„Du siehst nun, sagte er lächelnd zu ihr, was ich für Anstalten zu deiner Beschützung gemacht habe; ich bin hier mit Degen und Pistolen, um den Dämon mit Vortheil zu bekämpfen. Doch hoffe ich, nicht wirklich mit ihm ins Handgemenge zu gerathen, weil er uns wahrscheinlich nicht bis hierher folgen wird; denn die Gespenster und bösen Geister haben nur selten Erlaubniß in großen Städten umherzuwandeln; nur in den alten Schlössern vermögen sie zu spuken.“

Es war Alles vergebens, Helenen aufzuheitern; sie blieb stets schweigend und tiefsinnig, denn das Uebel, von welchem sie befallen war, hatte schon zu große Fortschritte gemacht. Sie legte sich zeitig schlafen, während ihr Mann noch lange wachte; aber als auch er endlich das Bett suchte, erstaunte er über die außerordentliche Müdigkeit, die ihn befiel, und kaum hatte er sich niedergelegt, so schloß der Schlummer seine Augen. Mit anbrechendem Tage erwachte er wieder, und da er hörte, daß seine Frau sich im Bette umwendete, um eine andere Lage zu suchen, fragte er sie, wie sie die Nacht zugebracht habe?

„Ganz so wie gewöhnlich, antwortete sie; meinen Aufenthalt habe ich verändert, aber meine Marter ist geblieben. Fahre immer fort zu lächeln; der Vampyr hat mich dessen ungeachtet nicht verlassen, ja er hat sich heute schrecklicher und blutgieriger als sonst gezeigt.“

Diese Antwort war für Alfred äußerst niederschlagend; denn da er an die Wirklichkeit ihrer Träume nicht glauben konnte, so mußte er annehmen, daß wohl gar ihr Verstand angefangen habe zu leiden. Er beschloß daher, sie auf alle Weise zu zerstreuen, sie in Gesellschaften, in’s Theater zu führen, und noch an demselben Morgen beredete er sie, sich mit ihm in den Wagen zu setzen, um in der Stadt umher zu fahren, und die Merkwürdigkeiten derselben zu besehen.

Helene ward wider ihren Willen durch die Menge und Verschiedenheit der Dinge, die sie zu sehen bekam, belustigt, und schien beim Mittagessen, wo sie mit vielem Appetit aß, sich sehr wohl zu befinden. Der Oberst sah sogar auf ihren blassen Wangen einen Anschein von Farbe, und fühlte sich von neuer Hoffnung erfüllt. Ganz seiner Pflicht lebend, entfernte er jeden Gedanken von sich, der ihm verbrecherisch scheinen konnte, und suchte die Erinnerung an Lodoiska völlig aus seinem Herzen zu verbannen.

Die Nacht kam heran. Um einen Versuch zu machen, ob seine Frau dadurch mehr ermuthigt werden könnte, bat er sie um Erlaubniß, sich neben ihr ins Bett zu legen, und Helene willigte ein. Er versprach ihr, so lange als möglich wach zu bleiben, um durch seine Gegenwart das gefürchtete Ungeheuer abzuhalten; aber er hatte sein Wort allzuverwegen gegeben. Es dauerte nicht lange, so befiel ihn der Schlaf mit solcher Gewalt, daß er vergebens dagegen kämpfte, und wider seinen Willen die Augen schloß.

Als er wieder erwachte, fühlte er auf der Stelle seines Herzens einen lebhaften Schmerz, und als er mit der Hand dahin tastete, wurde derselbe noch stärker. Er wendete sich gegen die neben dem Bett stehende Nachtlampe, und sein Erstaunen übertraf jede Vorstellung, als er auf seiner Haut den Abdruck von fünf Fingern, in gelben und schwärzlichen Flecken, erblickte! Er urtheilte sogleich, daß Helenens Hand diesen Druck hervorgebracht habe, aber schloß auch daraus, daß sein Schlaf außerordentlich fest gewesen sein müsse, weil er nichts davon gefühlt hatte.

Helene erwachte bald darauf ebenfalls; ihr Stillschweigen sagte hinreichend, daß ihr Zustand in dieser Nacht nicht besser gewesen sei, als sonst, und es war also dringender als je, ernstlich an ihrer Genesung zu arbeiten. Der Oberst fuhr heute wieder vor Tische mit Helenen spazieren, und benutzte diese Gelegenheit, zugleich dem berühmtesten Arzte in der Stadt seine Aufwartung zu machen. Er bat denselben dringend, Alles zur Herstellung seiner Frau anzuwenden, was der Arzt auch versprach; aber indem er diesen Trost gab, hatte er schon gesehen, daß Helenens Lebenskräfte auf dem Punkt waren, zu erlöschen.

Am folgenden Morgen war die Oberstin so schwach, daß sie nicht im Stande war, das Zimmer zu verlassen; sie empfing den Besuch Wildenau’s, der bloß nach Prag gekommen war, um einen Tag mit der Familie zu verleben; aber der erste Blick überzeugte ihn schon, daß die Kranke von einem Augenblicke zum andern in ein anderes Leben hinüberschlummern könne.

Bald darauf trat sein geschickter Amtsbruder ein, und beide beobachteten nun lange Zeit die Symptome des Uebels, das mit so fürchterlicher Schnelle wuchs; ihr Urtheil fiel völlig gleich aus. Sie sahen, daß die Oberstin höchstens noch eine Woche lang leben konnte, und hielten es für angemessen, ihren Gatten von dem ihm bevorstehenden Verluste in Kenntniß zu setzen.