Der Auftrag, den Hamilkar also empfing, klang nicht eben verfaenglich. Die Kriege mit den numidischen Staemmen ruhten an der Grenze nie; vor kurzem erst war im Binnenland die “Stadt der hundert Tore” Theveste (Tebessa) von den Karthagern besetzt worden. Die Fortfuehrung dieser Grenzfehden, die dem neuen Oberfeldherrn von Afrika zufiel, war an sich nicht von solcher Bedeutung, dass nicht die karthagische Regierung, die man ja in ihrem naechsten Kreise gewaehren liess, zu den darueber von der Volksversammlung getroffenen Beliebungen haette stillschweigen koennen, waehrend die Roemer die Tragweite derselben vielleicht nicht einmal erkannten.
So stand an der Spitze des Heeres der eine Mann, der im sizilischen und im libyschen Kriege es bewaehrt hatte, dass die Geschicke ihn oder keinen zum Retter des Vaterlandes bestimmten. Grossartiger als von ihm ist vielleicht niemals der grossartige Kampf des Menschen gegen das Schicksal gefuehrt worden. Das Heer sollte den Staat retten; aber was fuer ein Heer? Die karthagische Buergerwehr hatte unter Hamilkars Fuehrung im libyschen Kriege sich nicht schlecht geschlagen; allein er wusste wohl, dass es ein anderes ist, die Kaufleute und Fabrikanten einer Stadt, die in der hoechsten Gefahr schwebt, einmal zum Kampf hinauszufuehren, und ein anderes, Soldaten aus ihnen zu bilden. Die karthagische Patriotenpartei lieferte ihm vortreffliche Offiziere, aber in ihr war natuerlich fast ausschliesslich die gebildete Klasse vertreten - Buergermiliz hatte er nicht, hoechstens einige libyphoenikische Reiterschwadronen. Es galt ein Heer zu schaffen aus den libyschen Zwangsrekruten und aus Soeldnern; was einem Feldherrn wie Hamilkar moeglich war, allein auch ihm nur, wenn er seinen Leuten puenktlich und reichlich den Sold zu zahlen vermochte. Aber dass die karthagischen Staatseinkuenfte in Karthago selbst zu viel noetigeren Dingen gebraucht wurden als fuer die gegen den Feind fechtenden Heere, hatte er in Sizilien erfahren. Es musste also dieser Krieg sich selber ernaehren und im grossen ausgefuehrt werden, was auf dem Monte Pellegrino im kleinen versucht worden war. Aber noch mehr. Hamilkar war nicht bloss Militaer-, er war auch Parteichef; gegen die unversoehnliche und der Gelegenheit, ihn zu stuerzen, begierig und geduldig harrende Regierungspartei musste er auf die Buergerschaft sich stuetzen, und mochten deren Fuehrer noch so rein und edel sein, die Masse war tief verdorben und durch das unselige Korruptionssystem gewoehnt, nichts fuer nichts zu geben. In einzelnen Momenten schlug wohl die Not oder die Begeisterung einmal durch, wie das ueberall selbst in den feilsten Koerperschaften vorkommt; wollte aber Hamilkar fuer seinen im besten Fall erst nach einer Reihe von Jahren durchfuehrbaren Plan die Unterstuetzung der karthagischen Gemeinde dauernd sich sichern, so musste er seinen Freunden in der Heimat durch regelmaessige Geldsendungen die Mittel geben, den Poebel bei guter Laune zu erhalten. So genoetigt, von der lauen und feilen Menge die Erlaubnis, sie zu retten, zu erbetteln oder zu erkaufen; genoetigt, dem Uebermut der Verhassten seines Volkes, der stets von ihm Besiegten durch Demut und Schweigsamkeit die unentbehrliche Gnadenfrist abzudingen; genoetigt, den verachteten Vaterlandsverraetern, die sich die Herren seiner Stadt nannten, mit seinen Plaenen seine Verachtung zu bergen - so stand der hohe Mann mit wenigen gleichgesinnten Freunden zwischen den Feinden von aussen und den Feinden von innen, auf die Unentschlossenheit der einen und der andern bauend, zugleich beide taeuschend und beiden trotzend, um nur erst die Mittel, Geld und Soldaten zu gewinnen zum Kampf gegen ein Land, das, selbst wenn das Heer schlagfertig dastand, mit diesem zu erreichen schwierig, zu ueberwinden kaum moeglich schien. Er war noch ein junger Mann, wenig hinaus ueber die Dreissig; aber er schien zu ahnen, als er sich anschickte zu seinem Zuge, dass es ihm nicht vergoennt sein werde, das Ziel seiner Arbeit zu erreichen und das Land der Erfuellung anders als von weitem zu schauen. Seinen neunjaehrigen Sohn Hannibal hiess er, da er Karthago verliess, am Altar des hoechsten Gottes dem roemischen Namen ewigen Hass schwoeren, und zog ihn und die juengeren Soehne Hasdrubal und Mago, die “Loewenbrut”, wie er sie nannte, im Feldlager auf als die Erben seiner Entwuerfe, seines Genies und seines Hasses.
Der neue Oberfeldherr von Libyen brach unmittelbar nach der Beendigung des Soeldnerkrieges von Karthago auf (etwa im Fruehjahr 518 236). Er schien einen Zug gegen die freien Libyer im Westen zu beabsichtigen; sein Heer, das besonders an Elefanten stark war, zog an der Kueste hin, neben ihm segelte die Flotte, gefuehrt von seinem treuen Bundesgenossen Hasdrubal. Ploetzlich vernahm man, er sei bei den Saeulen des Herkules ueber das Meer gegangen und in Spanien gelandet, wo er Krieg fuehre mit den Eingeborenen; mit Leuten, die ihm nichts zuleide getan und ohne Auftrag seiner Regierung, klagten die karthagischen Behoerden. Sie konnten wenigstens nicht klagen, dass er die afrikanischen Angelegenheiten vernachlaessige; als die Numidier wieder einmal aufstanden, trieb sein Unterfeldherr Hasdrubal sie so nachdruecklich zu Paaren, dass auf lange Zeit an der Grenze Ruhe war und mehrere bisher unabhaengige Staemme sich bequemten, Tribut zu zahlen. Was er selbst in Spanien getan, koennen wir im einzelnen nicht mehr verfolgen; dem alten Cato, der ein Menschenalter nach Hamilkars Tode in Spanien die noch frischen Spuren seines Wirkens sah, zwangen sie trotz allem Poenerhass den Ausruf ab, dass kein Koenig wert sei, neben Hamilkar Barkas genannt zu werden. In den Erfolgen liegt auch uns wenigstens im allgemeinen noch vor, was von Hamilkar als Militaer und als Staatsmann in den neun letzten Jahren seines Lebens (518-526 236-228) geleistet worden ist, bis er im besten Mannesalter in offener Feldschlacht tapfer kaempfend den Tod fand, wie Scharnhorst, eben als seine Plaene zu reifen begannen, und was alsdann waehrend der naechsten acht Jahre (527-534 227-220) der Erbe seines Amtes und seiner Plaene, sein Tochtermann Hasdrubal an dem angefangenen Werke im Sinne des Meisters weiter geschaffen hat. Statt der kleinen Entrepôts fuer den Handel, die nebst dem Schutzrecht ueber Gades bis dahin Karthago an der spanischen Kueste allein besessen und als Dependenz von Libyen behandelt hatte, ward ein karthagisches Reich in Spanien durch Hamilkars Feldherrnkunst begruendet und durch Hasdrubals staatsmaennische Gewandtheit befestigt. Die schoensten Landschaften Spaniens, die Sued- und Ostkueste wurden phoenikisches Provinzialgebiet; Staedte wurden gegruendet, vor allem an dem einzigen guten Hafen der Suedkueste Spanisch-Karthago (Cartagena) von Hasdrubal angelegt, mit des Gruenders praechtiger “Koenigsburg”; der Ackerbau bluehte auf und mehr noch die Grubenwirtschaft in den gluecklich aufgefundenen Silberminen von Cartagena, die ein Jahrhundert spaeter ueber 2½ Mill. Taler (36 Mill. Sesterzen) jaehrlich eintrugen. Die meisten Gemeinden bis zum Ebro wurden abhaengig von Karthago und zahlten ihm Zins; Hasdrubal verstand es, die Haeuptlinge auf alle Weise, selbst durch Zwischenheiraten in das karthagische Interesse zu ziehen. So erhielt Karthago hier fuer seinen Handel und seine Fabriken eine reiche Absatzquelle, und die Einnahmen der Provinz naehrten nicht bloss das Heer, sondern es blieb noch uebrig, nach Hause zu senden und fuer die Zukunft zurueckzulegen. Aber die Provinz bildete und schulte zugleich die Armee. In dem Karthago unterworfenen Gebiet fanden regelmaessige Aushebungen statt; die Kriegsgefangenen wurden untergesteckt in die karthagischen Korps; von den abhaengigen Gemeinden kam Zuzug und kamen Soeldner, soviel man begehrte. In dem langen Kriegsleben fand der Soldat im Lager eine zweite Heimat und als Ersatz fuer den Patriotismus den Fahnensinn und die begeisterte Anhaenglichkeit an seine grossen Fuehrer; die ewigen Kaempfe mit den tapferen Iberern und Kelten schufen zu der vorzueglichen numidischen Reiterei ein brauchbares Fussvolk.
Von Karthago aus liess man die Barkas machen. Da der Buergerschaft regelmaessige Leistungen nicht abverlangt wurden, sondern vielmehr fuer sie noch etwas abfiel, auch der Handel in Spanien wiederfand, was er in Sizilien und Sardinien verloren, wurde der spanische Krieg und das spanische Heer mit seinen glaenzenden Siegen und wichtigen Erfolgen bald so populaer, dass es sogar moeglich ward, in einzelnen Krisen, zum Beispiel nach Hamilkars Fall, bedeutende Nachsendungen afrikanischer Truppen nach Spanien durchzusetzen, und die Regierungspartei wohl oder uebel dazu schweigen oder doch sich begnuegen musste, unter sich und gegen die Freunde in Rom auf die demagogischen Offiziere und den Poebel zu schelten.
Auch von Rom aus geschah nichts, um den spanischen Angelegenheiten ernstlich eine andere Wendung zu geben. Die erste und vornehmste Ursache der Untaetigkeit der Roemer war unzweifelhaft eben ihre Unbekanntschaft mit den Verhaeltnissen der entlegenen Halbinsel, welche sicher auch die Hauptursache gewesen ist, weshalb Hamilkar zur Ausfuehrung seines Planes Spanien und nicht, wie es sonst wohl auch moeglich gewesen waere, Afrika selbst erwaehlte. Zwar die Erklaerungen, mit denen die karthagischen Feldherren den roemischen, um Erkundigungen an Ort und Stelle einzuziehen nach Spanien gesandten Kommissarien entgegenkamen, die Versicherungen, dass alles dies nur geschehe, um die roemischen Kriegskontributionen prompt zahlen zu koennen, konnten im Senat unmoeglich Glauben finden; allein man erkannte wahrscheinlich von Hamilkars Plaenen nur den naechsten Zweck: fuer die Tribute und den Handel der verlorenen Inseln in Spanien Ersatz zu schaffen, und hielt einen Angriffskrieg der Karthager, und namentlich eine Invasion Italiens von Spanien aus, wie das sowohl ausdrueckliche Angaben als die ganze Lage der Sache bezeugen, fuer schlechterdings unmoeglich. Dass unter der Friedenspartei in Karthago manche weiter sahen, versteht sich; allein wie sie dachten, konnten sie schwerlich sehr geneigt sein, ueber den drohenden Sturm, den zu beschwoeren die karthagischen Behoerden laengst ausserstande waren, ihre roemischen Freunde aufzuklaeren und damit die Krise nicht abzuwenden, sondern zu beschleunigen; und wenn es dennoch geschah, so mochte man in Rom solche Parteidenunziationen mit Fug sehr vorsichtig aufnehmen. Allmaehlich allerdings musste die unbegreiflich rasche und gewaltige Ausbreitung der karthagischen Macht in Spanien die Aufmerksamkeit und die Besorgnisse der Roemer erwecken; wie sie ihr denn auch in den letzten Jahren vor dem Ausbruch des Krieges in der Tat Schranken zu setzen versuchten. Um das Jahr 528 (226) schlossen sie, ihres jungen Hellenentums eingedenk, mit den beiden griechischen oder halbgriechischen Staedten an der spanischen Ostkueste, Zakynthos oder Saguntum (Murviedro unweit Valencia) und Emporiae (Ampurias) Buendnis, und indem sie den karthagischen Feldherrn Hasdrubal davon in Kenntnis setzten, wiesen sie ihn zugleich an, den Ebro nicht erobernd zu ueberschreiten, was auch zugesagt ward. Es geschah dies keineswegs, um einen Einfall in Italien auf dem Landweg zu hindern - den Feldherrn, der diesen unternahm, konnte ein Vertrag nicht fesseln -, sondern teils um der materiellen Macht der spanischen Karthager, die gefaehrlich zu werden begann, eine Grenze zu stecken, teils um sich an den freien Gemeinden zwischen dem Ebro und den Pyrenaeen, die Rom damit unter seinen Schutz nahm, einen sicheren Anhalt zu bereiten fuer den Fall, dass eine Landung und ein Krieg in Spanien notwendig werden sollte. Fuer den bevorstehenden Krieg mit Karthago, ueber dessen Unvermeidlichkeit der Senat sich nie getaeuscht hat, besorgte man von den spanischen Ereignissen schwerlich groessere Nachteile, als dass man genoetigt werden koenne, einige Legionen nach Spanien zu senden, und dass der Feind mit Geld und Soldaten etwas besser versehen sein werde, als er ohne Spanien es gewesen waere - war man doch fest entschlossen, wie der Feldzugsplan von 536 (218) beweist und wie es auch gar nicht anders sein konnte, den naechsten Krieg in Afrika zu beginnen und zu beendigen, womit dann ueber Spanien zugleich entschieden war. Dazu kamen in den ersten Jahren die karthagischen Kontributionen, welche die Kriegserklaerung abgeschnitten haette, alsdann der Tod Hamilkars, von dem Freunde und Feinde urteilen mochten, dass seine Entwuerfe mit ihm gestorben seien, endlich in den letzten Jahren, wo der Senat allerdings zu begreifen anfing, dass es nicht weise sei, mit der Erneuerung des Krieges noch lange zu zoegern, der sehr erklaerliche Wunsch, zuvor mit den Galliern im Potal fertig zu werden, da diese, mit der Ausrottung bedroht, voraussichtlich jeden ernstlichen Krieg, den Rom unternahm, benutzt haben wuerden, um die transalpinischen Voelkerschaften aufs neue nach Italien zu locken und die immer noch aeusserst gefaehrlichen Keltenzuege zu erneuern. Dass weder Ruecksichten auf die karthagische Friedenspartei noch auf die bestehenden Vertraege die Roemer abhielten, versteht sich; ueberdies boten, wenn man den Krieg wollte, die spanischen Fehden jeden Augenblick einen Vorwand dazu dar. Unbegreiflich ist das Verhalten Roms demnach keineswegs; aber ebensowenig laesst sich leugnen, dass der roemische Senat diese Verhaeltnisse kurzsichtig und schlaff behandelt hat - Fehler, wie sie seine Fuehrung der gallischen Angelegenheiten in der gleichen Zeit noch viel unverzeihlicher aufweist. Ueberall ist die roemische Staatskunst mehr ausgezeichnet durch Zaehigkeit, Schlauheit und Konsequenz, als durch eine grossartige Auffassung und rasche Ordnung der Dinge, worin ihr vielmehr die Feinde Roms von Pyrrhos bis auf Mithradates oft ueberlegen gewesen sind.
So gab dem genialen Entwurf Hamilkars das Glueck die Weihe. Die Mittel zum Kriege waren gewonnen, ein starkes kampf- und sieggewohntes Heer und eine stetig sich fuellende Kasse; aber wie fuer den Kampf der rechte Augenblick, die rechte Richtung gefunden werden sollte, fehlte der Fuehrer. Der Mann, dessen Kopf und Herz in verzweifelter Lage unter einem verzweifelnden Volke den Weg zur Rettung gebahnt hatte, war nicht mehr, als es moeglich ward, ihn zu betreten. Ob sein Nachfolger Hasdrubal den Angriff unterliess, weil ihm der Zeitpunkt noch nicht gekommen schien, oder ob er, mehr Staatsmann als Feldherr, sich der Oberleitung des Unternehmens nicht gewachsen glaubte, vermoegen wir nicht zu entscheiden. Als er im Anfang des Jahres 534 (220) von Moerderhand gefallen war, beriefen die karthagischen Offiziere des spanischen Heeres an seine Stelle Hamilkars aeltesten Sohn, den Hannibal. Er war noch ein junger Mann - geboren 505 (249), also damals im neunundzwanzigsten Lebensjahr; aber er hatte schon viel gelebt. Seine ersten Erinnerungen zeigten ihm den Vater im entlegenen Lande fechtend und siegend auf der Eirkte; er hatte den Frieden des Catulus, die bittere Heimkehr des unbesiegten Vaters, die Greuel des libyschen Krieges mit durchempfunden. Noch ein Knabe, war er dem Vater ins Lager gefolgt; bald zeichnete er sich aus. Sein leichter und festgebauter Koerper machte aus ihm einen vortrefflichen Laeufer und Fechter und einen verwegenen Galoppreiter; sich den Schlaf zu versagen, griff ihn nicht an und Speise wusste er nach Soldatenart zu geniessen und zu entbehren. Trotz seiner im Lager verflossenen Jugend besass er die Bildung der vornehmen Phoeniker jener Zeit; im Griechischen brachte er, wie es scheint, erst als Feldherr, unter der Leitung seines Vertrauten Sosilos von Sparta, es weit genug, um Staatsschriften in dieser Sprache selber abfassen zu koennen. Wie er heranwuchs, trat er in das Heer seines Vaters ein, um unter dessen Augen seinen ersten Waffendienst zu tun, um ihn in der Schlacht neben sich fallen zu sehen. Nachher hatte er unter seiner Schwester Gemahl Hasdrubal die Reiterei befehligt und durch glaenzende persoenliche Tapferkeit wie durch sein Fuehrertalent sich ausgezeichnet. Jetzt rief ihn, den erprobten jugendlichen General, die Stimme seiner Kameraden an ihre Spitze und er konnte nun ausfuehren, wofuer sein Vater und sein Schwager gelebt und gestorben. Er trat die Erbschaft an, und er durfte es. Seine Zeitgenossen haben auf seinen Charakter Makel mancherlei Art zu werfen versucht: den Roemern hiess er grausam, den Karthagern habsuechtig; freilich hasste er, wie nur orientalische Naturen zu hassen verstehen, und ein Feldherr, dem niemals Geld und Vorraete ausgegangen sind, musste wohl suchen zu haben. Indes, wenn auch Zorn, Neid und Gemeinheit seine Geschichte geschrieben haben, sie haben das reine und grosse Bild nicht zu trueben vermocht. Von schlechten Erfindungen, die sich selber richten, und von dem abgesehen, was durch Schuld seiner Unterfeldherren, namentlich des Hannibal Monomachos und Mago des Samniten, in seinem Namen geschehen ist, liegt in den Berichten ueber ihn nichts vor, was nicht unter den damaligen Verhaeltnissen und nach dem damaligen Voelkerrecht zu verantworten waere; und darin stimmen sie alle zusammen, dass er wie kaum ein anderer Besonnenheit und Begeisterung, Vorsicht und Tatkraft miteinander zu vereinigen verstanden hat. Eigentuemlich ist ihm die erfinderische Verschmitztheit, die einen der Grundzuege des phoenikischen Charakters bildet; er ging gern eigentuemliche und ungeahnte Wege, Hinterhalte und Kriegslisten aller Art waren ihm gelaeufig, und den Charakter der Gegner studierte er mit beispielloser Sorgfalt. Durch eine Spionage ohnegleichen - er hatte stehende Kundschafter sogar in Rom - hielt er von den Vornahmen des Feindes sich unterrichtet; ihn selbst sah man haeufig in Verkleidungen und mit falschem Haar, dies oder jenes auskundschaftend. Von seinem strategischen Genie zeugt jedes Blatt der Geschichte dieser Zeit und nicht minder von seiner staatsmaennischen Begabung, die er noch nach dem Frieden mit Rom durch seine Reform der karthagischen Verfassung und durch den beispiellosen Einfluss bekundete, den er als Iandfluechtiger Fremdling in den Kabinetten der oestlichen Maechte ausuebte. Welche Macht ueber die Menschen er besass, beweist seine unvergleichliche Gewalt ueber ein buntgemischtes und vielsprachiges Heer, das in den schlimmsten Zeiten niemals gegen ihn gemeutert hat. Er war ein grosser Mann; wohin er kam, ruhten auf ihm die Blicke aller.
Hannibal beschloss sofort nach seiner Ernennung (Fruehling 534 220) den Beginn des Krieges. Er hatte gute Gruende, jetzt, da das Keltenland noch in Gaerung war und ein Krieg zwischen Rom und Makedonien vor der Tuer schien, ungesaeumt loszuschlagen und den Krieg dahin zu tragen, wohin es ihm beliebte, bevor die Roemer ihn begannen, wie es ihnen bequem war, mit einer Landung in Afrika. Sein Heer war bald marschfertig, die Kasse durch einige Razzias in grossem Massstab gefuellt; allein die karthagische Regierung zeigte nichts weniger als Lust, die Kriegserklaerung nach Rom abgehen zu lassen. Hasdrubals, des patriotischer Volksfuehrers Platz war in Karthago schwerer zu ersetzen als der Platz des Feldherrn Hasdrubal in Spanien; die Partei des Friedens hatte jetzt daheim die Oberhand und verfolgte die Fuehrer der Kriegspartei mit politischen Prozessen. Sie, die schon Hamilkars Plaene beschnitten und bemaengelt hatte, war keineswegs gemeint, den unbekannten jungen Mann, der jetzt in Spanien befehligte, auf Staatskosten jugendlichen Patriotismus treiben zu lassen; und Hannibal scheute doch davor zurueck, den Krieg in offener Widersetzlichkeit gegen die legitimen Behoerden selber zu erklaeren; er versuchte die Saguntiner zum Friedensbruch zu reizen; allein sie begnuegten sich, in Rom Klage zu fuehren. Er versuchte, als darauf von Rom eine Kommission erschien, nun diese durch schnoede Behandlung zur Kriegserklaerung zu treiben; allein die Kommissarien sahen, wie die Dinge standen; sie schwiegen in Spanien, um in Karthago Beschwerde zu fuehren und daheim zu berichten, dass Hannibal schlagfertig stehe und der Krieg vor der Tuer sei. So verfloss die Zeit; schon traf die Nachricht ein von dem Tode des Antigonos Doson, der etwa gleichzeitig mit Hasdrubal ploetzlich gestorben war; im italischen Kettenland ward die Gruendung der Festungen mit verdoppelter Schnelligkeit und Energie von den Roemern betrieben; der Schilderhebung in Illyrien schickte man in Rom sich an, im naechsten Fruehjahr ein rasches Ende zu bereiten. Jeder Tag war kostbar; Hannibal entschloss sich. Er meldete kurz und gut nach Karthago, dass die Saguntiner karthagischen Untertanen, den Torboleten, zu nahe traeten und er sie darum angreifen muesse; und ohne die Antwort abzuwarten, begann er im Fruehjahr 535 (219) die Belagerung der mit Rom verbuendeten Stadt, das heisst den Krieg gegen Rom. Was man in Karthago dachte und beriet, mag man sich etwa vorstellen nach dem Eindruck, den Yorks Kapitulation in gewissen Kreisen machte. Alle “angesehenen Maenner”, heisst es, missbilligten den “ohne Auftrag” geschehenen Angriff; es war die Rede von Desavouierung, von Auslieferung des dreisten Offiziers. Aber sei es, dass im karthagischen Rat die naehere Furcht vor dem Heer und der Menge die vor Rom ueberwog; sei es, dass man die Unmoeglichkeit begriff, einen solchen Schritt, einmal getan, zurueckzutun; sei es, dass die blosse Macht der Traegheit ein bestimmtes Auftreten hinderte - man entschloss sich endlich, sich zu nichts zu entschliessen und den Krieg, wenn nicht zu fuehren, doch fuehren zu lassen. Sagunt verteidigte sich, wie nur spanische Staedte sich zu verteidigen verstehen; haetten die Roemer nur einen geringen Teil der Energie ihrer Schutzbefohlenen entwickelt und nicht waehrend der achtmonatlichen Belagerung Sagunts mit dem elenden illyrischen Raeuberkrieg die Zeit verdorben, so haetten sie, Herren der See und geeigneter Landungsplaetze, sich die Schande des zugesagten und nicht gewaehrten Schutzes ersparen und dem Krieg vielleicht eine andere Wendung geben koennen. Indes sie saeumten, und die Stadt ward endlich erstuermt. Wie Hannibal die Beute nach Karthago zur Verteilung sandte, ward der Patriotismus und die Kriegslust bei vielen rege, die davon bisher nichts gespuert hatten, und die Austeilung schnitt jede Versoehnung mit Rom ab. Als daher nach der Zerstoerung Sagunts eine roemische Gesandtschaft in Karthago erschien und die Auslieferung des Feldherrn und der im Lager anwesenden Gerusiasten forderte, und als der roemische Sprecher, die versuchte Rechtfertigung unterbrechend, die Diskussion abschnitt und, sein Gewand zusammenfassend, sprach, dass er darin Frieden und Krieg halte und dass die Gerusia waehlen moege, da ermannten sich die Gerusiasten zu der Antwort, dass man es ankommen lasse auf die Wahl des Roemers; und als dieser den Krieg bot, nahm man ihn an (Fruehling 536 218). Hannibal, der durch den hartnaeckigen Widerstand der Saguntiner ein volles Jahr verloren hatte, war fuer den Winter 535/36 (219/18) wie gewoehnlich zurueckgegangen nach Cartagena, um alles teils zum Angriff vorzubereiten, teils zur Verteidigung von Spanien und Afrika; denn da er wie sein Vater und sein Schwager den Oberbefehl in beiden Gebieten fuehrte, lag es ihm ob, auch zum Schutz der Heimat die Anstalten zu treffen. Die gesamte Masse seiner Streitkraefte betrug ungefaehr 120000 Mann zu Fuss, 16000 zu Pferd; ferner 58 Elefanten und 32 bemannte, achtzehn unbemannte Fuenfdecker ausser den in der Hauptstadt befindlichen Elefanten und Schiffen. Mit Ausnahme weniger Ligurer unter den leichten Truppen gab es in diesem karthagischen Heere Soeldner gar nicht; die Truppen bestanden ausser einigen phoenikischen Schwadronen im wesentlichen aus den zum Dienst ausgehobenen karthagischen Untertanen, Libyern und Spaniern. Der Treue der letzteren sich zu versichern gab der menschenkundige Feldherr ihnen ein Zeichen des Vertrauens, allgemeinen Urlaub waehrend des ganzen Winters; den Libyern versprach der Feldherr, der den engherzigen phoenikischen Sonderpatriotismus nicht teilte, eidlich das karthagische Buergerrecht, wenn sie als Sieger nach Afrika zurueckkehren wuerden. Indes war diese Truppenmasse nur zum Teil fuer die italische Expedition bestimmt. Etwa 20000 Mann kamen nach Afrika, der kleinere Teil nach der Hauptstadt und dem eigentlich phoenikischen Gebiet, der groessere an die westliche Spitze von Afrika. Zur Deckung von Spanien blieben 12000 Mann zu Fuss zurueck nebst 2500 Pferden und fast der Haelfte der Elefanten, ausserdem die dort stationierte Flotte; den Oberbefehl und das Regiment uebernahm hier Hannibals juengerer Bruder Hasdrubal. Das unmittelbar karthagische Gebiet ward verhaeltnismaessig schwach besetzt, da die Hauptstadt im Notfall Hilfsmittel genug bot; ebenso genuegte in Spanien, wo neue Aushebungen sich mit Leichtigkeit veranstalten liessen, fuer jetzt eine maessige Zahl von Fusssoldaten, waehrend dagegen ein verhaeltnismaessig starker Teil der eigentlich afrikanischen Waffen, der Pferde und Elefanten dort zurueckblieb. Die Hauptsorgfalt wurde darauf gewendet, die Verbindungen zwischen Spanien und Afrika zu sichern, weshalb in Spanien die Flotte blieb und Westafrika von einer sehr starken Truppenmasse gehuetet ward. Fuer die Treue der Truppen buergte, ausser den in dem festen Sagunt versammelten Geiseln der spanischen Gemeinden, die Verlegung der Soldaten ausserhalb ihrer Aushebungsbezirke, indem die ostafrikanische Landwehr vorwiegend nach Spanien, die spanische nach Westafrika, die westafrikanische nach Karthago kamen. So war fuer die Verteidigung hinreichend gesorgt. Was den Angriff anlangt, so sollte von Karthago aus ein Geschwader von 20 Fuenfdeckern mit 1000 Soldaten an Bord nach der italischen Westkueste segeln und diese verheeren, ein zweites von 25 Segeln womoeglich sich wieder in Lilybaeon festsetzen; dieses bescheidene Mass von Anstrengungen glaubte Hannibal seiner Regierung zumuten zu koennen. Mit der Hauptarmee beschloss er selbst in Italien einzuruecken, wie das ohne Zweifel schon in Hamilkars urspruenglichem Plan lag. Ein entscheidender Angriff auf Rom war nur in Italien moeglich wie auf Karthago nur in Libyen; so gewiss Rom seinen naechsten Feldzug mit dem letzteren begann, so gewiss durfte auch Karthago sich nicht von vornherein entweder auf ein sekundaeres Operationsobjekt, wie zum Beispiel Sizilien, oder gar auf die Verteidigung beschraenken - die Niederlagen brachten in all diesen Faellen das gleiche Verderben, nicht aber der Sieg die gleiche Frucht.
Aber wie konnte Italien angegriffen werden? Es mochte gelingen, die Halbinsel zu Wasser oder zu Lande zu erreichen; aber sollte der Zug nicht ein verzweifeltes Abenteuer sein, sondern eine militaerische Expedition mit strategischem Ziel, so bedurfte man dort einer naeheren Operationsbasis, als Spanien oder Afrika waren. Auf eine Flotte und eine Hafenfestung konnte Hannibal sich nicht stuetzen, da jetzt Rom das Meer beherrschte. Aber ebensowenig bot sich in dem Gebiet der italischen Eidgenossenschaft irgendein haltbarer Stuetzpunkt. Hatte sie zu ganz anderen Zeiten und trotz der hellenischen Sympathien dem Stoss des Pyrrhos gestanden, so war nicht zu erwarten, dass sie jetzt auf das Erscheinen des phoenikischen Feldherrn hin zusammenbrechen werde; zwischen dem roemischen Festungsnetz und der festgeschlossenen Bundesgenossenschaft ward das Invasionsheer ohne Zweifel erdrueckt. Einzig das Ligurer- und Keltenland konnte fuer Hannibal sein, was fuer Napoleon in seinen sehr aehnlichen russischen Feldzuegen Polen gewesen ist; diese, noch von dem kaum beendigten Unabhaengigkeitskampf gaerenden Voelkerschaften, den Italikern stammfremd und in ihrer Existenz bedroht, um die eben jetzt sich die ersten Ringe der roemischen Festungs- und Chausseenkette legten, mussten in dem phoenikischen Heere, das zahlreiche spanische Kelten in seinen Reihen zaehlte, ihre Retter erkennen und ihm als erster Rueckhalt, als Verpflegungs- und Rekrutierungsbezirk dienen. Schon waren foermliche Vertraege mit den Boiern und Insubrern abgeschlossen, wodurch sie sich anheischig machten, dem karthagischen Heer Wegweiser entgegenzusenden, ihnen gute Aufnahme bei ihren Stammgenossen und Zufuhr unterwegs auszuwirken und gegen die Roemer sich zu erheben, sowie das karthagische Heer auf italischem Boden stehe. Eben in diese Gegend fuehrten endlich die Beziehungen zum Osten. Makedonien, das durch den Sieg von Sellasia seine Herrschaft im Peloponnes neu befestigt hatte, stand mit Rom in gespannten Verhaeltnissen; Demetrios von Pharos, der das roemische Buendnis mit dem makedonischen vertauscht hatte und von den Roemern vertrieben worden war, lebte als Fluechtling am makedonischen Hof, und dieser hatte den Roemern die begehrte Auslieferung verweigert. Wenn es moeglich war, die Heere vom Guadalquivir und vom Karasu irgendwo zu vereinigen gegen den gemeinschaftlichen Feind, so konnte das nur am Po geschehen. So wies alles nach Norditalien; und dass schon des Vaters Blick dahin gerichtet gewesen, zeigt die karthagische Streifpartei, der die Roemer zu ihrer grossen Verwunderung im Jahre 524 (230) in Ligurien begegnet waren.
Weniger deutlich ist, warum Hannibal dem Land- vor dem Seeweg den Vorzug gab; denn dass weder die Seeherrschaft der Roemer noch ihr Bund mit Massalia eine Landung in Genua unmoeglich machte, leuchtet ein und hat die Folge bewiesen. In unserer Ueberlieferung fehlen, um diese Frage genuegend zu entscheiden, nicht wenige Faktoren, auf die es ankommen wuerde und die sich nicht durch Vermutung ergaenzen lassen. Hannibal hatte unter zwei Uebeln zu waehlen. Statt den ihm unbekannten und weniger zu berechnenden Wechselfaellen der Seefahrt und des Seekrieges sich auszusetzen, muss es ihm geratener erschienen sein, lieber die unzweifelhaft ernstlich gemeinten Zusicherungen der Boier und Insubrer anzunehmen, um so mehr, als auch das bei Genua gelandete Heer noch die Berge haette ueberschreiten muessen; schwerlich konnte er genau wissen, wie viel geringere Schwierigkeiten der Apennin bei Genua darbietet als die Hauptkette der Alpen. War doch der Weg, den er einschlug, die uralte Keltenstrasse, auf der viel groessere Schwaerme die Alpen ueberstiegen hatten; der Verbuendete und Erretter des Keltenvolkes durfte ohne Verwegenheit diesen betreten.
So vereinigte Hannibal die fuer die grosse Armee bestimmten Truppen mit dem Anfang der guten Jahreszeit in Cartagena; es waren ihrer 90000 Mann zu Fuss und 12000 Reiter, darunter etwa zwei Drittel Afrikaner und ein Drittel Spanier - die mitgefuehrten 37 Elefanten mochten mehr bestimmt sein, den Galliern zu imponieren, als zum ernstlichen Krieg. Hannibals Fussvolk war nicht mehr wie das, welches Xanthippos fuehrte, genoetigt, sich hinter einen Vorhang von Elefanten zu verbergen, und der Feldherr einsichtig genug, um dieser zweischneidigen Waffe, die ebenso oft die Niederlage des eigenen wie die des feindlichen Heeres herbeigefuehrt hatte, sich nur sparsam und vorsichtig zu bedienen. Mit diesem Heere brach Hannibal im Fruehling 536 (218) von Cartagena auf gegen den Ebro. Von den getroffenen Massregeln, namentlich den mit den Kelten angeknuepften Verbindungen, von den Mitteln und dem Ziel des Zuges liess er die Soldaten soviel erfahren, dass auch der Gemeine, dessen militaerischen Instinkt der lange Krieg entwickelt haette, den klaren Blick und die sichere Hand des Fuehrers ahnte und mit festem Vertrauen ihm in die unbekannte Weite folgte; und die feurige Rede, in der er die Lage des Vaterlandes und die Forderungen der Roemer vor ihnen darlegte, die gewisse Knechtung der teuren Heimat, das schmachvolle Ansinnen der Auslieferung des geliebten Feldherrn und seines Stabes, entflammte den Soldaten- und den Buergersinn in den Herzen aller.