Ungefähr seit einer Viertelstunde setzte er diese Bewegung fort, als er die Flügelthür, welche nach der Haupttreppe des Schlosses führte, knarren hörte .... der Oberst stand still .... die Thür öffnete sich, und Lodoiska trat herein ..... Kaum konnte er sie erkennen, so sehr verschwand sie durch die Einhüllung in ihren schwarzen Shawl in der Finsterniß, die das Licht nicht verscheuchen konnte; doch bemerkte er bei dem schwachen Schimmer desto besser die Leichenblässe ihres Gesichts. Sie schien kein menschliches Wesen zu sein, und gleich einer überirdischen Erscheinung durch den dunkeln Raum einherzuschweben; ja die Einbildungskraft Alfred’s stellte sie ihm auf einen Augenblick beflügelt und von Blute triefend vor; aber dieser Anblick ging mit der Schnelligkeit des Blitzes vorüber, obgleich der Oberst darüber fast erstarrte. Lodoiska, ohne das geringste Erstaunen über den Anblick ihres Geliebten zu zeigen, den sie sogleich erkannte, stand still, und stützte sich auf einen alten Lehnstuhl, als wenn sie sich von einer langen Anstrengung einen Augenblick lang hätte erholen wollen.

Jetzt näherte sich Alfred, obgleich nicht ohne heftige innere Bewegung, der jungen Fremden.

„Endlich, sagte er, sehe ich Sie wieder, und zwar an demselben Orte, und in derselben Stunde, wo Sie mir vor einiger Zeit Ihre Entfernung von hier ankündigten. Wie seltsam ist dieses Zusammentreffen! Ich mußte es also dem bloßen Zufalle verdanken?“

— Es ist möglich, antwortete Lodoiska mit ihrem gewöhnlichen schwermüthigen Tone, daß in Absicht auf Sie der Zufall hier sein Spiel treibt; was aber mich betrifft, da ich in jeder Nacht mich in diesem Saale zu erholen pflege, so sehe ich in diesem Zusammentreffen nur Etwas, das auf jeden Fall früher oder später Statt finden mußte. —

„Wie! Lodoiska, in jeder Nacht, sagen Sie, kommen Sie hier her? Welchen Reiz kann dieser weite und verfallene Saal für Sie haben, wo man nur unangenehmen Vorstellungen ausgesetzt ist, sobald das Licht des Tages nicht mehr leuchtet?“

— Ich mache mir wenig aus dem Glanz der Sonne oder aus dem schauerlichen Anblick der Finsterniß. Ich lache über Alles, was Andere meines Geschlechts in Furcht setzt; ich verspotte das Schrecklichste, und durch ein trauriges Schicksal gefalle ich mir am besten in der Mitte des Fürchterlichsten und Verabscheuungswürdigsten für alle übrige Menschen. —

„Ach, werden Sie denn nie Ihre Gesinnungen ändern? Werden Sie nie zu fröhlichen Vorstellungen zurückkehren? Die Vergangenheit, deren Andenken anfangs so peinlich ist, verliert durch die Länge der Zeit den unangenehmen Eindruck auf uns, ja öfters verwandelt der Lauf der Dinge das heftigste Leid in Freude. Sollte Ihr Herz dieser Wirkungen nicht empfänglich sein?“

— Nein! sie gleiten eindruckslos an mir vorüber. Sie sprechen von der Vergangenheit; ich kenne sie nicht mehr; für mich ist die Gegenwart Alles, da ich weder rückwärts noch vorwärts gehen kann. Ich bin nur an einen festen Punkt gebannt, und die Hoffnung, welche selbst der Elendeste der Menschen noch in seinem Herzen nährt, sie ist mir völlig fremd. Was wollen Sie dagegen thun, Alfred? Sie selbst haben Lodoiska’s Schicksal bestimmt; wundern Sie sich also nicht, wenn es unveränderlich bleibt. —

„Je mehr ich Sie reden höre, grausame Freundin, desto mehr zerreißen mir Ihre unerklärbaren Worte das Herz. Was ist es für eine grenzenlose Verzweiflung, der Sie sich überlassen? Sind Sie die Einzige, die nicht mehr auf die Zukunft hoffen darf? Ach, kehren Sie zu sich selbst zurück, überzeugen Sie sich, daß Ihre Lage sich noch ändern kann; das Glück wird Ihnen nicht stets entgegen sein.“

— Kann es machen, Alfred, erwiederte Lodoiska lebhaft, daß Ihr Versprechen wieder aus dem Grabe ersteht, wo ich es auf ewig verborgen habe? —