Lodoiska, den Kopf auf einen Tisch gestützt, saß in ihrem Lehnstuhle, ganz in ihren schwarzen Schleier verhüllt. Sie hörte den Worten Wildenau’s zu, ohne ihn anzusehen, und antwortete ihm mit schwachem, aber ruhigem Tone, daß sie keiner Hülfe bedürfe, daß sie aber nach dem Tode ihrer Freundin ihre Einsamkeit nicht verlassen wolle. Uebrigens würde sie ihr gegebenes Versprechen erfüllen, und sich daher morgen ganz allein nach dem Schlosse R.... begeben, wo sie die Ankunft des ihrer Obhut anvertrauten Kindes erwarte.
Wildenau, der auf eine ganz andere Antwort gefaßt war, indem er glaubte, daß Lodoiska doch wenigstens dem Leichenbegängniß der Oberstin beiwohnen werde, behielt seine Gedanken hierüber bei sich, und fragte nur, ob man ihr einen Wagen zur Reise bestellen solle?
„Ich danke Ihnen, erwiederte Lodoiska, immer noch ohne ihn anzusehen; ich selbst habe schon deßhalb die nöthigen Maßregeln getroffen. Ich werde ganz früh abreisen, weil es mir unmöglich ist, dem traurigen Leichenbegängniß beizuwohnen.“
Sie schwieg. Ihre fortwährende Unbeweglichkeit veranlaßte endlich den Arzt, sich voll Verwunderung über die Seltsamkeit dieser jungen Person zu entfernen. Er benachrichtigte den Obersten von ihrem Entschlusse, und dieser war insgeheim entzückt, daß Lodoiska ihn durch ihre Gegenwart nicht in der vollkommenen Erfüllung seiner Pflichten stören würde. Am folgenden Tage brachte man den Leichnam Helenens nach dem Schlosse R...., wo diese unglückliche Mutter neben dem Grabe ihres Sohnes ihre Ruhestätte fand.
Zwei und zwanzigstes Kapitel.
Ein Monat war verflossen, und Lodoiska beobachtete immer noch im Schlosse die völlige Zurückgezogenheit, wie sie es schon früher gewohnt gewesen war, als sie sich in ihrem Hause im Walde aufhielt. Ihr Zimmer war jedem Andern als ihrer Bedienung unzugänglich, und nur Julie hatte darin Zutritt, obgleich dieses Kind weit lieber im Garten unter Lisettens Aufsicht umherlief.
Der Oberst, welcher anfangs den Augenblick gefürchtet hatte, wo er nach dem Tode seiner Gattin zum ersten Male wieder mit seiner ehemaligen Geliebten zusammentreffen würde, fing jetzt nach und nach an, sich über Lodoiska’s hartnäckige Einsamkeit insgeheim zu ärgern, und jemehr sie ihn zu vermeiden schien, desto ungeduldiger wurde er am Ende, sie zu sehen. Doch wagte er noch nicht, seinen Wunsch laut werden zu lassen; er verlebte seine Tage traurig und einförmig, theils sich mit Lesen beschäftigend, theils Wald und Feld in der Umgegend durchstreichend.
Wildenau, der Arzt, war ebenfalls ungeduldig, daß er die Fremde nicht mehr zu sehen bekam, und nahm sich nun fest vor, sich freimüthig mit dem Obersten zu erklären, dessen Empfindungen für den Gegenstand seiner Zärtlichkeit er schon seit längerer Zeit in Verdacht hatte. Er wollte sich von den Verhältnissen beider zu einander genau überzeugen, um danach sein Betragen für die Zukunft einzurichten. Aber verschiedene Male ward er durch besondere Umstände von der Ausführung seines Entschlusses abgehalten, indem er theils nicht nach dem Schlosse kommen konnte, wenn er es sich vorgenommen hatte, theils daselbst mit besuchenden Nachbarn zusammentraf, in deren Gegenwart er die beabsichtigte Unterredung mit dem Obersten nicht anfangen konnte.
Lobenthal, ohne diesen Entschluß des Arztes zu ahnen, fand sich dennoch in dem Umgange mit seinem Freunde nicht mehr so ungezwungen, seitdem sein Verhältniß zu Lodoiska durch den Tod seiner Gattin verändert worden war. Wildenau war nun sein Nebenbuhler — — was er selbst sich nur erröthend gestanden haben würde; und dennoch beschäftigte sich sein Herz wider seinen Willen mit diesem Gedanken. Sehr häufig floh ihn der Schlaf bis spät in die Nacht hinein, und wenn die übrigen Bewohner des Schlosses schon längst sich der süßen Ruhe überlassen hatten, war Alfred noch in seinem Zimmer wach, wo er durch Lesen seine mancherlei ihn peinigenden Gedanken zu verscheuchen suchte. Aber dieses Mittel blieb gewöhnlich vergeblich; Lodoiska’s Bild, das Andenken an Helenen zogen seine Aufmerksamkeit von dem Buche ab, und maschinenmäßig überflogen seine Augen die Buchstaben, ohne ihren Sinn zu erfassen.
In einer Nacht, als der Oberst sich unruhiger fühlte als je, wollte er durch Auf- und Niedergehen in dem großen Saale des Schlosses seinen Unmuth zu verscheuchen suchen; er nahm daher sein Licht, und ging mit demselben durch mehrere Zimmer, bis er in den erwähnten Saal gelangte. Hier setzte er das Licht auf das Gesimse eines alterthümlichen Kamins, und bei dem schwachen Scheine, der nicht im Stande war, den weiten Raum zu erleuchten, ging er mit großen Schritten durch die wenig geminderte Finsterniß.