„O, mir schadet sie nichts; denn in einer andern Wohnung fand ich eine weit größere Feuchtigkeit, und doch sehen Sie mich noch hier. Mein Entschluß ist unabänderlich, und Niemand wird mehr an mich denken, wenn ich mich entfernt habe.“
Nach diesen Worten eilte Lodoiska auf ihr Licht zu, nahm es in die Höhe, und ging fort, ohne auf Alfred’s wiederholte und dringende Bitten zu hören. Da er sie verschwunden sahe, kehrte er in sein Zimmer zurück, wo er die Nacht unter den peinlichsten Gedanken schlaflos zubrachte.
Neunzehntes Kapitel.
Zur Frühstückszeit erschien Lodoiska am folgenden Tage wie gewöhnlich. Ihre ruhige Haltung und die Gleichgültigkeit in ihren Blicken verriethen Helenen im Geringsten nicht, welchen Entschluß sie gefaßt habe, und selbst der Oberst wurde einigermaßen irre an ihr. Nach dem Frühstück setzte sie sich an ihren Stickrahmen, wie sie es immer gethan hatte, und arbeitete mit ungetheilter Aufmerksamkeit. Als der Oberst sich aber aus dem Zimmer entfernte, weil ein Bauer ihn einiger Geschäfte halber zu sprechen verlangte, stand Lodoiska auf, und ging zur Thür hinaus, als wenn sie sich bloß in ihr Zimmer begeben wollte. Da Helene wußte, wie sehr ihr oft die geringsten Fragen lästig waren, so fragte sie auch nicht nach der Ursache ihrer plötzlichen Entfernung, die überdieß nur auf einige Minuten zu geschehen schien.
Eine Stunde ging vorüber, und die Fremde ließ sich noch nicht blicken. Der Oberst bemerkte bei seiner Rückkehr sogleich ihre Abwesenheit, und fragte seine Frau nach ihr.
„Sie hat sich, kurz nachdem du das Zimmer verlassen hast, entfernt, und ich glaubte bloß, daß sie sich Wolle zum Sticken holen wollte; allein jetzt sehe ich ein, daß sie wohl eine andere Absicht haben mußte.“
Der Oberst vermuthete sogleich die Wahrheit, suchte jedoch seine innere Bewegung zu verbergen, und stellte sich völlig gleichgültig. Bald darauf trat der neue Bediente ein, welcher Werners Stelle ersetzte, und übergab der Oberstin einen Brief von Lodoiska.
„Ich muß mich, schrieb dieses unglückliche Mädchen, bei Ihnen über die Art entschuldigen, wie ich mich von ihnen trenne. Ich bin in meine frühere Wohnung zurückgekehrt, und bedaure, Ihnen so viel Last verursacht zu haben; aber die innigste Dankbarkeit erfüllt mich für Ihre mir erwiesene Güte. Warum darf ich Ihnen keinen Beweis von dieser Gesinnung geben! Ein schreckliches Schicksal zwingt mich, stets gegen meinen eigenen Willen zu handeln! Ich habe bei Ihnen die größte Zuvorkommenheit gefunden, und dennoch werde ich ... Verzeihen Sie meinen Wahnsinn .... Ich weiß selbst nicht, was ich will, aber ich traure darüber, daß ich weiß, was ich kann. Gern wäre ich in Ihrem Schlosse geblieben; aber dann hätte ich mich entschließen müssen, öfters einen Mann zu sehen, dessen Zuneigung zu mir mich zwingt, ihn zu meiden. Sie seiner Besuche zu berauben, wäre ungerecht gewesen, und es war also nothwendig, daß ich mich entfernte. Ich befinde mich jetzt wieder in meinem Hause, und habe meinen ganzen Geschmack für die ungestörteste Einsamkeit dahin zurückgebracht; diese werde ich nur dann auf einige Augenblicke verlassen, wenn ich Ihnen, ohne Furcht vor einem unangenehmen Zusammentreffen, persönlich Alles das versichern kann, was ich jetzt nur mit schwachen Worten ausdrücke.“
Unter der Unterschrift, welche bloß aus dem Namen Lodoiska bestand, befanden sich noch einige Höflichkeitsformeln für den Obersten.
„Wahrhaftig, sagte Helene, nachdem sie den Brief mit lauter Stimme vorgelesen, eine sonderbare Art uns zu verlassen. Und wie ist es möglich, daß sie mitten im Winter in ein neu erbautes Haus einziehen kann, bloß um einen Mann zu fliehen, den ein einziges Wort von ihr zurückgehalten haben würde! Wir wollen ihr aber sogleich ihre Sachen schicken, von denen sie ohne Zweifel nichts mitgenommen hat.“