„Wer hat dich denn daran verhindert? Lisette sagt ja, daß du sonst ganz vortrefflich schläfst.“

— O, lieber Vater, ich wollte es dir wohl sagen, wenn es mir Lisette nicht verboten hätte. —

„So muß ich wohl alle weitere Fragen einstellen? Dennoch bin ich sehr neugierig, die Ursache deiner Schlaflosigkeit zu wissen; sie muß sehr böse sein, da du plötzlich deine frische Gesichtsfarbe dadurch verloren hast.“

— Weinst du auch nicht, Väterchen, wenn ich dir die Wahrheit sage? —

„Ich hoffe so viel Gewalt über mich zu besitzen, daß ich meine ersten Gefühle überwinde, wenn deine Erzählung traurig ist.“ Der Oberst sagte dieß, sich zum Lächeln zwingend, obgleich eine böse Ahnung sein Inneres schon mit Schrecken erfüllte.

— Nun, so will ich dir Alles erzählen. Wilhelm und meine gute Mutter haben mich heute Nacht besucht. Sie blieben fast die ganze Nacht zu beiden Seiten meines Bettes sitzen, um, wie sie sagten, mich gegen den Dämon zu vertheidigen, der ihnen den Tod gegeben hat, und der sich auch an meinem Blute sättigen will. Anfangs fürchtete ich mich sehr, ward aber nachher vollkommen beruhigt. Wilhelm sahe so glücklich und selig aus! Meine Mutter blickte mich mit so großer Zärtlichkeit an! Sie haben mir versprochen, mich nicht mehr aus den Augen zu verlieren, und mit Anbruch des Morgens verließen sie mich erst, indem sie versicherten, daß ich bei Tage nichts zu fürchten hätte. Sie sprachen mit mir von vielen Dingen; aber glaubst du wohl, lieber Vater, daß sie dich mit keiner Silbe erwähnten? Ich sagte ihnen, wie sehr du über ihren Verlust weintest; aber sie schüttelten den Kopf, und lächelten, ohne mir zu antworten. —

Das Kind hätte noch lange in seiner Erzählung fortfahren können, ohne daß sein Vater daran dachte, es zu unterbrechen. Stumm vor Verwirrung, durch Schrecken und Verzweiflung im Innersten seines Herzens ergriffen, saß er unbeweglich in seinem Lehnstuhle da. Die unbegreifliche Uebereinstimmung zwischen dem, was er selbst gesehen hatte und was seine Tochter ihm jetzt erzählte, versetzte ihn in einen Wirrwarr von Gedanken, aus welchem er sich nicht wieder herausfinden konnte. Zum ersten Male unterlag er einem abergläubischen Schrecken. Indessen stand Julie noch immer vor ihm, seine Antwort erwartend, und er brach endlich das Stillschweigen, indem er mit bewegter Stimme ihr für die Mittheilung der nächtlichen Scene dankte.

„Du mußt, sagte er, diesen Traum als eine Wohlthat Gottes betrachten. Er hat dich dadurch belehren wollen, daß deine Mutter und dein Bruder vom Himmel herab dich vor dem Dämon beschützen werden, das heißt, vor der Sünde; dieß ist der Sinn der Worte, die du gehört hast.“

— O, lieber Vater, ich schlief nicht, als sie in mein Zimmer kamen. Von der Sünde haben sie mir nichts gesagt, sondern bloß von einem abscheulichen Wesen, das uns alle verderben will, und das sie einen Vampyr nannten. Ich weiß recht gut, was dieß ist; denn der arme Werner hat uns von diesen bösen Geistern erzählt. Ich habe noch jedes Wort behalten, denn die Vampyre ... —

„Mein Kind, ich kenne ihre Geschichte besser als du; aber man hätte sie dir ersparen sollen, weil dadurch deine Einbildungskraft erhitzt wurde, und dieß vielleicht die Ursache deines Traumes ist. Glaube mir, Julchen, vergiß ihn gänzlich; denn man würde dich auslachen, wenn du davon erzähltest; man würde dich für ein kleines furchtsames Mädchen halten, oder dich wohl gar der Lüge beschuldigen, wenn du behauptest, nicht geschlafen zu haben. Was mich betrifft, so zweifle ich nicht an deiner Wahrheitsliebe; du glaubtest wirklich zu sehen, was doch nur Täuschung war; vor allen Dingen aber bitte ich, gegen Lodoiska darüber das tiefste Stillschweigen zu beobachten.“