Ein schauerliches Lächeln war die Antwort der Fremden, und in ihren Augen las der Oberst völlig klar ihre Gedanken, so daß ihm kein Zweifel mehr übrig bleiben konnte.
„Nein, nein, tausend Mal nein! Nie werde ich mich mit einem Verbrechen besudeln! Grausames Weib, ich verabscheue Sie!“
— Ja, ich weiß es, Sie waren ein geringerer Verbrecher, als Sie mein Herz zerfleischten, als Ihr Betragen, Ihre Briefe meinem Dolche den Weg zeigten. — Bei diesen Worten schlug sie ihren Schleier zurück, und zeigte dem erstarrenden Alfred die offene, noch blutende Wunde, welche mitten in’s Herz ging. — Auch mein Vater, meine Mutter, fuhr sie fort, fanden ihre letzte Zuflucht nur durch den Tod! Nein, damals war Alfred kein Verbrecher, und noch jetzt ist er der unschuldigste, der tugendhafteste der Männer! —
„O, Lodoiska! welche Verzweiflung! Welche schreckliche That haben Sie vollbracht! Wie, Ihr Blut ist geflossen, und Sie legten Hand an sich selbst? Und dadurch haben Sie auch Ihren ehrwürdigen Aeltern das Leben geraubt?“
— Nicht ich, Alfred! Nicht ich, sondern Sie, Sie allein sind an Allem Schuld. Ich war nur das Werkzeug, dessen Sie sich bedienten, eine ganze Familie von der Erde zu vertilgen. Und dennoch werden Sie ruhig schlafen, oder Ihr Schlaf wird bloß durch den Schrecken beunruhigt werden, den ich Ihnen verursache. Auf Wiedersehen! Urheber alles meines Elendes, der Sie meine ewige Verbannung aus dem Himmel verursacht haben! —
„Sie vernichten mich durch Ihre Vorwürfe! Aber wozu wollen Sie verzweifeln? Mein Vergehen war groß; doch ich hoffe Gnade vor Gott zu finden, und Sie, glauben Sie mir, daß Sie noch durch aufrichtige Reue .....“
— Reue! rief die Fremde mit einem lauten schrecklichen Lachen, daß der Saal davon erschallte; Reue giebt es nicht mehr für mich; ich habe sie sammt meinen übrigen menschlichen Empfindungen in meiner Hütte zurückgelassen. Mein Weg ist mir vorgeschrieben, ich kann nichts mehr thun, als ihn genau befolgen! —
Der Oberst erstarrte über diese Worte; aber als er bedachte, welche Vorurtheile Lodoiska in ihrem Vaterlande seit ihrer frühen Jugend eingesogen haben müsse, und daß ihr Unglück ohne Zweifel einen nachtheiligen Einfluß auf ihren Verstand gehabt habe, ward er von zärtlichem Mitleiden ergriffen; er suchte sie zu trösten und zu beruhigen, indem er sich ihr näherte, um die Hand Lodoiska’s zu ergreifen, über welche sie stets einen Handschuh trug. Allein sie errieth den Zweck seiner Bewegung, und trat erschrocken einen Schritt zurück.
„Nein, nein, Alfred! Geben Sie Ihre Versuche auf, mich anderes Sinnes zu machen. Ich wiederhole Ihnen nochmals, daß ich nicht länger hier bleiben kann, und das Schloß mit dem morgenden Tage verlassen muß. Ich habe mein abgebranntes Haus wieder aufbauen lassen, und vorgestern die Nachricht erhalten, daß es zu meiner Aufnahme bereit ist. Fürchten Sie nun nicht mehr, daß ich Ihnen durch meinen Anblick lästig fallen werde.“
— Ich kann die Ausführung Ihres Entschlusses nicht zugeben, Lodoiska. Warten Sie noch einige Zeit, ehe Sie uns verlassen; denn wie können Sie mitten im Winter in ein neu erbautes Haus einziehen? Wissen Sie nicht, wie schädlich die Feuchtigkeit der Mauern auf die Gesundheit wirkt? —