Diese Frage weckte den Obersten aus seinen Träumereien, und er antwortete, daß er sich nur deßhalb nicht gleich erklärt habe, weil er fürchtete, daß die seltsame Fremde die Bitte abschlagen würde. „Da du aber auf ihrer Gegenwart bestehst, fuhr er fort, so versuche, ihr einige Zeilen zu schreiben, denen ich meine Bitten noch hinzufügen werde, und unser Bediente soll augenblicklich mit unserm Wagen nach R**** fahren. Ich hoffe dann, daß er sie mitbringen wird.“
Helene versuchte, den verlangten Brief zu schreiben, wozu sie fast eine Stunde gebrauchte. Der Oberst setzte dann folgende Worte hinzu:
„Ja, Madame, wir bitten Sie um die gütige Erfüllung unserer Wünsche. Wie strenge auch Ihre früheren Entschlüsse sein mögen, Sie dürfen sich jetzt dem Verlangen meiner Frau nicht weigern, die Ihre Gegenwart so sehnlich wünscht. Kehren Sie daher in unsere Gesellschaft zurück, ich wiederhole Ihnen nochmals meine Bitte; geben Sie uns diesen Beweis Ihres Wohlwollens.“
Während der Oberst schrieb, war Wildenau, der Prag genau kannte, fortgegangen, um einen Geistlichen herbeizuholen, der die Oberstin auf dem ihr noch übrigen kurzen Lebenswege geleiten und trösten möchte. Es gelang ihm, einen der würdigsten ausfindig zu machen, der ihm versprach, am folgenden Morgen sich einzufinden, worauf der Arzt zu seinen Freunden zurückkehrte. Da seine Geschäfte ihn auf das Land zurückriefen, so nahm er bald darauf von dem Obersten und dessen Frau den rührendsten Abschied.
Ein und zwanzigstes Kapitel.
Es war acht Uhr des Abends, als der Wagen, welcher um Mittag abgefahren war, vor dem Hause still hielt. Bei dem dadurch verursachten Geräusch erbebte der Oberst; er nahm rasch ein Licht, und eilte die Treppe hinab, weniger um der Fremden entgegenzugehen, wenn sie wirklich angekommen wäre, als um seine innere heftige Bewegung vor seiner Frau zu verbergen.
Als er auf den Hausflur gelangte, sahe er eine weibliche Gestalt, in einen großen schwarzen Shawl verhüllt, ernsten, langsamen Schrittes auf sich zukommen, so daß er sich über ihren Anblick überrascht fühlte, als wenn er eine übernatürliche Erscheinung gesehen hätte. Aber wie sehr vermehrte sich seine Verwirrung, sobald er beim Scheine des Lichts die Leichenblässe auf Lodoiska’s Gesichte wahrnahm. Sie schien ein Gespenst zu sein, so stier waren ihre Augen, so eingefallen ihre Wangen; man mußte glauben, daß sie dem Grabe hundert Mal näher sei, als die Oberstin, welche stündlich ihrem Ende entgegen sahe.
Der Oberst, voll Entsetzen über diesen Anblick, konnte kein Wort hervorbringen, um die Forderungen, welche Höflichkeit und Anstand an ihn machten, zu erfüllen. Unbeweglich stand er da, und betrachtete die Zerstörungen, welche ein so kurzer Zeitraum in den Gesichtszügen Lodoiska’s hervorgebracht hatte. Diese bemerkte sein Erstaunen, und mit einem wilden Lachen hob sie an:
„Hier bin ich! Sie haben mich gerufen. Schmeicheln Sie sich aber nicht, mich nun wieder zur Entfernung zu zwingen, wenn Sie es wünschen werden.“
Glücklicherweise wurden diese lebhaft ausgesprochenen Worte von Niemanden weiter gehört. Er erschrak über den Sinn derselben, suchte sich jedoch zu fassen, und antwortete ihr mit einem Anschein von Galanterie, wofür sie ihm einen fürchterlichen Blick zuwarf. —