— O, sei unbesorgt, lieber Vater, ich weiß es schon, daß ich ihr nichts davon sagen darf. Wilhelm hat es mir sehr dringend anempfohlen; denn er behauptet, sie sei meine ärgste Todfeindin. —
Dieser neue Schlag verwundete den Obersten mitten im Herzen. Er sprang heftig auf und entließ seine Tochter, um sich wieder zu sammeln. Unerklärlich war es ihm, wie so viel Seltsames so genau übereinstimmen, wie es möglich sei, daß ein Traum eines Kindes so viel Wahres enthalten könne. Ach, er selbst hatte die Erfahrung gemacht, daß eine Stiefmutter fast immer die Feindin der Kinder ist, die sie nicht selbst geboren hat. Sein eigener Vater hatte sich zum zweiten Male verheirathet, und seine ganze Jugend wurde deßhalb durch täglichen Zank, ungerechte Beschuldigungen, und Versuche, ihn mit seinem Vater zu entzweien oder ihm den größten Theil seines Vermögens zu entziehen, vergiftet. Zum ersten Male dachte er jetzt an das Unrecht, was er seiner Tochter zufügen würde, wenn er sich jemals wieder vermählte, und die väterliche Zärtlichkeit erhob einen neuen Kampf in seinem Herzen.
Nicht ohne das größte Erstaunen sahe er zur Frühstückszeit Lodoiska in’s Speisezimmer treten. Sie schien zeigen zu wollen, daß sie jetzt völlig zufrieden sei, aber dennoch blickte ein tiefer Verdruß durch ihre verstellte Freude. Die kleine Julie sahe sie mit dem finsteren Ausdruck des heftigsten Zornes an, aber nur, wenn Alfred’s Blicke nicht auf sie gerichtet waren. Sie scherzte über ihre lange Zurückgezogenheit, und sagte, daß sie von nun an ihren Schmerz zwar nicht vergessen, aber doch zerstreuen wolle. Sie ließ ihren Verstand mit so vielem Vortheile glänzen, und betrug sich so liebenswürdig, daß der Oberst, anfangs auf seiner Hut, dennoch bald dem Einflusse nachgab, den sie über ihn ausüben wollte. Die Vergangenheit stellte sich gänzlich in den Hintergrund. Alfred sah in Lodoiska nur das Mädchen seiner ersten heftigsten Liebe, und sein Entzücken stieg auf’s Höchste, als sie ihre Harfe nahm, und durch ihre hinreißende Stimme ihn gleichsam aus den Grenzen des irdischen Daseins hinauszauberte.
In diesem Augenblicke war Wildenau, den man übrigens gar nicht erwartete, im Schlosse angekommen. Voll Erstaunen, harmonische Töne an einem Orte zu hören, wo die äußern Zeichen der Trauer noch nicht verschwunden waren, stand er in dem Vorzimmer still, und ein der offenen Thür gegenüberhängender Spiegel zeigte ihm, was vorging. Der Arzt kam in der Absicht, sich mit dem Obersten in Betreff Lodoiska’s eine Erklärung zu verschaffen; was er aber jetzt sahe, überhob ihn jeder weiteren Unterhaltung über diesen Gegenstand. Das Entzücken des Obersten, die Blicke Lodoiska’s, die so leicht zu erkennende Uebereinstimmung zweier gleichfühlenden Herzen, Alles gab ihm den Beweis, daß beide schon durch eine frühere Liebe vereinigt gewesen. Bei diesem Gedanken entstand der fürchterlichste Verdacht in seinem Herzen; doch unterdrückte er ihn wieder voller Scham vor sich selbst. An der Rechtschaffenheit des Obersten konnte er nicht zweifeln; aber die finstere, wilde Lodoiska flößte ihm nicht ein gleiches Vertrauen ein, und mancherlei Geheimnisse erklärten sich ihm jetzt so deutlich, daß er davor schauderte.
Lodoiska hörte jetzt auf zu singen, und nun hielt es Wildenau für passend, sich zu zeigen. Seine Gegenwart schien der Fremden höchst ungelegen zu sein, daher sie bald darauf die Gesellschaft verließ, und der Oberst, dadurch gewissermaßen dem Arzte Preis gegeben, fühlte sich in großer Verlegenheit, so daß er sogleich wünschte, ein neuer Besuch möchte ihm zu Hülfe kommen. Aber es geschah nicht, und der Arzt, der seinen Zustand sehr genau beobachtete, fühlte Mitleiden mit ihm, so daß er seiner Verwirrung ein Ende machen wollte, und ohne weitere Umschweife seinen Angriff begann:
„Sie sind ein Mann von Ehre, Herr Oberst, und ich glaube einiges Recht auf Ihre Achtung zu haben. Haben Sie daher die Güte, mir nur eine einzige Frage zu beantworten; sie enthält nichts Feindseliges, sondern soll nur dazu dienen, mein künftiges Betragen zu bestimmen. Haben Sie die schöne Fremde schon gekannt, ehe sie zum ersten Male in dieser Gegend erschien?“
— Herr Doktor, antwortete der Oberst sehr bewegt, wenn jeder Andere mich so fragte, so würde ich gegen ihn ein vollkommenes Stillschweigen beobachten. Aber ich weiß, wie sehr ich mich gegen Sie vergangen habe, und ich kann mein Unrecht nur durch meine Aufrichtigkeit wieder gut machen. Lodoiska war das erste weibliche Wesen, das mir Liebe einflößte. Ich befand mich damals in ihrem Vaterlande; ich konnte über ihre Tugend nicht siegen, und dennoch vergaß ich sie, nachdem ich ihr das feierlichste Versprechen gegeben hatte, sie zur Gattin zu nehmen. Aber sie leistete nicht auf mich Verzicht, sondern hat mich bis hierher nach Deutschland verfolgt; so lange indessen meine unglückliche Frau gelebt hat, ermuthigte ich ihre Leidenschaft auf keine Weise. Dieß, schwöre ich Ihnen, ist reine Wahrheit. —
„Es ist genug, Herr Oberst, mehr verlange ich nicht; nur hätten Sie vielleicht mit diesem Geständniß gegen mich nicht so lange zögern sollen.“
— Konnte ich anders? Ist das Geheimniß anderer Menschen auch das unsrige, und konnte ich daher das Geheimniß Lodoiska’s wider ihren Willen entdecken? Jetzt habe ich es nur für Sie allein entschleiert, und ich hoffe, Sie werden es Niemanden anvertrauen. —
„Leben Sie wohl, Herr Oberst; möchten Sie glücklich sein! Möge die Zukunft Sie die Vergangenheit nicht vermissen lassen.“