— Grausame! hören Sie doch endlich auf, sich und mich durch nichtige Truggestalten Ihrer Einbildungskraft zu quälen. Zwar ist schon der Versuch zum Selbstmorde ohne Zweifel vor dem Angesichte Gottes ein Verbrechen; aber es giebt ja keine Sünde, welche nicht durch die Reue getilgt wird, und warum sollten Sie allein mit so unerbittlicher Strenge verfolgt werden? —

„Armer Sterblicher! Sie wissen nicht, was Sie wünschen! Wenn nun der Augenblick, wo Sie unsere Glückseligkeit zu befestigen glauben, gerade der unserer ewigen Trennung würde? Hier können wir noch beisammen bleiben .... aber dort unten (fuhr sie mit leiser Stimme fort) gehen wir beide unseren eigenen Gang. Und was würde der Geistliche sagen, dem ich mich zur Trauung vorstellen wollte!“

— Kann er allwissend sein? Kann er hier von dem Vergehen wissen, zu welchem Ihre Liebe Sie in Ihrem entfernten Vaterlande trieb? —

„Alfred! Gott zeichnete die Stirn des Brudermörders Kain mit einem fürchterlichen Zeichen; auch ich trage ein solches auf der meinigen; obgleich Sie es nicht sehen, so würde es doch der Geistliche sogleich erblicken.“

— Armes Mädchen! Wie sehr muß ich Sie beklagen! So weit können die Vorurtheile Ihrer Erziehung Sie irre führen! Doch ich will für jetzt nicht weiter in Sie dringen, und ich hoffe, daß Sie später meinen Wünschen nachgeben werden. —

Ein schwermüthiges Lächeln, ein leichtes Kopfschütteln waren die ganze Antwort der Fremden; Alfred schien nicht darauf zu achten, er hoffte Alles von der Zeit und von der Macht seiner Zärtlichkeit.

Vier und zwanzigstes Kapitel.

Mehrere Monate vergingen, ehe der Oberst weitere Schritte zur Erreichung seiner Wünsche that, bis er endlich beschloß, Lodoiska’n durch Ueberraschung dahin zu vermögen, daß sie seine Gattin würde. Ohne ihr also das Geringste zu sagen, besprach er sich mit dem Pfarrer darüber, und vertraute ihm freimüthig alle Umstände an, welche seiner Braut eine so große Furcht vor dem Anblick eines Geistlichen verursachten. Der Pfarrer war ein vernünftiger Mann, und bedachte, daß er sich leicht von der strenge vorgeschriebenen Ordnung ein wenig entfernen könne, wenn dadurch ein unangenehmer Auftritt vermieden würde. Er versprach also, um Mitternacht, in Gegenwart dreier Zeugen, in der Schloßkapelle, die Ehe des Obersten mit Lodoiska einzusegnen.

Zufrieden, so weit mit seinen Vorbereitungen gekommen zu sein, sandte er eiligst seinen Bedienten nach der Stadt, um sogleich einen Notarius nebst einigen Zeugen mitzubringen. Hierauf begab er sich zu seiner Geliebten, und sagte ihr, daß er den heutigen Abend dazu festgesetzt habe, vorläufig einen Ehevertrag mit ihr abzuschließen, und daß schon alle nöthigen Anstalten dazu getroffen seien.

Eine plötzliche Röthe überflog bei dieser unvermutheten Ankündigung die Wangen der schönen Fremden; zu gleicher Zeit verbreitete sich aber auch in ihren Augen eine düstere Traurigkeit; sie zitterte am ganzen Körper, und war gezwungen, sich an dem neben ihr stehenden Tische zu stützen.