Nach diesen Worten entfernte sich Wildenau, ungeachtet der dringenden Bitten des Obersten, zum Mittagsessen da zu bleiben.
„Nein! sagte er; erlauben Sie, daß ich mich entferne; denn ich darf durch meine Gegenwart der Fremden keine unangenehmen Empfindungen verursachen. Sie würde in meiner Gesellschaft nur verlegen, ich aber keinesweges bei ihr in guter Laune sein. Nochmals, leben Sie wohl! Empfangen Sie meine aufrichtigsten Wünsche für Ihr Glück.“
Diese Worte des Arztes waren ohne Zweifel sehr natürlich und der Sache völlig angemessen; aber dennoch glaubte der Oberst darin eine Art von Vorwurf zu erblicken, der ihn in Unmuth setzte. Er unterdrückte ihn indessen, indem er das vermeintliche Bittere in dem Betragen seines Freundes auf Rechnung seiner verschmäheten Liebe verzeihen zu müssen glaubte.
Mehrere Wochen vergingen nach dieser Unterhaltung, und Lobenthal, der sich immer mehr seiner Neigung hingab, machte die jungfräuliche Lodoiska zum zweiten Male zur Gebieterin seines Herzens. Diese schien bald überaus glücklich zu sein, bald sich wieder ihrer wilden Schwermuth zu überlassen; je mehr Gewalt sie über ihren alten Liebhaber erhielt, desto mehr überließ sie sich den eigensinnigsten Launen. Vorzüglich zeigte sie eine außerordentliche Abneigung gegen die kleine Julie, so daß schon ihr bloßer Anblick ihr einen geheimen Unmuth verursachte, den sie vergebens zu verbergen oder zu unterdrücken suchte. Dem Obersten konnte dieser Haß nicht lange unbekannt bleiben, und er machte ihr darüber sein Erstaunen, selbst sein Mißvergnügen bemerklich.
„Ach Alfred, antwortete die Fremde, ich mache mir selbst mehr Vorwürfe darüber, als du dir vorstellen kannst; ich fühle, wie ungerecht mein Haß gegen dieses liebenswürdige Geschöpf ist; aber kann man den Empfindungen seines Herzens befehlen? Ich will allein in dem deinigen herrschen, und Alles, was dich an eine Andere erinnert, ist mir daher unerträglich. Mit der Zeit werde ich ohne Zweifel vernünftiger werden, aber jetzt kann ich den Sieg über mich selbst noch nicht erringen. Indem ich dich mehr liebe als je, habe ich alle menschliche Schwachheiten wieder angenommen. Habe Mitleiden mit mir und mit meinem Kummer, der mich schon seit so langer Zeit, seitdem du mich verlassen, gequält hat.“
Diese Worte und die dazu reichlich vergossenen Thränen beruhigten den Obersten; er glaubte den Augen der Gebieterin seines Herzens einen Gegenstand unwillkührlichen Widerwillens entziehen zu müssen, und ohne Lodoiska vorher davon zu benachrichtigen, fuhr er eines Morgens mit Julien nach Prag, wo er sie in eine der besten Erziehungsanstalten that.
Die unerklärbare Lodoiska zeigte den größten Kummer, als sie Juliens Abreise erfuhr. „Wenn Sie Ihre Tochter aus dem Hause schaffen, sagte sie zum Obersten, so zwingen Sie mich dadurch, mich ebenfalls daraus zu entfernen. Ihretwegen allein war ich hier: sie ist fort, unter welchem Titel kann ich nun noch hier verweilen?“
— Unter dem Titel, der mir der theuerste sein würde, liebe Lodoiska, erwiederte Alfred voller Zärtlichkeit, und den ich Ihnen schon angeboten hätte, wenn der äußere Anstand mich nicht abhielte. Es hat der Vorsehung gefallen, die früheren Hindernisse unserer Vereinigung hinwegzuräumen; werden Sie mir jetzt abschlagen, was Sie früher vielleicht glücklich gemacht hätte? —
Lodoiska mußte ohne Zweifel schon lange auf eine solche Erklärung gefaßt sein; aber dennoch stand sie wie erstarrt, als Lobenthal so zu ihr sprach. Ihr Inneres ward von verschiedenen Empfindungen bewegt, und sie fühlte zu gleicher Zeit die höchste Glückseligkeit und die tiefste Verzweiflung. Sie sahe den entscheidenden Augenblick sich nähern; sie wußte, welche Grausamkeit ihr noch auszuüben oblag; sie hätte eigentlich nichts als Rache in ihrem Busen tragen sollen; aber die Alles besiegende Liebe hatte auch sie unterjocht. Durch ihre Sinne gehörte sie noch der Erde an, und sie kämpfte daher hartnäckig, obgleich vergebens, gegen die höhere Macht, die ihre Handlungen gebieterisch leitete. Endlich faßte sie sich, und rief:
„Nein, Alfred, nein! Reden Sie mir nicht mehr von einer Feierlichkeit, an welcher ehemals meine ganze Glückseligkeit hing! Kann ich Ihnen jetzt noch angehören, da ich mir selbst nicht mehr angehöre? Und habe ich Ihnen nicht schon gesagt, daß ich durch einen fürchterlichen Fluch von den Tempeln und Dienern des Herrn entfernt bin? Sie lieben mich, sagen Sie? Wohl, so geben Sie mir den Beweis davon, indem Sie mich nicht länger mit ihren Wünschen bestürmen.“