„Und dann gehen wir beide gerade dem Grabe zu, das uns als Hochzeitbett dienen wird!“
— Welche schreckliche Vorhersagung! Lodoiska, wie können Sie so grausam sein? Sehen Sie denn nichts als einen Sarg in der Zukunft? —
Lodoiska antwortete nicht, sondern entfernte sich mit größter Eile. Als sie sich auf der Treppe befand, ließ sie ein lautes Gelächter erschallen, welches einen so schrecklichen Eindruck auf den Obersten machte, daß er wie erstarrt dastand, und das Hohngelächter eines höllischen Wesens gehört zu haben glaubte.
„Armes Mädchen, sagte er endlich, dein Unglück hat dich eines Theils deiner Verstandeskräfte beraubt und deinen liebenswürdigen Charakter völlig entartet. Aber dennoch bleibt sie immer höchst interessant, und vielleicht kehrt sie zu andern Vorstellungen zurück, wenn die Ursache ihres Unglücks aufgehört hat.“
Während er diese Worte ziemlich lebhaft und laut aussprach, glaubte er hinter sich einen tiefen Seufzer zu hören. Er drehte sich schnell um, und erblickte nun in dem finsteren Theile des Saales eine weiße Gestalt, die ein Kind an der Hand führte, und mit ihm aus dem Saale in das anstoßende Zimmer ging. Ungeachtet seines Muthes erbebte der Oberst bei diesem Anblicke. Seine Einbildungskraft gab der Gestalt Gesichtszüge, die ihm ein theures Andenken hervorriefen. Anfangs wußte er nicht, was er thun sollte; dann aber ergriff er das Licht, und folgte den Erscheinungen in’s anstoßende Zimmer. Er fand es einsam und leer; nur seine eigenen Schritte unterbrachen das tiefe Schweigen der Nacht .... und doch hatte er mit eigenen Augen gesehen. Von Angst gefoltert und mit großen Schweißtropfen bedeckt, kehrte er endlich in sein Schlafzimmer zurück.
Drei und zwanzigstes Kapitel.
Der Oberst fand in dieser Nacht keine Ruhe. In angstvollen Gedanken versunken ging er mit heftigen Schritten auf und nieder, bis endlich die Morgenröthe anbrach, und mit ihr die Ruhe in seine stürmisch bewegten Adern zurückkehrte.
Die kleine Julie pflegte jeden Morgen in das Zimmer ihres Vaters zu kommen, um ihm einen Kuß zu bringen; auch heute erschien sie zur gewöhnlichen Zeit, aber ihre sonst immer lachende Physiognomie war traurig, und man bemerkte eine auffallende Blässe in ihren Gesichtszügen.
„Bist du krank, mein Kind?“ fragte ihr Vater sie beunruhigt.
— Nein, lieber Vater; aber ich habe schlecht geschlafen.