endlich habe ich dich ertappt! rief er aus. Kehre jetzt zur Hölle zurück, und besudele die Erde nicht mehr mit deiner Gegenwart!“ Er drückt seine Pistole auf sie ab, und Lodoiska wird von der Kugel getroffen; aber schneller als der Adler, der in seinem Neste von dem kühnen Jäger überrascht wird, springt sie von dem Lager auf, das sie so eben entweihete.

— Elender, sagte sie, deine Mühe ist vergebens! du selbst sollst jetzt mein Geheimniß mit in’s Grab nehmen! —

Ein scharf geschliffener Dolch blitzt in ihrer Hand; Werner giebt zum zweiten Male Feuer, aber die Kugel fährt unschädlich neben Lodoiska vorbei in die Mauer, und in demselben Augenblicke wühlt das mörderische Eisen in seinem Herzen. Ohne einen Laut von sich zu geben fällt Werner todt auf den Fußboden nieder.

Ende des ersten Theils.

Anmerkungen zur Transkription

Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Im Original g e s p e r r t hervorgehobener Text wurde in einem anderen Schriftstil markiert.