Seufzer und aufrichtige Thränen verhinderten den Obersten, zu antworten; aber er drückte die Hand seiner Frau in die seinigen, und gab ihr durch dieses stumme Zeugniß die Versicherung, daß er sich in ihren Willen füge. Sie bestand also nicht weiter darauf, und wandte sich nun an Lodoiska, die leichenblaß und mit stierem Blicke schweigend da saß.
— Was Sie betrifft, meine Freundin, fuhr die Oberstin fort, so bitte ich Sie, auf einige Zeit die Obhut über meine Tochter zu übernehmen. Sie haben sie bisher immer mit Zuneigung behandelt, und ich nehme daher die süße Ueberzeugung mit ins Grab, daß Sie ihr eine zweite Mutter sein werden, bis Ihre Angelegenheiten Sie aus dieser Gegend abrufen. —
Lodoiska stieß bei diesen Worten ein lautes, unbeschreibliches Angstgeschrei aus. Ihr Gesicht mit beiden Händen bedeckend, sank sie in den Lehnstuhl zurück, auf welchem sie saß, und schien einem lebhaften Schmerze zu erliegen, ohne eine Antwort ertheilen zu können. Auch der Oberst erstarrte, als er hörte, daß seine Frau ihrer heimlichen Nebenbuhlerin empfahl, ihre Stelle zu vertreten; und er wagte es nicht, Lodoiska’n zu Hülfe zu eilen, aus Furcht, seine Gefühle zu verrathen.
Da die Fremde immer noch schwieg, so glaubte Helene, ihre Bitte wiederholen zu müssen. Jetzt stand Lodoiska schnell auf, richtete ihre dunkelflammenden Augen gen Himmel, und rief: „Du willst es, allmächtige Vorsehung! Wie könnte ich mich gegen deinen Willen sträuben! Ja, ich nehme es an, was du mir durch diese Unglückliche befiehlst; ja, ich will die Wärterin ihrer Tochter sein bis an ihren Tod!“
Der bittere Ton, mit welchem Lodoiska diese Worte aussprach, war für die arme Helene gleichsam ein Dolchstoß in’s Herz; doch wagte sie nicht, ihre Gefühle zu erkennen zu geben, und sagte nur: „Verlassen Sie wenigstens meine Tochter nicht eher, als bis Sie sie dem Gatten überliefern können, den ihr Vater für sie wählen wird.“
Ein verächtliches Lächeln war der Fremden ganze Antwort, und bald darauf entfernte sie sich aus dem Zimmer.
Fünf oder sechs Tage vergingen, während welcher Helene immer schwächer wurde. Vergebens verschwendete man an ihr alle Mittel der Arzneikunst: sie vermochten nichts gegen die fürchterliche, geheime Ursache, welche allmählich ihren Tod herbeiführte. Jede Nacht wachte der Oberst bei ihr in Gesellschaft einer an dergleichen Dienst gewöhnten Frau; aber durch ein seltsames Zusammentreffen verfielen Beide in jeder Nacht zu derselben Zeit in einen festen, todtenähnlichen Schlaf. Jeden Morgen beklagte sich Helene über ihre außerordentliche Erschöpfung, und im Geheimen bei ihrem Gatten über den unersättlichen Dämon, der ihr das Blut tropfenweis aussaugte. Alfred wußte am Ende hierauf nichts zu antworten, weil er glaubte, daß ihr Verstand immer mehr durch nächtliche Phantasien zerrüttet würde.
Während dieser ganzen Zeit gab Lodoiska ihrem ehemaligen Liebhaber weder durch ein Wort noch durch einen Blick ihre geheimen Empfindungen zu erkennen; sie betrug sich gegen ihn, als wenn sie ihn nie gekannt hätte. Für Helenen zeigte sie jetzt während des Tages die größte Sorgfalt; aber mit Anbruch der Nacht begab sie sich in ihr Zimmer, das sie des Morgens erst spät wieder verließ.
Wildenau, der Freund der Familie, kam von Zeit zu Zeit nach Prag; er belästigte die spröde Lodoiska durchaus nicht mit seinen Seufzern, sondern schenkte seine ganze Aufmerksamkeit der Krankheit Helenens, deren Tod er bei seinem Besuche in der nächsten Nacht vorhersagte. Wirklich wurde auch sein Urtheil bestätigt; denn mit dem Anbruch des Tages war der letzte Hauch ihres Lebens aus ihrem Körper entflohen.
Wir versuchen es nicht, den Schmerz zu beschreiben, welchem der Oberst sich ergab; zu verschiedenen Malen mußte ihn Wildenau mit Gewalt von dem Leichname Helenens fortführen. Lodoiska ließ sich den ganzen Tag über nirgends blicken, so daß endlich der Arzt das Recht zu haben glaubte, sich gegen Abend nach ihrem Zimmer zu begeben, weil er fürchtete, daß auch sie der Hülfe bedürftig sein könnte. Nachdem er an die Thür geklopft hatte, erhielt er die Einladung einzutreten.