Auf dem Festland des eigentlichen Italien suedlich vom Apennin war tiefer Friede seit dem Fall von Tarent; der sechstaegige Krieg mit Falerii (513 241) ist kaum etwas mehr als eine Kuriositaet. Aber gegen Norden dehnte zwischen dem Gebiet der Eidgenossenschaft und der Naturgrenze Italiens, der Alpenkette, noch eine weite Strecke sich aus, die den Roemern nicht botmaessig war. Als Grenze Italiens galt an der adriatischen Kueste der Aesisfluss, unmittelbar oberhalb Ancona. Jenseits dieser Grenze gehoerte die naechstliegende, eigentlich gallische Landschaft bis Ravenna einschliesslich in aehnlicher Weise wie das eigentliche Italien zu dem roemischen Reichsverband; die Senonen, die hier ehemals gesessen hatten, waren in dem Kriege 471/72 (283/82) ausgerottet und die einzelnen Ortschaften entweder als Buergerkolonien, wie Sena gallica, oder als Bundesstaedte, sei es latinischen Rechts, wie Ariminum, sei es italischen, wie Ravenna, mit Rom verknuepft worden. Auf dem weiten Gebiet jenseits Ravenna bis zu der Alpengrenze sassen nichtitalische Voelkerschaften. Suedlich vom Po behauptete sich noch der maechtige Keltenstamm der Boier (von Parma bis Bologna), neben denen oestlich die Lingonen, westlich (im Gebiet von Parma) die Anaren, zwei kleinere, vermutlich in der Klientel der Boier stehende keltische Kantone die Ebene ausfuellten. Wo diese aufhoert, begannen die Ligurer, die mit einzelnen keltischen Staemmen gemischt auf dem Apennin von oberhalb Arezzo und Pisa an sitzend, das Quellgebiet des Po innehatten. Von der Ebene nordwaerts vom Po hatten die Veneter, verschiedenen Stammes von den Kelten und wohl illyrischer Abkunft, den oestlichen Teil etwa von Verona bis zur Kueste im Besitz; zwischen ihnen und den westlichen Gebirgen sassen die Cenomanen (um Brescia und Cremona), die selten mit der keltischen Nation hielten und wohl stark mit Venetern gemischt waren, und die Insubrer (um Mailand), dieser der bedeutendste der italischen Keltengaue und in stetiger Verbindung nicht bloss mit den kleineren, in den Alpentaelern zerstreuten Gemeinden teils keltischer, teils anderer Abkunft, sondern auch mit den Keltengauen jenseits der Alpen. Die Pforten der Alpen, der maechtige, auf fuenfzig deutsche Meilen schiffbare Strom, die groesste und fruchtbarste Ebene des damaligen zivilisierten Europas, waren nach wie vor in den Haenden der Erbfeinde des italischen Namens, die, wohl gedemuetigt und geschwaecht, doch immer noch kaum dem Namen nach abhaengig und immer noch unbequeme Nachbarn, in ihrer Barbarei verharrten und duenngesaet in den weiten Flaechen ihre Herden- und Plunderwirtschaft fortfuehrten. Man durfte erwarten, dass die Roemer eilen wuerden, sich dieser Gebiete zu bemaechtigen; um so mehr als die Kelten allmaehlich anfingen, ihrer Niederlagen in den Feldzuegen von 471 und 472 (283 282) zu vergessen und sich wieder zu regen, ja was noch bedenklicher war, die transalpinischen Kelten aufs neue begannen, diesseits der Alpen sich zu zeigen. In der Tat hatten bereits im Jahre 516 (238) die Boier den Krieg erneuert und deren Herren Atis und Galatas, freilich ohne Auftrag der Landesgemeinde, die Transalpiner aufgefordert, mit ihnen gemeinschaftliche Sache zu machen; zahlreich waren diese dem Ruf gefolgt und im Jahre 518 (236) lagerte ein Keltenheer vor Ariminum, wie Italien es lange nicht gesehen hatte. Die Roemer, fuer den Augenblick viel zu schwach, um die Schlacht zu versuchen, schlossen Waffenstillstand und liessen, um Zeit zu gewinnen, Boten der Kelten nach Rom gehen, die im Senat die Abtretung von Ariminum zu fordern wagten - es schien, als seien die Zeiten des Brennus wiedergekehrt. Aber ein unvermuteter Zwischenfall machte dem Krieg ein Ende, bevor er noch recht begonnen hatte. Die Boier, unzufrieden mit den ungebetenen Bundesgenossen und wohl fuer ihr eigenes Gebiet fuerchtend, gerieten in Haendel mit den Transalpinern; es kam zwischen den beiden Keltenheeren zu offener Feldschlacht, und nachdem die boischen Haeuptlinge von ihren eigenen Leuten erschlagen waren, kehrten die Transalpiner heim. Damit waren die Boier den Roemern in die Haende gegeben, und es hing nur von diesen ab, sie gleich den Senonen auszutreiben und wenigstens bis an den Po vorzudringen; allein es ward vielmehr denselben gegen die Abtretung einiger Landstriche der Friede gewaehrt (518 236). Das mag damals geschehen sein, weil man eben den Wiederausbruch des Kriegs mit Karthago erwartete; aber nachdem dieser durch die Abtretung Sardiniens abgewandt worden war, forderte es die richtige Politik der roemischen Regierung, das Land bis an die Alpen so rasch und so vollstaendig wie moeglich in Besitz zu nehmen. Die bestaendigen Besorgnisse der Kelten vor einer solchen roemischen Invasion sind darum hinreichend gerechtfertigt; indes die Roemer beeilten sich eben nicht. So begannen denn die Kelten ihrerseits den Krieg, sei es, dass die roemischen Ackerverteilungen an der Ostkueste (522 232), obwohl zunaechst nicht gegen sie gerichtet, sie besorgt gemacht hatten, sei es, dass sie die Unvermeidlichkeit eines Krieges mit Rom um den Besitz der Lombardei begriffen, sei es, was vielleicht das Wahrscheinlichste ist, dass das ungeduldige Kelterwolk wieder einmal des Sitzens muede war und eine neue Heerfahrt zu ruesten beliebte. Mit Ausschluss der Cenomanen, die mit den Venetern hielten und sich fuer die Roemer erklaerten, traten dazu saemtliche italische Kelten zusammen, und ihnen schlossen sich unter den Fuehrern Concolitanus und Aneroestus zahlreich die Kelten des oberen Rhonetals oder vielmehr deren Reislaeufer an ^8. Mit 50000 zu Fuss und 20000 zu Ross oder zu Wagen kaempfenden Streitern rueckten die Fuehrer der Kelten auf den Apennin zu (529 225). Von dieser Seite hatte man in Rom sich des Angriffs nicht versehen und nicht erwartet, dass die Kelten mit Vernachlaessigung der roemischen Festungen an der Ostkueste und des Schutzes der eigenen Stammesgenossen geradeswegs gegen die Hauptstadt vorzugehen wagen wuerden. Nicht gar lange vorher hatte ein aehnlicher Keltenschwarm in ganz gleicher Weise Griechenland ueberschwemmt; die Gefahr war ernst und schien noch ernster, als sie war. Der Glaube, dass Roms Untergang diesmal unvermeidlich und der roemische Boden vom Verhaengnis gallisch zu werden bestimmt sei, war selbst in Rom unter der Menge so allgemein verbreitet, dass sogar die Regierung es nicht unter ihrer Wuerde hielt, den krassen Aberglauben des Poebels durch einen noch krasseren zu bannen und zur Erfuellung des Schicksalspruchs einen gallischen Mann und eine gallische Frau auf dem roemischen Markt lebendig begraben zu lassen. Daneben traf man ernstlichere Anstalten. Von den beiden konsularischen Heeren, deren jedes etwa 25000 Mann zu Fuss und 1100 Reiter zaehlte, stand das eine unter Gaius Atilius Regulus in Sardinien, das zweite unter Lucius Aemilius Papus bei Ariminum; beide erhielten Befehl, sich so schnell wie moeglich nach dem zunaechst bedrohten Etrurien zu begeben. Schon hatten gegen die mit Rom verbuendeten Cenomanen und Veneter die Kelten eine Besatzung in der Heimat zuruecklassen muessen; jetzt ward auch der Landsturm der Umbrer angewiesen, von den heimischen Bergen herab in die Ebene der Boier einzuruecken und dem Feinde auf seinen eigenen Aeckern jeden erdenklichen Schaden zuzufuegen. Die Landwehr der Etrusker und Sabiner sollte den Apennin besetzen und womoeglich sperren, bis die regulaeren Truppen eintreffen koennten. In Rom bildete sich eine Reserve von 50000 Mann; durch ganz Italien, das diesmal in Rom seinen rechten Vorkaempfer sah, wurde die dienstfaehige Mannschaft verzeichnet, Vorraete und Kriegsmaterial zusammengebracht.
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^8 Dieselben, die Polybios bezeichnet als “die Kelten in den Alpen und an der Rhone, die man wegen ihrer Reislaeuferei Gaesaten (Landsknechte) nenne”, werden in den kapitolinischen Fasten Germani genannt. Moeglich ist es, dass die gleichzeitige Geschichtschreibung hier nur Kelten genannt und erst die historische Spekulation der caesarischen und augustischen Zeit die Redaktoren jener Fasten bewogen hat, daraus “Germanen” zu machen. Wofern dagegen die Nennung der Germanen in den Fasten auf gleichzeitige Aufzeichnungen zurueckgeht - in welchem Falle dies die aelteste Erwaehnung dieses Namens ist -, wird man hier doch nicht an die spaeter so genannten deutschen Staemme denken duerfen, sondern an einen keltischen Schwarm.
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Indes alles das forderte Zeit; man hatte einmal sich ueberrumpeln lassen, und wenigstens Etrurien zu retten, war es zu spaet. Die Kelten fanden den Apennin kaum verteidigt und pluenderten unangefochten die reichen Ebenen des tuskischen Gebietes, das lange keinen Feind gesehen. Schon standen sie bei Clusium, drei Tagemaersche von Rom, als das Heer von Ariminum unter dem Konsul Papus ihnen in der Flanke erschien, waehrend die etruskische Landwehr, die sich nach der Ueberschreitung des Apennin im Ruecken der Gallier zusammengezogen hatte, dem Marsch der Feinde folgte. Eines Abends, nachdem bereits beide Heere sich gelagert und die Biwakfeuer angezuendet hatten, brach das keltische Fussvolk ploetzlich wieder auf und zog in rueckwaertiger Richtung ab auf der Strasse gegen Faesulae (Fiesole); die Reiterei besetzte die Nacht hindurch die Vorposten und folgte am andern Morgen der Hauptmacht. Als die tuskische Landwehr, die dicht am Feinde lagerte, seines Abzugs inneward, meinte sie, dass der Schwarm anfange sich zu verlaufen und brach auf zu eiligem Nachsetzen. Eben darauf hatten die Gallier gerechnet; ihr ausgeruhtes und geordnetes Fussvolk empfing auf dem wohl gewaehlten Schlachtfeld die roemische Miliz, die ermattet und aufgeloest von dem Gewaltmarsch herankam. 6000 Mann fielen nach heftigem Kampf, und auch der Rest des Landsturms, der notduerftig auf einem Huegel Zuflucht gefunden, waere verloren gewesen, wenn nicht rechtzeitig das konsularische Heer erschienen waere. Dies bewog die Gallier, sich nach der Heimat zurueckzuwenden. Ihr geschickt angelegter Plan, die Vereinigung der beiden roemischen Heere zu hindern und das schwaechere einzeln zu vernichten, war nur halb gelungen; fuer jetzt schien es ihnen geraten, zunaechst die betraechtliche Beute in Sicherheit zu bringen. Des bequemeren Marsches wegen zogen sie sich aus der Gegend von Chiusi, wo sie standen, an die ebene Kueste und marschierten am Strande hin, als sie unvermutet hier sich den Weg verlegt fanden. Es waren die sardinischen Legionen, die bei Pisae gelandet waren und, da sie zu spaet kamen, um den Apennin zu sperren, sich sofort auf demselben Kuestenweg, den die Gallier verfolgten, in der entgegengesetzten Richtung in Bewegung gesetzt hatten. Bei Telamon (an der Muendung des Ombrone) trafen sie auf den Feind. Waehrend das roemische Fussvolk in geschlossener Front auf der grossen Strasse vorrueckte, ging die Reiterei, vom Konsul Gaius Atilius Regulus selber gefuehrt, seitwaerts vor, um den Galliern in die Flanke zu kommen und so bald wie moeglich dem anderen roemischen Heer unter Papus Kunde von ihrem Eintreffen zu geben. Es entspann sich ein heftiges Reitergefecht, in dem mit vielen tapferen Roemern auch Regulus fiel; aber nicht umsonst hatte er sein Leben aufgeopfert: sein Zweck war erreicht. Papus gewahrte das Gefecht und ahnte den Zusammenhang; schleunig ordnete er seine Scharen und von beiden Seiten drangen nun roemische Legionen auf das Keltenheer ein. Mutig stellte dieses sich zum Doppelkampf, die Transalpiner und Insubrer gegen die Truppen des Papus, die alpinischen Taurisker und die Boier gegen das sardinische Fussvolk; das Reitergefecht ging davon gesondert auf dem Fluegel seinen Gang. Die Kraefte waren der Zahl nach nicht ungleich gemessen, und die verzweifelte Lage der Gallier zwang sie zur hartnaeckigsten Gegenwehr. Aber die Transalpiner, nur des Nahkampfes gewohnt, wichen vor den Geschossen der roemischen Plaenkler; im Handgemenge setzte die bessere Staehlung der roemischen Waffen die Gallier in Nachteil; endlich entschied der Flankenangriff der siegreichen roemischen Reiterei den Tag. Die keltischen Berittenen entrannen; fuer das Fussvolk, das zwischen dem Meere und den drei roemischen Heeren eingekeilt war, gab es keine Flucht. 10000 Kelten mit dem Koenig Concolitanus wurden gefangen; 40000 andere lagen tot auf dem Schlachtfeld; Aneroestus und sein Gefolge hatten sich nach keltischer Sitte selber den Tod gegeben.
Der Sieg war vollstaendig und die Roemer fest entschlossen, die Wiederholung solcher Einfaelle durch die voellige Ueberwaeltigung der Kelten diesseits der Alpen unmoeglich zu machen. Ohne Widerstand ergaben im folgenden Jahr (530 224) sich die Boier nebst den Lingonen, das Jahr darauf (531 223) die Anaren; damit war das Flachland bis zum Padus in roemischen Haenden. Ernstlichere Kaempfe kostete die Eroberung des noerdlichen Ufers. Gaius Flaminius ueberschritt in dem neugewonnenen anarischen Gebiet (etwa bei Piacenza) den Fluss (531 223); allein bei dem Uebergang und mehr noch bei der Festsetzung am anderen Ufer erlitt er so schwere Verluste und fand sich, den Fluss im Ruecken, in einer so gefaehrlichen Lage, dass er mit dem Feind um freien Abzug kapitulierte, den die Insubrer toerichterweise zugestanden. Kaum war er indes entronnen, als er vom Gebiet der Cenomanen aus und mit diesen vereinigt von Norden her in den Gau der Insubrer zum zweitenmal einrueckte. Zu spaet begriffen diese, um was es sich jetzt handle; sie nahmen aus dem Tempel ihrer Goettin die goldenen Feldzeichen, “die unbeweglichen” genannt, und mit ihrem ganzen Aufgebot, 50000 Mann stark, boten sie den Roemern die Schlacht. Die Lage dieser war gefaehrlich: sie standen mit dem Ruecken an einem Fluss (vielleicht dem Oglio), von der Heimat getrennt durch das feindliche Gebiet und fuer den Beistand im Kampf wie fuer die Rueckzugslinie angewiesen auf die unsichere Freundschaft der Cenomanen. Indes es gab keine Wahl. Man zog die in den roemischen Reihen fechtenden Gallier auf das linke Ufer des Flusses; auf dem rechten, den Insubrern gegenueber, stellte man die Legionen auf und brach die Bruecken ab, um von den unsicheren Bundesgenossen wenigstens nicht im Ruecken angefallen zu werden.
Freilich schnitt also der Fluss den Rueckzug ab und ging der Weg zur Heimat durch das feindliche Heer. Aber die Ueberlegenheit der roemischen Waffen und der roemischen Disziplin erfocht den Sieg und das Heer schlug sich durch; wieder einmal hatte die roemische Taktik die strategischen Fehler gutgemacht. Der Sieg gehoerte den Soldaten und Offizieren, nicht den Feldherren, die gegen den gerechten Beschluss des Senats nur durch Volksgunst triumphierten. Gern haetten die Insubrer Frieden gemacht; aber Rom forderte unbedingte Unterwerfung, und so weit war man noch nicht. Sie versuchten, sich mit Hilfe der noerdlichen Stammgenossen zu halten, und mit 30000 von ihnen geworbenen Soeldnern derselben und ihrer eigenen Landwehr empfingen sie die beiden im folgenden Jahr (532 222) abermals aus dem cenomanischen Gebiet in das ihrige einrueckenden konsularischen Heere. Es gab noch manches harte Gefecht; bei einer Diversion, welche die Insubrer gegen die roemische Festung Clastidium (Casteggio, unterhalb Pavia) am rechten Poufer versuchten, fiel der gallische Koenig Virdumarus von der Hand des Konsuls Marcus Marcellus. Allein nach einer halb von den Kelten schon gewonnenen, aber endlich doch fuer die Roemer entschiedenen Schlacht erstuermte der Konsul Gnaeus Scipio die Hauptstadt der Insubrer, Mediolanum, und die Einnahme dieser und der Stadt Comum machte der Gegenwehr ein Ende. Damit waren die italischen Kelten vollstaendig besiegt, und wie eben vorher die Roemer den Hellenen im Piratenkrieg den Unterschied zwischen roemischer und griechischer Seebeherrschung gezeigt, so hatten sie jetzt glaenzend bewiesen, dass Rom Italiens Pforten anders gegen den Landraub zu wahren wusste als Makedonien die Tore Griechenlands und dass trotz allen inneren Haders Italien dem Nationalfeinde gegenueber ebenso einig wie Griechenland zerrissen dastand.
Die Alpengrenze war erreicht, insofern als das ganze Flachland am Po entweder den Roemern untertaenig oder, wie das cenomanische und venetische Gebiet, von abhaengigen Bundesgenossen besessen war; es bedurfte indes der Zeit, um die Konsequenzen dieses Sieges zu ziehen und die Landschaft zu romanisieren. Man verfuhr dabei nicht in derselben Weise. In dem gebirgigen Nordwesten Italiens und in den entfernteren Distrikten zwischen den Alpen und dem Po duldete man im ganzen die bisherigen Bewohner; die zahlreichen sogenannten Kriege, die namentlich gegen die Ligurer gefuehrt wurden (zuerst 516 238), scheinen mehr Sklavenjagden gewesen zu sein, und wie oft auch die Gaue und Taeler den Roemern sich unterwarfen, war die roemische Herrschaft doch hier kaum mehr als ein Name. Auch die Expedition nach Istrien (533 221) scheint nicht viel mehr bezweckt zu haben, als die letzten Schlupfwinkel der adriatischen Piraten zu vernichten und laengs der Kueste zwischen den italischen Eroberungen und den Erwerbungen an dem anderen Ufer eine Kontinentalverbindung herzustellen. Dagegen die Kelten in den Landschaften suedlich vom Po waren der Vernichtung rettungslos verfallen; denn bei dem losen Zusammenhang der keltischen Nation nahm keiner der noerdlichen Kettengaue ausser fuer Geld sich der italischen Stammgenossen an, und die Roemer sahen in denselben nicht bloss ihre Nationalfeinde, sondern auch die Usurpatoren ihres natuerlichen Erbes. Die ausgedehnte Ackerverteilung von 522 (332) hatte schon das gesamte Gebiet zwischen Ancona und Ariminum mit roemischen Kolonisten gefuellt, die ohne kommunale Organisation in Marktflecken und Doerfern hier sich ansiedelten. Auf diesem Wege ging man weiter, und es war nicht schwer, eine halbbarbarische, dem Ackerbau nur nebenher obliegende und ummauerter Staedte entbehrende Bevoelkerung, wie die keltische war, zu verdraengen und auszurotten. Die grosse Nordchaussee, die wahrscheinlich schon achtzig Jahre frueher ueber Otricoli nach Narni gefuehrt und kurz vorher bis an die neubegruendete Festung Spoletium (514 240) verlaengert worden war, wurde jetzt (534 220) unter dem Namen der Flaminischen Strasse ueber den neu angelegten Marktflecken Forum Flaminii (bei Foligno) durch den Furlopass an die Kueste und an dieser entlang von Fanum (Fano) bis nach Ariminum gefuehrt; es war die erste Kunststrasse, die den Apennin ueberschritt und die beiden italischen Meere verband. Man war eifrig beschaeftigt, das neugewonnene fruchtbare Gebiet mit roemischen Ortschaften zu bedecken. Schon war zur Deckung des Uebergangs ueber den Po auf dem rechten Ufer die starke Festung Placentia (Piacenza) gegruendet, nicht weit davon am linken Cremona angelegt, ferner auf dem den Boiern abgenommenen Gebiet der Mauerbau von Mutina (Modena) weit vorgeschritten; schon bereitete man weitere Landanweisungen und die Fortfuehrung der Chaussee vor, als ein ploetzliches Ereignis die Roemer in der Ausbeutung ihrer Erfolge unterbrach.
KAPITEL IV.
Hamilkar und Hannibal
Der Vertrag mit Rom von 513 (241) gab den Karthagern Frieden, aber um einen teuren Preis. Dass die Tribute des groessten Teils von Sizilien jetzt in den Schatz des Feindes flossen statt in die karthagische Staatskasse, war der geringste Verlust. Viel empfindlicher war es, dass man nicht bloss die Hoffnung hatte aufgeben muessen, deren Erfuellung so nahe geschienen, die saemtlichen Seestrassen aus dem oestlichen in das westliche Mittelmeer zu monopolisieren, sondern dass das ganze handelspolitische System gesprengt, das bisher ausschliesslich beherrschte suedwestliche Becken des Mittelmeers seit Siziliens Verlust fuer alle Nationen ein offenes Fahrwasser, Italiens Handel von dem phoenikischen vollstaendig unabhaengig geworden war. Indes die ruhigen sidonischen Maenner haetten auch darueber vielleicht sich zu beruhigen vermocht. Man hatte schon aehnliche Schlaege erfahren; man hatte mit den Massalioten, den Etruskern, den sizilischen Griechen teilen muessen, was man frueher allein besessen; auch das, was man jetzt noch hatte, Afrika, Spanien, die Pforten des Atlantischen Meeres, reichte aus, um maechtig und wohlgemut zu leben. Aber freilich, wer buergte dafuer, dass wenigstens dies blieb?