Der Oberst suchte eine Antwort hervorzubringen, welche gleichgültig sein sollte; zu seinem Glücke achtete aber Helene nicht auf ihn, sondern ging, um Lisetten zu klingeln, welche mit der Nachricht eintrat, daß zugleich mit dem Briefe auch ein Wagen angekommen sei, der die Sachen der Fremden abholen sollte. Dadurch fand der Oberst einen Vorwand, sich aus dem Zimmer zu entfernen, um Befehl zum Aufladen dieser Sachen zu geben, in der That aber, um wieder freien Athem zu schöpfen; und während sein Körper sich im Schlosse befand, irrten seine Gedanken in ungeheuren Räumen umher.
Das plötzliche Verschwinden Lodoiska’s aus dem Schlosse gab der Neugierde der Nachbarn neue Nahrung. Herr von Krauthof, der diesem schönen Frauenzimmer nicht gewogen war, verbreitete zuerst die boshaftesten Gerüchte über die Nothwendigkeit dieser schnellen Veränderung der Wohnung, und bald erzählte man sich allgemein in der Umgegend, daß die Eifersucht der Oberstin sie verursacht habe. Glücklicherweise kamen diese Gerüchte den betheiligten Personen nicht selbst zu Ohren; aber der Arzt erfuhr sie ebenfalls, und nahm sie nicht mit völliger Gleichgültigkeit auf. Er erinnerte sich einer Menge Umstände, die er in dem Augenblicke selbst nicht beachtet hatte, die ihm aber jetzt als ein Lichtstrahl zu sein schienen; doch hütete er sich, von seinen Entdeckungen irgend Jemanden etwas mitzutheilen, und zog es vor, sich mit dem Obersten selbst darüber freimüthig zu erklären, sobald er die Gelegenheit dazu finden würde.
Zu dieser Zeit wurden Helenens Gesundheitsumstände immer bedenklicher. Vorzüglich empfand sie eine große Schwierigkeit, Athem zu holen; sie verlor ihre Kräfte, und verfiel allmählich in eine Abzehrung, die sie zum Grabe führen konnte.
Wildenau, der wirklich ein Arzt von großen Verdiensten war, studirte mit der größten Genauigkeit alle Symptome dieser Krankheit, welche dieselbe zu sein schien, wodurch der kleine Wilhelm dem Leben entrissen worden war. Eine außerordentliche Abspannung und Schwäche, ein beständiges Bedürfniß zu essen, ein anhaltender Schweiß; alle Zeichen waren dieselben. Helene ward still und schwermüthig, ohne die Gefahr zu kennen, die ihr drohte; ihren Gatten schien sie mehr als je zu lieben, und dieser war weit entfernt, an ihren nahen Tod zu glauben.
Seit der Flucht Lodoiska’s bemerkte der Oberst mit Schrecken, daß dieses junge Mädchen immer mehr die Oberhand in seinem Herzen gewann, und aus Furcht vor den Folgen dieser zunehmenden Neigung hätte er vor sich selbst fliehen mögen. Bald war er froh darüber, daß Lodoiska sich aus dem Schlosse entfernt hatte, indem er sich schmeichelte, daß dadurch die Ruhe seines Lebens gesichert worden sei; bald seufzte er nach der Rückkehr der Fremden, und es schien ihm, daß das Schloß jetzt nichts als eine große Einöde sei. Oft ging er in das Zimmer, welches sie bewohnt hatte, und bildete sich ein, sie dort wiederzusehen; er setzte sich in ihren Lehnstuhl, oder auf ihr Bett, und wer ihm zugesehen hätte, würde geglaubt haben, daß er wahnsinnig geworden sei.
Oefters führte ihn ein edles Gefühl zu seiner Pflicht zurück, und voller Scham über seine Schwäche, über den ihn entehrenden Wahnsinn, suchte er in Gesellschaft seiner Frau, seiner Tochter, reinere Gedanken zu sammeln. In diesen Augenblicken verschwand das Bild Lodoiska’s allmählich aus seinem Herzen, und die tugendhafte Helene nahm alle ihre Rechte wieder ein; aber leider dauerten diese Augenblicke nicht lange: Lodoiska, mit dem mächtigen Reiz eines Gegenstandes, in dessen Besitz man noch nicht gewesen ist, kehrte siegreich in sein Herz zurück.
Mehrere Tage vergingen, während der Oberst fast beständig unter diesen Kämpfen mit seinem Innern zubrachte, seine Gattin aber immer schwächer wurde. Sie war nicht im Stande, wie sie es wünschte, Lodoiska’n in ihrer neuen Wohnung einen Besuch abzustatten, und diese ließ sich vor Niemandem blicken. Sie begnügte sich damit, sich von Zeit zu Zeit durch einen Bauer nach dem Gesundheitszustande Helenens erkundigen zu lassen.
Wildenau fand sich täglich im Schlosse ein, um der Oberstin seine ganze Kunst zu widmen. Er vervielfältigte seine Fragen, um die erste Ursache ihrer Krankheit kennen zu lernen, aber die Antworten, die er erhielt, waren weit entfernt, ihn zu befriedigen.
„Ich erinnere mich durchaus keines Umstandes, sagte sie, der meinen jetzigen Zustand verursacht haben könnte, und Sie werden sehen, daß ich eben so wie mein Sohn, unter gleichen Umständen, sterben werde.“
— Um Gottes willen! unterbrach sie der Arzt, glauben Sie so etwas nicht! Schon dieser Gedanke allein ist im Stande, Ihren Zustand zu verschlimmern, und überdieß sind Sie weit entfernt von der Krankheit ihres Kindes. —