„Schon heute, Alfred? sagte sie; warum eilen Sie so? Können Sie es nicht länger mit ansehen, daß unser Glück noch einige Zeit dauert?“

— Zerstören wir es denn, wenn wir es auf immer an uns fesseln? Kann unsere Vereinigung dadurch an ihrer Süßigkeit verlieren, wenn sie unauflöslich wird? —

„Sie glauben es, weil Sie nur an die Gegenwart denken, und nicht an die Zukunft.“

— O gewiß denke ich an die Zukunft, und male sie mir mit den freundlichsten Farben aus. Aber warum wollen Sie noch immer bei Ihrer Schwermuth beharren? Was führte Sie denn anders hierher, als die Hoffnung, sich mit mir zu vereinigen? Forderten Sie nicht meine Person als Ihr Eigenthum zurück, und jetzt, da ich Ihre Rechte anerkenne, wollen Sie mich von sich stoßen? —

„Daß Sie mir angehören, kann mir nicht bestritten werden, denn Ihr mit Ihrem Blut geschriebenes Versprechen ist mir ein sichreres Unterpfand, als alle diese Ceremonien, die mir gleichgültig sind. Aber ich bin zufrieden, Sie nur zu sehen, und ich fürchte den Augenblick, der mir ein schreckliches Recht über Sie geben wird. Ach, Alfred, glaube mir, ändere deinen Entschluß, denn du ahnest nicht, welches Unglück dir bevorsteht, wenn du dich unwiderruflich an mich fesselst.“

Nach diesen Worten eilte sie pfeilschnell aus dem Zimmer, und begab sich in das ihrige, wo der Oberst sie nicht zu stören wagte. Er erstaunte über ihre Rede, schob aber Alles auf ihre abergläubische Furcht vor der Gegenwart eines Geistlichen, und beharrte bei seinem Entschlusse, diese Furcht mit Gewalt zu überwinden. Zu Zeugen bei der Trauung hatte er seinen Bedienten und den Verwalter der zum Schlosse gehörigen Ländereien gewählt, weil ihm beide zu jeder Zeit zu Gebote standen; unmittelbar nach dieser Ceremonie wollte er sich mit seiner neuen Gemahlin in einen Wagen setzen, und sich erst nach Prag, dann aber nach Berlin begeben, um daselbst seinen festen Wohnsitz wieder aufzuschlagen. Der Aufenthalt im Schlosse R.... schien ihm jetzt unerträglich zu sein, weil er in ihm zu traurige Erinnerungen hervorrief.

Endlich wurde es Abend. Lodoiska, die noch immer in ihrem Zimmer blieb, äußerte den Wunsch, dasselbe nicht eher, als bis im letzten Augenblick zu verlassen. Während dieser Zeit irrte der Oberst in der größten Unruhe hier und dort umher, und fand nirgends seines Bleibens. Es hatte sich ein fürchterlicher Sturmwind erhoben, der bis in das Innere des Schlosses drang, und durch sein Pfeifen bald die Klagen eines Leidenden, bald ein höllisches Gelächter nachzuahmen schien. Er setzte die Fensterscheiben in Bewegung, daß sie klirrten, erschütterte selbst die inneren Thüren in ihren Angeln; kurz, die Wuth dieses Sturmes war so groß, daß der Oberst sich eines unwillkührlichen Schreckens nicht erwehren konnte.

Bei seinem Umherirren im Schlosse kam Lobenthal auch zufällig in die Nähe der Gesindestube, wo die Knechte und Mägde von der Meierei beim Abendessen versammelt waren. Sie sprachen unter einander von dem Befehle, den er gegeben hatte, den Reisewagen um Mitternacht fertig zu halten, und suchten die Absicht dieser plötzlichen Reise zu errathen.

„Ich wundere mich gar nicht darüber, sagte einer der Knechte; denn wir wissen ja schon seit langer Zeit, daß der Oberst keine ruhigen Nächte haben kann, und es muß ihm daher angenehmer sein, um diese Zeit zu reisen, als in seinem Bette den schrecklichen Besuch abzuwarten, den er dort empfängt.“

— Was sagst du da, Peter? rief eins der Mädchen mit einer Stimme, die schon ihr Entsetzen bezeichnete; von was für Besuchen sprichst du denn? —