„Nun, von den Besuchen, die ihm die verstorbene Oberstin alle Nächte abstattet! Der Schulze, der Küster und auch die alte Mutter Rieben, die eben kein Geheimniß daraus macht, haben es ja schon öfters gesehen, wie unsere verstorbene gnädige Frau aus ihrem Grabe emporsteigt, ihren kleinen Sohn beim Namen ruft, der dann ebenfalls aufsteht, und mit ihm nach dem Schlosse geht.“

„Das ist eine abscheuliche Lüge,“ sagte Johann, der Bediente des Obersten, der in einer großen Stadt erzogen war, und daher weniger Aberglauben besaß.

— Nun, sei nur nicht böse, Johann, es könnte dir Schaden thun, erwiderte Peter. Auch du wirst noch zu sehen bekommen, was Andere schon gesehen haben, und es scheint mir, als wenn das Wunder heute Nacht noch etwas früher als sonst geschehen werde. Als ich vom Felde hereinkam, begegnete ich der alten Mutter Rieben. „Höre, Peter, sagte sie zu mir, du gehst nach dem Schlosse; aber bete vorher ein Vaterunser, wenn du mir glauben willst; denn es werden sich heute dort seltsame Dinge zutragen. Die nächtlichen Geister haben sich heute früher als sonst aus ihren Gräbern erhoben, woran wahrscheinlich der wüthende Sturmwind Schuld ist, der sie gerufen hat, und ich habe sie so eben vorbeigehen sehen.“

Als der Oberst diese außerordentliche Erzählung mit anhörte, schauderte er unwillkührlich, und um nicht noch mehr zu erfahren, entfernte er sich mit langsamen Schritten, und stieg die Treppe hinauf. Eben befand er sich an der Thür des großen Saales, als er hinter sich ein Geräusch hörte. Er stand still und blickte sich um .... zwei weiße Gestalten schwebten schnell bei ihm vorüber und verloren sich dann in der Finsterniß. Er glaubte, sie zu erkennen .... seine Kniee wankten unter ihm; es war ihm unmöglich, seines Schreckens Herr zu werden, und an einen Wandpfeiler hinsinkend, blieb er lange Zeit in einem fast sinnlosen Zustande.

Mehrere Stimmen, die er unten an der Treppe hörte, weckten ihn aus seiner Betäubung. Er raffte sich schnell empor, und sahe nun den Notarius und dessen Zeugen, die von seinem Bedienten mit einem Lichte begleitet, die Treppe heraufkamen. Kaum hatte er noch so viel Zeit, sich einigermaßen wieder zu sammeln. Die erste Frage, die der Notarius an ihn that, war nach seinem Gesundheitszustande, so sehr zerstört sahen seine Gesichtszüge noch aus. Der Oberst antwortete ihm ausweichend, und führte ihn in das Gesellschaftszimmer, wo er ihn auf einige Augenblicke verließ, um Lodoiska’n seine Ankunft anzukündigen.

Lodoiska fuhr zusammen, als sie ihn eintreten sahe, und erbebte, sobald er sich erklärt hatte. Sie warf einen Blick auf ihn, in welchem sich so viel verschiedene Empfindungen malten, daß es unmöglich gewesen wäre, sie zu beschreiben. Ihre Trauerkleidung hatte sie abgelegt; ein weißes, einfaches Gewand umhüllte ihren prächtigen Wuchs; ein Halsband von Perlen und ein Kranz in ihrem Haar war der ganze Schmuck, den sie sich erlaubt hatte.

Der Oberst mußte seine Bitte mehrere Male wiederholen, ehe sie sich entschloß, ihm zu folgen; man sahe, wie gern sie den Augenblick noch verzögern wollte, den er so sehnlich herbeiwünschte. Endlich schien sie alle ihre Kräfte zusammenzunehmen, erhob ihre Arme und Augen gen Himmel, und schien ihn als Zeugen anzurufen, daß sie gezwungen würde, oder ihn um Gnade zu bitten, die sie gleichwohl nicht zu erhalten hoffte.

Beim Eintritt in das Gesellschaftszimmer und beim Anblick des Notarius und der Zeugen gerieth Lodoiska einigermaßen in Verwirrung; doch erholte sie sich bald wieder, und antwortete mit Bescheidenheit auf die Komplimente, die der Notarius an sie richtete. Sein Geschäft war bald abgemacht, worauf er sich wieder entfernte, ungeachtet der Oberst ihn dringend bat, bis zum andern Tage auf dem Schlosse zu bleiben.

Unterdessen beschäftigte sich Johann, der Bediente des Obersten, mit den nöthigen Vorbereitungen zu der feierlichen Ceremonie, die nun noch Statt finden sollte. Er hatte den Auftrag, den Pfarrer in die Schloßkapelle zu führen, den Verwalter herbeizuholen, und sich dann zu dem Obersten zu verfügen, unter dem Vorwande, seine etwanigen Befehle zu vernehmen, ehe er sich niederlegte, in der That aber, um ihm durch seine Gegenwart anzukündigen, daß Alles bereit sei.

Lodoiska, die nun mit Alfred allein geblieben war, zeigte immer noch die größte Unruhe. Ihr Busen wogte mit Ungestüm, ihre Blicke irrten unstät umher, und jedes Mal, wenn ihr Bräutigam sich ihr näherte, ergriff sie ein krampfartiges Zittern, und sie streckte die Hände vor sich hin, gleichsam um ihn von sich abzuhalten. Alfred bemerkte den außerordentlichen Kampf, der in ihrem Innern vorging, und versuchte sie zu beruhigen; aber vergebens. Sie sprach nichts, als unzusammenhängende Worte, welche bald die Heftigkeit ihrer Liebe ausdrückten, bald eine schauerliche Zukunft vorhersagten; sie riefen den Himmel um Mitleiden an gegen die bevorstehenden Qualen der Hölle.