„Ich wußte es wohl, daß du über mich spotten würdest; allein dem sei, wie ihm wolle, ich habe die schreckliche Gewißheit von meinen nächtlichen Qualen. Es ist nicht eben ein bloßer Traum, der alle Nächte wiederkehrt; nein, der Schmerz, den ich empfinde, das Gewicht des Wesens, das mich fast erdrückt, entreißt mich meinem Schlafe. Aber eine höhere Macht hemmt alle meine Bewegungen, schließt mir die Augenlieder, und überwältigt meine Anstrengungen, mich von meinem Verfolger loszumachen. Vergebens suche ich zu schreien, die Töne ersterben in meiner Brust; ich fühle die auf mir liegende Last und das Verschwinden meines Blutes aus den Adern.“
— Du setzest mich in Erstaunen, Helene, und ich weiß nicht mehr, was ich dir antworten soll. Fühlst du nicht, daß du bloß das Spiel einer traurigen Täuschung bist, die nur durch deine Krankheit verursacht wird, die sie verschlimmert, aber nicht hervorbringt? Ich will nicht versuchen, dir die Unmöglichkeit zu beweisen, daß ein solches Wesen, wie du es fürchtest, existiren kann; nie wird die Vorsehung erlauben, daß die Gesetze der Natur auf eine so schreckliche Weise verletzt werden. Aber du hast Zerstreuung nöthig; unser jetziger Aufenthalt taugt nicht mehr für uns, und mit dem morgenden Tage wollen wir nach Prag reisen, um dort deine völlige Genesung abzuwarten. —
„Nein, Alfred, ich kann nicht einwilligen, dieses Schloß zu verlassen. Ich bitte dich, hier zu bleiben, weil eine allzutheure Ursache mich hier fesselt.“
— Diese Ursache kann dir nur traurige Erinnerungen bringen. Wenn du willst, so wollen wir nach Dresden, deiner Vaterstadt, reisen, oder wohin du sonst wünschest. Aber der Anblick neuer Gegenstände muß dich diejenigen vergessen machen, die deine Schwermuth verursacht haben. —
„Ich will mich nicht von hier entfernen, weil ich sonst nicht neben dem Grabe meines armen Wilhelm würde ruhen können.“
Diese rührende Antwort, mit einem Strom von Thränen begleitet, drohte Alfreds Herz zu brechen. Er vermischte seine Thränen mit denen seiner Frau, aber gab dessenungeachtet ihren Wünschen nicht nach, sondern stellte ihr die wichtigsten Gründe vor, um sie zur Veränderung ihres Aufenthalts zu überreden. Nach vielen Bitten mußte sie endlich nachgeben, und sie ertheilte ihre Einwilligung zu einem vierzehntägigen Aufenthalte in Prag.
Zwanzigstes Kapitel.
Als Helene am andern Morgen die Anstalten zur Abreise sahe, schien ihr Versprechen ihr wieder leid zu werden, und sie bat ihren Mann, seinen Entschluß aufzugeben. Allein ihre Bitten waren vergebens; der Oberst blieb fest bei seinem Willen. Vor der Abreise schrieb Helene noch einige Zeilen an Lodoiska, um sie zu benachrichtigen, daß sie auf vierzehn Tage mit ihrem Gatten und ihrer Tochter nach Prag reisen würde; zugleich sprach sie den Wunsch aus, wie angenehm es ihr sein würde, einen Besuch von ihr in dieser Stadt zu erhalten, weßhalb auch ein Zimmer für sie in der Wohnung, die man wählen würde, bereit gehalten werden sollte.
Wildenau, der durch einen Boten herbeigeholt worden war, kam in dem Augenblicke an, wo die Familie sich in den Wagen setzen wollte. Kaum hatte der Oberst, ihn bei Seite nehmend, noch Zeit genug, ihm im Allgemeinen zu sagen, daß die Einbildungskraft seiner Frau durch schreckliche Vorstellungen angegriffen werde, weßhalb er es für nöthig gehalten habe, sie zu zerstreuen, und sie zu diesem Zwecke mitten in den Tumult einer großen Stadt zu führen. Der Arzt konnte diesen Plan nur billigen, und er versprach, die Familie in der Stadt öfters zu besuchen.
Der Wagen, mit vier raschen Pferden bespannt, eilte pfeilschnell auf der Landstraße, die nach der Stadt führte, fort, und nach zwei Stunden befand sich die Familie bereits in Prag, im Gasthofe zum Kaiser. Sie trat hier so lange ab, bis gegen Abend der Oberst, welcher die ganze Stadt durchlaufen hatte, zurückkehrte, mit der Nachricht, eine sehr bequeme Wohnung, ganz wie er sie wünschte, gefunden zu haben. Noch in dieser Nacht schlief die Familie in ihrer neuen Behausung, wo der Oberst sein Bett in das Schlafzimmer seiner Frau hatte setzen lassen.