Als Beide in das Zimmer der Oberstin traten, brach diese beim Anblick der Fremden, die so krank zu sein schien, wie sie selbst, in Thränen aus, und reichte ihr freundschaftlich die Hand entgegen.

„Ach, wie gut sind Sie, meine Bitte erfüllt zu haben! Aber Sie selbst scheinen der Hülfe eines Arztes zu bedürfen. Warum kamen Sie nicht früher nach der Stadt?“

— Mein äußeres Ansehen, erwiederte die Fremde, setzt Sie in Irrthum. Meine Gesundheitsumstände sind dieselben, wie vor einem oder zwei Monaten, und es ist schwer, mich besser oder schlechter zu befinden. Wenn Ihnen meine Züge entstellt erscheinen, die Blässe meines Gesichts Sie erschreckt, so setzen Sie dieß auf Rechnung der Verwirrung, in die ich durch Ihren Brief und den darin enthaltenen Befehl gerathen bin. Sie wissen, wie nothwendig mir die Einsamkeit ist, und ich habe mich nur schwer ihr entreißen können; aber, wenn man mich auf eine gewisse Art bittet, so habe ich nicht das Recht, mich zu weigern. Sie wollen mich haben, und ich bin hier; glauben Sie, durch mich den nöthigen Beistand zu finden? —

Diese eben nicht höfliche Rede machte einen unangenehmen Eindruck auf Helenen, die den wahren Sinn derselben nicht errathen konnte. Nach einigem Nachdenken fiel ihr indessen der seltsame Charakter der Fremden ein, und daß man bei ihr nichts beleidigend finden müsse, weil ihr Betragen ganz abweichend von allen übrigen Menschen war. Helene bedurfte der Gesellschaft, und hatte sich an Lodoiska gewöhnt; konnte sie sich also über deren Sonderbarkeit beklagen?

Ungeachtet ihrer anscheinend übeln Laune liebkosete Lodoiska doch die kleine Julie, welche kam, um ihr gute Nacht zu wünschen. Sie nahm das Kind mit so vieler Zärtlichkeit in ihre Arme, daß sie sich dadurch die Gewogenheit der Mutter in einem Augenblicke wieder erwarb. Der Oberst stand dabei, in Träumereien versunken, unfähig ein Wort hervorzubringen; er wagte es nicht, weder seine Frau noch Lodoiska anzusehen, und die Zukunft stellte sich ihm in einem schauerlichen Dunkel dar.

Am andern Morgen erklärte die Oberstin, daß sie heute eine schrecklichere Nacht als je gehabt habe. Dieß war auch leicht an dem matten und schmerzhaften Ausdrucke ihres abgemagerten Gesichts zu sehen; es war augenscheinlich, daß ihre Schwäche mit jeder Minute zunahm, und daß ihr Leben vielleicht bald entfliehen würde. Da der erwartete Geistliche sich noch immer nicht blicken ließ, obgleich es schon nach neun Uhr des Morgens war, so gerieth Helene darüber in Unruhe; bald darauf meldete indessen Lisette seine Ankunft an. Der Oberst ging ins Nebenzimmer, um ihn zu empfangen; aber Lodoiska stieß einen Schrei des Entsetzens aus, und floh eilig in das ihr angewiesene Zimmer.

Die tröstende Ueberredungskraft des würdigen Geistlichen, der Helenen neben der Aussicht auf ein künftiges, besseres Leben auch die Hoffnung zu ihrer Genesung zeigte, machte einen so guten Eindruck auf sie, daß sie sich ruhiger fühlte, als der Prediger sie verließ; er versprach ihr, am Abend und, wenn sie es wünsche, auch am folgenden Morgen wiederzukommen.

Nach seiner Entfernung kehrte der Oberst ins Zimmer seiner Frau zurück, wo auch bald darauf der Arzt erschien, welchen man in Prag angenommen hatte. Dieser fand sie nicht schwächer, als bei seinem letzten Besuche, und verschrieb ihr einen stärkenden Trank, wovon er sich die beste Wirkung versprach. Da der Oberst bemerkte, daß Lodoiska noch nicht wieder gegenwärtig war, begab er sich nach ihrem Zimmer, und klopfte leise an die Thür.

„Wer ist da? sagte Lodoiska; was soll ich?“

— Ich wollte Sie bitten, zu meiner Frau zurückzukehren. —