Dieser unangenehme Auftrag mußte natürlich auf Wildenau fallen, weil derselbe mit dem Obersten schon länger in freundschaftlichen Verhältnissen stand; er bat ihn also einige Augenblicke mit ihm allein sein zu dürfen, und machte ihn nun mit der schrecklichen Wahrheit bekannt. Der Oberst überließ sich seinem aufrichtigen Schmerze; er wollte anfangs an der Wahrscheinlichkeit der ärztlichen Behauptung zweifeln, und auf dem Punkt, von seiner Gattin getrennt zu werden, fühlte er seine frühere Liebe zu ihr sich in ihrer ganzen Kraft erneuen. Es schien ihm grausam, Helenen von ihrem bevorstehenden Ende in Kenntniß zu setzen, und da er nicht wußte, wozu er sich entschließen sollte, kehrte er mit dem Arzte in Helenens Zimmer zurück, wo er sich dergestalt setzte, daß seine Frau ihn und seinen Kummer nicht sehen konnte.
Die Oberstin fragte den Arzt mit schwacher Stimme, ob er Lodoiska gesehen, oder Nachricht von ihr habe?
„Sie zu sehen, Frau Oberstin, antwortete Wildenau, ist unmöglich, denn sie kommt nie aus ihrem Hause, das beständig verschlossen ist. Können Sie wohl glauben, daß Herr von Krauthof den Muth gehabt hat, sich abermals bei ihr zu zeigen, ungeachtet der früher gemachten üblen Erfahrung?“
— Er ist also bei seinem zweiten Versuche nicht glücklicher gewesen? —
„Der Ausgang war ganz derselbe, wie das erste Mal, und er ist nun so entmuthigt, daß er geschworen hat, nie wieder einen Fuß in die Nähe des Hauses zu setzen.“
— So sind wir doch glücklicher gewesen, fuhr Helene fort, denn sie hat sich öfters sehr artig nach uns erkundigt. Das sonderbare Wesen! Was führt sie bei ihrer Jugend und Schönheit für eine Lebensart! Dabei bleibt sie stets kalt und gleichgültig, und erscheint mehr als eine Maschine, deren Räderwerk in Bewegung gesetzt worden ist, als wie ein menschliches Geschöpf. Indessen kann ich mir nicht erklären, welche Gewalt sie über mich erlangt hat. Seitdem wir von einander getrennt sind, vermisse ich sie beständig, und es scheint mir, als wenn ich sie in den letzten Stunden meines Lebens bei mir haben müßte; auch wünschte ich ihr nach meinem Tode die Aufsicht über meine Tochter anzuvertrauen. —
Diese mit schwacher Stimme ausgesprochenen Worte setzten die beiden Zuhörer in Schrecken. Der Oberst sprang heftig vom Stuhle auf, ergriff Helenens Hand, und stammelte einige Worte des Trostes und der Hoffnung. Wildenau, der mehr an dergleichen Szenen gewöhnt war, benutzte diese Gelegenheit, um die Oberstin aufzufordern, einen Geistlichen kommen zu lassen.
„Sie thun sich großen Schaden, Frau Oberstin, sagte er, daß Sie sich mit so düsteren Gedanken quälen. Ich wünschte, daß Sie Zutrauen genug in mich setzten, um mir die Mittel zu erleichtern, Ihren Gesundheitszustand zu verbessern; da Sie mir dieß aber verweigern, warum fragen Sie nicht einen jener frommen Geistlichen um Rath, die gewohnt sind, an dem Bette der Leidenden Trost zu ertheilen? Vielleicht würde dieß Ihrem Zustande am zuträglichsten sein.“
Ein schmerzliches Lächeln ging der Antwort Helenens vorher. „Sie kommen meinen Wünschen zuvor, sagte sie; ich war schon im Begriff, meinen Mann zu bitten, daß er einen Geistlichen kommen ließe. Zugleich komme ich aber auf meinen vorher erwähnten Wunsch zurück: ich sehne mich, die junge Fremde wiederzusehen, und sie einige Zeit bei mir zu haben.“
Der Ton, womit dieser Wunsch ausgedrückt wurde, bewies, wie sehr Helene an dessen Erfüllung hing, und die beiden Zuhörer wurden davon überrascht, am meisten aber der Oberst, der die Gefahr fühlte, welche für ihn aus Lodoiska’s Gegenwart entstehen mußte. Allein er wußte nicht, wie er diesem Wunsche seiner sterbenden Frau ausweichen sollte, und seine Verlegenheit hinderte ihn anfangs, eine Antwort zu geben. Helene, über sein Stillschweigen verwundert, fragte ihn daher, ob ihr Verlangen tadelnswürdig sei, und ob der Erfüllung desselben große Hindernisse entgegenständen?