Was Regulus gefordert und wie wenig ihm gefehlt hatte, um das, was er forderte, zu erreichen, konnte nur vergessen, wer vergessen wollte; und wenn Rom den Versuch, den es von Italien aus mit so grossem Erfolg unternommen hatte, jetzt von Lilybaeon aus erneuerte, so war Karthago, wenn nicht die Verkehrtheit des Feindes oder ein besonderer Gluecksfall dazwischen trat, unzweifelhaft verloren. Zwar man hatte jetzt Frieden; aber es hatte an einem Haar gehangen, dass dem Frieden die Ratifikation verweigert ward, und man wusste, wie die oeffentliche Meinung in Rom diesen Friedensschluss beurteilte. Es mochte sein, dass Rom an die Eroberung Afrikas jetzt noch nicht dachte und noch Italien ihm genuegte; aber wenn die Existenz des karthagischen Staats an dieser Genuegsamkeit hing, so sah es uebel damit aus, und wer buergte dafuer, dass die Roemer nicht eben ihrer italischen Politik es angemessen fanden, den afrikanischen Nachbar zwar nicht sich zu unterwerfen, aber doch zu vertilgen?

Kurz, Karthago durfte den Frieden von 513 (241) nur als einen Waffenstillstand betrachten und musste ihn benutzen zur Vorbereitung fuer die unvermeidliche Erneuerung des Krieges; nicht, um die erlittene Niederlage zu raechen, nicht einmal zunaechst, um das Verlorene zurueckzugewinnen, sondern um sich eine nicht von dem Gutfinden des Landesfeindes abhaengige Existenz zu erfechten. Allein wenn einem schwaecheren Staat ein gewisser, aber der Zeit nach unbestimmter Vernichtungskrieg bevorsteht, werden die kluegeren, entschlosseneren, hingebenderen Maenner, die zu dem unvermeidlichen Kampf sich sogleich fertig machen, ihn zur guenstigen Stunde aufnehmen und so die politische Defensive durch die strategische Offensive verdecken moechten, ueberall sich gehemmt sehen durch die traege und feige Masse der Geldesknechte, der Altersschwachen, der Gedankenlosen, welche nur Zeit zu gewinnen, nur in Frieden zu leben und zu sterben, nur den letzten Kampf um jeden Preis hinauszuschieben bedacht sind. So gab es auch in Karthago eine Friedens- und eine Kriegspartei, die beide wie natuerlich sich anschlossen an den schon zwischen den Konservativen und den Reformisten bestehenden politischen Gegensatz: jene fand ihre Stuetze in den Regierungsbehoerden, dem Rat der Alten und der Hundertmaenner, an deren Spitze Hanno, der sogenannte Grosse, stand, diese in den Leitern der Menge, namentlich dem angesehenen Hasdrubal, und in den Offizieren des sizilischen Heeres, dessen grosse Erfolge unter Hamilkars Fuehrung, wenn sie auch sonst vergeblich gewesen waren, doch den Patrioten einen Weg gezeigt hatten, der Rettung aus der ungeheuren Gefahr zu versprechen schien. Schon lange mochte zwischen diesen Parteien heftige Fehde bestehen, als der libysche Krieg zwischen sie hineinschlug. Wie er entstand, ist schon erzaehlt worden. Nachdem die Regierungspartei die Meuterei durch die unfaehige, alle Vorsichtsmassregeln der sizilischen Offiziere vereitelnde Verwaltung angezettelt hatte, durch die Nachwirkung ihres unmenschlichen Regierungssystems diese Meuterei in eine Revolution umgeschlagen und endlich durch ihre und namentlich ihres Fuehrers, des Heerverderbers Hanno militaerische Unfaehigkeit das Land an den Rand des Abgrundes gebracht worden war, ward der Held von der Eirkte, Hamilkar Barkas, in der hoechsten Not von der Regierung selbst ersucht, sie von den Folgen ihrer Fehler und Verbrechen zu retten. Er nahm das Kommando an und dachte hochsinnig genug, es selbst dann nicht niederzulegen, als man ihm den Hanno zum Kollegen gab; ja als die erbitterte Armee denselben heimschickte, vermochte er es ueber sich, ihm auf die flehentliche Bitte der Regierung zum zweitenmal den Mitoberbefehl einzuraeumen und trotz der Feinde wie trotz des Kollegen durch seinen Einfluss bei den Aufstaendischen, seine geschickte Behandlung der numidischen Scheichs, sein unvergleichliches Organisatoren- und Feldherrngenie in unglaublich kurzer Zeit den Aufstand voellig niederzuwerfen und das empoerte Afrika zum Gehorsam zurueckzubringen (Ende 517 237).

Die Patriotenpartei hatte waehrend dieses Krieges geschwiegen; jetzt sprach sie um so lauter. Einerseits war bei dieser Katastrophe die ganze Verderbtheit und Verderblichkeit der herrschenden Oligarchie an den Tag gekommen, ihre Unfaehigkeit, ihre Coteriepolitik, ihre Hinneigung zu den Roemern; anderseits zeigte die Wegnahme Sardiniens und die drohende Stellung, welche Rom dabei einnahm, deutlich auch dem geringsten Mann, dass das Damoklesschwert der roemischen Kriegserklaerung stets ueber Karthago hing, und dass, wenn Karthago unter den gegenwaertigen Verhaeltnissen mit Rom zum Kriege kam, dieser notwendig den Untergang der phoenikischen Herrschaft in Libyen zur Folge haben muesse. Es mochte in Karthago nicht wenige geben, die, an der Zukunft des Vaterlandes verzweifelnd, die Auswanderung nach den Inseln des Atlantischen Meeres anrieten; wer durfte sie schelten? Aber edlere Gemueter verschmaehen es, ohne die Nation sich selber zu bergen, und grosse Naturen geniessen das Vorrecht, aus dem, worueber die Menge der Guten verzweifelt, Begeisterung zu schoepfen. Man nahm die neuen Bedingungen an, wie sie Rom eben diktierte; es blieb nichts uebrig, als sich zu fuegen und den neuen Hass zu dem alten schlagend ihn sorgfaeltig zu sammeln und zu sparen, dieses letzte Kapitel einer gemisshandelten Nation. Dann aber schritt man zu einer politischen Reform ^1. Von der Unverbesserlichkeit der Regimentspartei hatte man sich hinreichend ueberzeugt; dass die regierenden Herren auch im letzten Krieg weder ihren Groll vergessen noch groessere Weisheit gelernt hatten, zeigte zum Beispiel die ans Naive grenzende Unverschaemtheit, dass sie jetzt dem Hamilkar den Prozess machten als dem Urheber des Soeldnerkrieges, insofern er ohne Vollmacht der Regierung seinen sizilischen Soldaten Geldversprechungen gemacht habe. Wenn der Klub der Offiziere und Volksfuehrer die morschen Stuehle dieses Missregiments haette umstossen wollen, so wuerde er in Karthago selbst schwerlich auf grosse Schwierigkeiten gestossen sein; allein auf desto groessere in Rom, mit dem die regierenden Herren von Karthago schon in Verbindungen standen, die an Landesverrat grenzten. Zu allen uebrigen Schwierigkeiten der Lage kam noch die hinzu, dass die Mittel zur Rettung des Vaterlandes geschaffen werden mussten, ohne dass weder die Roemer noch die eigene roemisch gesinnte Regierung recht darum gewahr wurden.

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^1 Wir sind ueber diese Vorgaenge nicht bloss unvollkommen berichtet, sondern auch einseitig, da natuerlich die Version der karthagischen Friedenspartei die der roemischen Annalisten wurde. Indes selbst in unsern zertruemmerten und getruebten Berichten - die wichtigsten sind Fabius bei Polyb. 3, 8; App. Hisp. 4 und Diod. 25 p. 567 - erscheinen die Verhaeltnisse der Parteien deutlich genug. Von dem gemeinen Klatsch, mit dem die “revolutionaere Verbindung” (εταιρεία τών πονηροτάτων ανθρώπων) von ihren Gegnern beschmutzt ward, kann man bei Nepos (Ham. 3) Proben lesen, die ihresgleichen suchen, vielleicht auch finden.

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So liess man die Verfassung unangetastet und die regierenden Herren im vollen Genuss ihrer Sonderrechte und des gemeinen Gutes. Es ward bloss beantragt und durchgesetzt, von den beiden Oberfeldherren, die am Ende des libyschen Krieges an der Spitze der karthagischen Truppen standen, Hanno und Hamilkar, den ersteren abzurufen und den letzteren zum Oberfeldherrn fuer ganz Afrika auf unbestimmte Zeit in der Art zu ernennen, dass er eine von den Regierungskollegien unabhaengige Stellung - eine verfassungswidrige monarchische Gewalt nannten es die Gegner, Cato eine Diktatur - erhielt und er nur von der Volksversammlung abberufen und zur Verantwortung gezogen werden durfte ^2. Selbst die Wahl eines Nachfolgers ging nicht von den Behoerden der Hauptstadt aus, sondern vom Heere, das heisst von den im Heere als Gerusiasten oder Offiziere dienenden Karthagern, die auch bei Vertraegen neben dem Feldherrn genannt werden; natuerlich blieb der Volksversammlung daheim das Bestaetigungsrecht. Mag dies Usurpation sein oder nicht, es bezeichnet deutlich, wie die Kriegspartei das Heer als ihre Domaene ansah und behandelte.

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^2 Die Barkas schliessen die wichtigsten Staatsvertraege ab und die Ratifikation der Behoerde ist eine Formalitaet (Polyb. 3, 21); Rom protestiert bei ihnen und beim Senat (Polyb. 3, 15). Die Stellung der Barkas zu Karthago hat manche Aehnlichkeit mit der der Oranier gegen die Generalstaaten.

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