Der roemische Staat war in einer Verfassung, wie sie auch in festgegruendeten und einsichtigen Aristokratien wohl eintritt. Was man wollte, wusste man wohl; es geschah auch manches, aber nichts recht noch zur rechten Zeit. Laengst haette man Herr der Alpentore und mit den Kelten fertig sein koennen; noch waren diese furchtbar und jene offen. Man haette mit Karthago entweder Freundschaft haben koennen, wenn man den Frieden von 513 (241) ehrlich einhielt, oder, wenn man das nicht wollte, konnte Karthago laengst unterworfen sein; jener Friede ward durch die Wegnahme Sardiniens tatsaechlich gebrochen und Karthagos Macht liess man zwanzig Jahre hindurch sich ungestoert regenerieren. Mit Makedonien Frieden zu halten war nicht schwer; um geringen Gewinn hatte man diese Freundschaft verscherzt. An einem leitenden, die Verhaeltnisse im Zusammenhang beherrschenden Staatsmann muss es gefehlt haben; ueberall war entweder zu wenig geschehen oder zu viel. Nun begann der Krieg, zu dem man Zeit und Ort den Feind hatte bestimmen lassen; und im wohlbegruendeten Vollgefuehl militaerischer Ueberlegenheit war man ratlos ueber Ziel und Gang der naechsten Operationen. Man disponierte ueber eine halbe Million brauchbarer Soldaten - nur die roemische Reiterei war minder gut und verhaeltnismaessig minder zahlreich als die karthagische, jene etwa ein Zehntel, diese ein Achtel der Gesamtzahl der ausrueckenden Truppen. Der roemischen Flotte von 220 Fuenfdeckern, die eben aus dem Adriatischen Meere in die Westsee zurueckfuhr, hatte keiner der von diesem Kriege beruehrten Staaten eine entsprechende entgegenzustellen. Die natuerliche und richtige Verwendung dieser erdrueckenden Uebermacht ergab sich von selbst. Seit langem stand es fest, dass der Krieg eroeffnet werden sollte mit einer Landung in Afrika; die spaetere Wendung der Ereignisse hatte die Roemer gezwungen, eine gleichzeitige Landung in Spanien in den Kriegsplan aufzunehmen, vornehmlich, um nicht die spanische Armee vor den Mauern von Karthago zu finden. Nach diesem Plan wusste man, als der Krieg durch Hannibals Angriff auf Sagunt zu Anfang 535 (219) tatsaechlich eroeffnet war, vor allen Dingen ein roemisches Heer nach Spanien werfen, ehe die Stadt fiel; allein man versaeumte das Gebot des Vorteils nicht minder wie der Ehre. Acht Monate lang hielt Sagunt sich umsonst - als die Stadt ueberging, hatte Rom zur Landung in Spanien nicht einmal geruestet. Indes noch war das Land zwischen dem Ebro und den Pyrenaeen frei, dessen Voelkerschaften nicht bloss die natuerlichen Verbuendeten der Roemer waren, sondern auch von roemischen Emissaeren gleich den Saguntinern Versprechungen schleunigen Beistandes empfangen hatten. Nach Katalonien gelangt man zu Schiff von Italien nicht viel weniger rasch wie von Cartagena zu Lande; wenn nach der inzwischen erfolgten foermlichen Kriegserklaerung die Roemer wie die Phoeniker im April aufbrachen, konnte Hannibal den roemischen Legionen an der Ebrolinie begegnen.
Allerdings wurde denn auch der groessere Teil des Heeres und der Flotte fuer den Zug nach Afrika verfuegbar gemacht und der zweite Konsul Publius Cornelius Scipio an den Ebro beordert; allein er nahm sich Zeit, und als am Po ein Aufstand ausbrach, liess er das zur Einschiffung bereitstehende Heer dort verwenden und bildete fuer die spanische Expedition neue Legionen. So fand Hannibal am Ebro zwar den heftigsten Widerstand, aber nur von den Eingeborenen; mit diesen ward er, dem unter den obwaltenden Umstaenden die Zeit noch kostbarer war als das Blut seiner Leute, mit Verlust des vierten Teiles seiner Armee in einigen Monaten fertig und erreichte die Linie der Pyrenaeen. Dass durch jene Zoegerung die spanischen Bundesgenossen Roms zum zweitenmal aufgeopfert wurden, konnte man ebenso sicher vorhersehen, als die Zoegerung selbst sich leicht vermeiden liess; wahrscheinlich aber waere selbst der Zug nach Italien, den man in Rom noch im Fruehling 536 (218) nicht geahnt haben muss, durch zeitiges Erscheinen der Roemer in Spanien abgewendet worden. Hannibal hatte keineswegs die Absicht, sein spanisches “Koenigreich” aufgebend, sich wie ein Verzweifelter nach Italien zu werfen; die Zeit, die er an Sagunts Erstuermung und an die Unterwerfung Kataloniens gewandt hatte, das betraechtliche Korps, das er zur Besetzung des neugewonnenen Gebiets zwischen dem Ebro und den Pyrenaeen zurueckliess, beweisen zur Genuege, dass, wenn ein roemisches Heer ihm den Besitz Spaniens streitig gemacht haette, er sich nicht begnuegt haben wuerde, sich demselben zu entziehen; und was die Hauptsache war, wenn die Roemer seinen Abmarsch aus Spanien auch nur um einige Wochen zu verzoegern imstande waren, so schloss der Winter die Alpenpaesse, ehe Hannibal sie erreichte, und die afrikanische Expedition ging ungehindert nach ihrem Ziele ab.
An den Pyrenaeen angelangt, entliess Hannibal einen Teil seiner Truppen in die Heimat; eine von Anfang an beschlossene Massregel, die den Feldherrn den Soldaten gegenueber des Erfolges sicher zeigen und dem Gefuehl steuern sollte, dass sein Unternehmen eines von denen sei, von welchen man nicht heimkehrt. Mit einem Heer von 50000 Mann zu Fuss und 9000 zu Pferd, lauter alten Soldaten, ward das Gebirg ohne Schwierigkeit ueberschritten und alsdann der Kuestenweg ueber Narbonne und Nîmes eingeschlagen durch das keltische Gebiet, das teils die frueher angeknuepften Verbindungen, teils das karthagische Gold, teils die Waffen dem Heere oeffneten. Erst als dieses Ende Juli Avignon gegenueber an die Rhone gelangte, schien seiner hier ein ernstlicher Widerstand zu warten. Der Konsul Scipio, der auf seiner Fahrt nach Spanien in Massalia angelegt hatte (etwa Ende Juni), war dort berichtet worden, dass er zu spaet komme und Hannibal schon nicht bloss den Ebro, sondern auch die Pyrenaeen passiert habe. Auf diese Nachrichten, welche zuerst die Roemer ueber die Richtung und das Ziel Hannibals aufgeklaert zu haben scheinen, hatte der Konsul seine spanische Expedition vorlaeufig aufgegeben und sich entschlossen, in Verbindung mit den keltischen Voelkerschaften dieser Gegend, welche unter dem Einfluss der Massalioten und dadurch unter dem roemischen standen, die Phoeniker an der Rhone zu empfangen und ihnen den Uebergang ueber den Fluss und den Einmarsch in Italien zu verwehren. Zum Glueck fuer Hannibal stand gegenueber dem Punkte, wo er ueberzugehen gedachte, fuer jetzt nur der keltische Landsturm, waehrend der Konsul selbst mit seinem Heer von 22000 Mann zu Fuss und 2000 Reitern noch in Massalia selbst vier Tagemaersche stromabwaerts davon sich befand. Die Boten des gallischen Landsturms eilten, ihn zu benachrichtigen. Hannibal sollte das Heer mit der starken Reiterei und den Elefanten unter den Augen des Feindes und bevor Scipio eintraf ueber den reissenden Strom fuehren; und er besass nicht einen Nachen. Sogleich wurden auf seinen Befehl von den zahlreichen Rhoneschiffern in der Umgegend alle ihre Barken zu jedem Preise aufgekauft und was an Kaehnen noch fehlte, aus gefaellten Baeumen gezimmert; und in der Tat konnte die ganze zahlreiche Armee an einem Tage uebergesetzt werden. Waehrend dies geschah, marschierte eine starke Abteilung unter Hanno, Bomilkars Sohn, in Gewaltmaerschen stromaufwaerts bis zu einem zwei kleine Tagemaersche oberhalb Avignon gelegenen Uebergangspunkt, den sie unverteidigt fanden. Hier ueberschritten sie auf schleunig zusammengeschlagenen Floessen den Fluss, um dann stromabwaerts sich wendend die Gallier in den Ruecken zu fassen, die dem Hauptheer den Uebergang verwehrten. Schon am Morgen des fuenften Tages nach der Ankunft an der Rhone, des dritten nach Hannos Abmarsch, stiegen die Rauchsignale der entsandten Abteilung am gegenueberliegenden Ufer auf, fuer Hannibal das sehnlich erwartete Zeichen zum Uebergang: Eben als die Gallier, sehend, dass die feindliche Kahnflotte in Bewegung kam, das Ufer zu besetzen eilten, loderte ploetzlich ihr Lager hinter ihnen in Flammen auf; ueberrascht und geteilt, vermochten sie weder dem Angriff zu stehen noch dem Uebergang zu wehren und zerstreuten sich in eiliger Flucht.
Scipio hielt waehrenddessen in Massalia Kriegsratsitzungen ueber die geeignete Besetzung der Rhôneuebergaenge und liess sich nicht einmal durch die dringenden Botschaften der Keltenfuehrer zum Aufbruch bestimmen. Er traute ihren Nachrichten nicht und begnuegte sich, eine schwache roemische Reiterabteilung zur Rekognoszierung auf dem linken Rhoneufer zu entsenden. Diese traf bereits die gesamte feindliche Armee auf dies Ufer uebergegangen und beschaeftigt, die allein noch am rechten Ufer zurueckgebliebenen Elefanten nachzuholen; nachdem sie in der Gegend von Avignon, um nur die Rekognoszierung beendigen zu koennen, einigen karthagischen Schwadronen ein hitziges Gefecht geliefert hatte - das erste, in dem die Roemer und Phoeniker in diesem Krieg aufeinandertrafen -, machte sie sich eiligst auf den Rueckweg, um im Hauptquartier Bericht zu erstatten. Scipio brach nun Hals ueber Kopf mit all seinen Truppen gegen Avignon auf; allein als er dort eintraf, war selbst die zur Deckung des Uebergangs der Elefanten zurueckgelassene karthagische Reiterei bereits seit drei Tagen abmarschiert, und es blieb dem Konsul nichts uebrig, als mit ermuedeten Truppen und geringem Ruhm nach Massalia heimzukehren und auf die “feige Flucht” des Puniers zu schmaelen. So hatte man erstens zum drittenmal durch reine Laessigkeit die Bundesgenossen und eine wichtige Verteidigungslinie preisgegeben, zweitens, indem man nach diesem ersten Fehler vom verkehrten Rasten zu verkehrtem Hasten ueberging und ohne irgendeine Aussicht auf Erfolg nun doch noch tat, was mit so sicherer einige Tage zuvor geschehen konnte, eben dadurch das wirkliche Mittel, den Fehler wiedergutzumachen, aus den Haenden gegeben. Seit Hannibal diesseits der Rhone im Keltenland stand, war es nicht mehr zu hindern, dass er an die Alpen gelangte; allein wenn sich Scipio auf die erste Kunde hin mit seinem ganzen Heer nach Italien wandte - in sieben Tagen war ueber Genua der Po zu erreichen - und mit seinem Korps die schwachen Abteilungen im Potal vereinigte, so konnte er wenigstens dort dem Feind einen gefaehrlichen Empfang bereiten. Allein nicht bloss verlor er die kostbare Zeit mit dem Marsch nach Avignon, sondern es fehlte sogar dem sonst tuechtigen Manne, sei es der politische Mut, sei es die militaerische Einsicht, die Bestimmung seines Korps den Umstaenden gemaess zu veraendern; er sandte das Gros desselben unter seinem Bruder Gnaeus nach Spanien und ging selbst mit weniger Mannschaft zurueck nach Pisae.
Hannibal, der nach dem Uebergang ueber die Rhone in einer grossen Heeresversammlung den Truppen das Ziel seines Zuges auseinandergesetzt und den aus dem Potal angelangten Keltenhaeuptling Magilus selbst durch den Dolmetsch hatte zu dem Heere sprechen lassen, setzte inzwischen ungehindert seinen Marsch nach den Alpenpaessen fort. Welchen derselben er waehlte, darueber konnte weder die Kuerze des Weges noch die Gesinnung der Einwohner zunaechst entscheiden, wenngleich er weder mit Umwegen noch mit Gefechten Zeit zu verlieren hatte. Den Weg musste er einschlagen, der fuer seine Bagage, seine starke Reiterei und die Elefanten praktikabel war und in dem ein Heer hinreichende Subsistenzmittel, sei es im guten oder mit Gewalt, sich verschaffen konnte - denn obwohl Hannibal Anstalten getroffen hatte, Lebensmittel auf Saumtieren sich nachzufuehren, so konnten bei einem Heere, das immer noch trotz starker Verluste gegen 50000 Mann zaehlte, diese doch notwendig nur fuer einige Tage ausreichen. Abgesehen von dem Kuestenweg, den Hannibal nicht einschlug, nicht weil die Roemer ihn sperrten, sondern weil er ihn von seinem Ziel abgefuehrt haben wuerde, fuehrten in alter Zeit ^3 von Gallien nach Italien nur zwei namhafte Alpenuebergaenge: der Pass ueber die Kottische Alpe (Mont Genèvre) in das Gebiet der Tauriner (ueber Susa oder Fenestrelles nach Turin) und der ueber die Graische (Kleiner St. Bernhard) in das der Salasser (nach Aosta und Ivrea). Der erstere Weg ist der kuerzere; allein von da an, wo er das Rhonetal verlaesst, fuehrt er in den unwegsamen und unfruchtbaren Flusstaelern des Drak, der Romanche und der oberen Durance durch ein schwieriges und armes Bergland und erfordert einen mindestens sieben- bis achttaegigen Gebirgsmarsch; eine Heerstrasse hat erst Pompeius hier angelegt, um zwischen der dies- und der jenseitigen gallischen Provinz eine kuerzere Verbindung herzustellen.
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^3 Der Weg ueber den Mont Cenis ist erst im Mittelalter eine Heerstrasse geworden. Die oestlichen Paesse, wie zum Beispiel der ueber die Poeninische Alpe oder den Grossen St. Bernhard, der uebrigens auch erst durch Caesar und Augustus Militaerstrasse ward, kommen natuerlich hier nicht in Betracht.
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Der Weg ueber den Kleinen St. Bernhard ist etwas laenger; allein nachdem er die erste, das Rhonetal oestlich begrenzende Alpenwand ueberstiegen hat, haelt er sich in dem Tale der oberen Isère, das von Grenoble ueber Chambéry bis hart an den Fuss des Kleinen St. Bernhard, das heisst der Hochalpenkette sich hinzieht und unter allen Alpentaelern das breiteste, fruchtbarste und bevoelkertste ist. Es ist ferner der Weg ueber den Kleinen St. Bernhard unter allen natuerlichen Alpenpassagen zwar nicht die niedrigste, aber bei weitem die bequemste; obwohl dort keine Kunststrasse angelegt ist, ueberschritt auf ihr noch im Jahre 1815 ein oesterreichisches Korps mit Artillerie die Alpen. Dieser Weg, der bloss ueber zwei Bergkaemme fuehrt, ist endlich von den aeltesten Zeiten an die grosse Heerstrasse aus dem keltischen in das italische Land gewesen. Die karthagische Armee hatte also in der Tat keine Wahl; es war ein glueckliches Zusammentreffen, aber kein bestimmendes Motiv fuer Hannibal, dass die ihm verbuendeten keltischen Staemme in Italien bis an den Kleinen St. Bernhard wohnten, waehrend ihn der Weg ueber den Mont Genèvre zunaechst in das Gebiet der Tauriner gefuehrt haben wuerde, die seit alten Zeiten mit den Insubrern in Fehde lagen.
So marschierte das karthagische Heer zunaechst an der Rhone hinauf gegen das Tal der oberen Isère zu, nicht, wie man vermuten koennte, auf dem naechsten Weg, an dem linken Ufer der unteren Isère hinauf, von Valence nach Grenoble, sondern durch die “Insel” der Allobrogen, die reiche und damals schon dichtbevoelkerte Niederung, die noerdlich und westlich von der Rhone, suedlich von der Isère, oestlich von den Alpen umfasst wird. Es geschah dies wieder deshalb, weil die naechste Strasse durch ein unwegsames und armes Bergland gefuehrt haette, waehrend die Insel eben und aeusserst fruchtbar ist und nur eine einfache Bergwand sie von dem oberen Isèretal scheidet. Der Marsch an der Rhone in und quer durch die Insel bis an den Fuss der Alpenwand war in sechzehn Tagen vollendet; er bot geringe Schwierigkeit und auf der Insel selbst wusste Hannibal durch geschickte Benutzung einer zwischen zwei allobrogischen Haeuptlingen ausgebrochenen Fehde sich einen der bedeutendsten derselben zu verpflichten, dass derselbe den Karthagern nicht bloss durch die ganze Ebene das Geleit gab, sondern auch ihnen die Vorraete ergaenzte und die Soldaten mit Waffen, Kleidung und Schuhzeug versah. Allein an dem Uebergang ueber die erste Alpenkette, die steil und wandartig emporsteigt und ueber die nur ein einziger gangbarer Pfad (ueber den Mont du Chat beim Dorfe Chevelu) fuehrt, waere fast der Zug gescheitert. Die allobrogische Bevoelkerung hatte den Pass stark besetzt. Hannibal erfuhr es frueh genug, um einen Ueberfall zu vermeiden, und lagerte am Fuss, bis nach Sonnenuntergang die Kelten sich in die Haeuser der naechsten Stadt zerstreuten, worauf er in der Nacht den Pass einnahm. So war die Hoehe gewonnen; allein auf dem aeusserst steilen Weg, der von der Hoehe nach dem See von Bourget hinabfuehrt, glitten und stuerzten die Maultiere und die Pferde. Die Angriffe, die an geeigneten Stellen von den Kelten auf die marschierende Armee gemacht wurden, waren weniger an sich als durch das in Folge derselben entstehende Getuemmel sehr unbequem; und als Hannibal sich mit seinen leichten Truppen von oben herab auf die Allobrogen warf, wurden diese zwar ohne Muehe und mit starkem Verlust den Berg hinuntergejagt, allein die Verwirrung, besonders in dem Train, ward noch erhoeht durch den Laerm des Gefechts. So nach starkem Verlust in der Ebene angelangt, ueberfiel Hannibal sofort die naechste Stadt, um die Barbaren zu zuechtigen und zu schrecken und zugleich seinen Verlust an Saumtieren und Pferden moeglichst wieder zu ersetzen. Nach einem Rasttag in dem anmutigen Tal von Chambéry setzte die Armee an der Isère hinauf ihren Marsch fort, ohne in dem breiten und reichen Grund durch Mangel oder Angriffe aufgehalten zu werden. Erst als man am vierten Tage eintrat in das Gebiet der Ceutronen (die heutige Tarantaise), wo allmaehlich das Tal sich verengt, hatte man wiederum mehr Veranlassung, auf seiner Hut zu sein. Die Ceutronen empfingen das Heer an der Landesgrenze (etwa bei Conflans) mit Zweigen und Kraenzen, stellten Schlachtvieh, Fuehrer und Geiseln, und wie durch Freundesland zog man durch ihr Gebiet. Als jedoch die Truppen unmittelbar am Fuss der Alpen angelangt waren, da wo der Weg die Isère verlaesst und durch ein enges und schwieriges Defilee an den Bach Reclus hinauf sich zu dem Gipfel des Bernhard emporwindet, erschien auf einmal die Landwehr der Ceutronen teils im Ruecken der Armee, teils auf den rechts und links den Pass einschliessenden Bergraendern, in der Hoffnung, den Tross und das Gepaeck abzuschneiden. Allein Hannibal, dessen sicherer Takt in all jenem Entgegenkommen der Ceutronen nichts gesehen hatte als die Absicht, zugleich Schonung ihres Gebiets und die reiche Beute zu gewinnen, hatte in Erwartung eines solchen Angriffs den Tross und die Reiterei voraufgeschickt und deckte den Marsch mit dem gesamten Fussvolk; die Absicht der Feinde wurde dadurch vereitelt, obwohl er nicht verhindern konnte, dass sie, auf den Bergabhaengen den Marsch des Fussvolks begleitend, ihm durch geschleuderte oder herabgerollte Steine sehr betraechtlichen Verlust zufuegten. An dem “weissen Stein” (noch jetzt la roche blanche), einem hohen, am Fusse des Bernhard einzeln stehenden und den Aufweg auf denselben beherrschenden Kreidefels, lagerte Hannibal mit seinem Fussvolk, den Abzug der die ganze Nacht hindurch muehsam hinaufklimmenden Pferde und Saumtiere zu decken, und erreichte unter bestaendigen, sehr blutigen Gefechten endlich am folgenden Tage die Passhoehe. Hier, auf der geschuetzten Hochebene, die sich um einen kleinen See, die Quelle der Doria, in einer Ausdehnung von etwa 2½ Miglien ausbreitet, liess er die Armee rasten. Die Entmutigung hatte angefangen, sich der Gemueter der Soldaten zu bemaechtigen. Die immer schwieriger werdenden Wege, die zu Ende gehenden Vorraete, die Defileenmaersche unter bestaendigen Angriffen des unerreichbaren Feindes, die arg gelichteten Reihen, die hoffnungslose Lage der Versprengten und Verwundeten, das nur der Begeisterung des Fuehrers und seiner Naechsten nicht chimaerisch erscheinende Ziel, fingen an, auch auf die afrikanischen und spanischen Veteranen zu wirken. Indes die Zuversicht des Feldherrn blieb sich immer gleich; zahlreiche Versprengte fanden sich wieder ein; die befreundeten Gallier waren nah, die Wasserscheide erreicht und der dem Bergwanderer so erfreuliche Blick auf den absteigenden Pfad eroeffnet; nach kurzer Rast schickte man mit erneutem Mute zu dem letzten und schwierigsten Unternehmen, dem Hinabmarsch sich an. Von Feinden ward das Heer dabei nicht wesentlich beunruhigt; aber die vorgerueckte Jahreszeit - man war schon im Anfang September - vertrat bei dem Niederweg das Ungemach, das bei dem Aufweg die Ueberfaelle der Anwohner bereitet hatten. Auf dem steilen und schluepfrigen Berghang laengs der Doria, wo der frischgefallene Schnee die Pfade verborgen und verdorben hatte, verirrten und glitten Menschen und Tiere und stuerzten in die Abgruende; ja gegen das Ende des ersten Tagemarsches gelangte man an eine Wegstrecke von etwa 200 Schritt Laenge, auf welche von den steil darueber haengenden Felsen des Cramont bestaendig Lawinen hinabstuerzen und wo in kalten Sommern der Schnee das ganze Jahr liegt. Das Fussvolk kam hinueber; aber Pferde und Elefanten vermochten die glatten Eismassen, ueber welche nur eine duenne Decke frischgefallenen Schnees sich hinzog, nicht zu passieren und mit dem Trosse, der Reiterei und den Elefanten nahm der Feldherr oberhalb der schwierigen Stelle das Lager. Am folgenden Tag bahnten die Reiter durch angestrengtes Schanzen den Weg fuer Pferde und Saumtiere; allein erst nach einer ferneren dreitaegigen Arbeit mit bestaendiger Abloesung der Haende konnten endlich die halbverhungerten Elefanten hinuebergefuehrt werden. So war nach viertaegigem Aufenthalt die ganze Armee wieder vereinigt und nach einem weiteren dreitaegigen Marsch durch das immer breiter und fruchtbarer sich entwickelnde Tal der Doria, dessen Einwohner, die Salasser, Klienten der Insubrer, in den Karthagern ihre Verbuendeten und ihre Befreier begruessten, gelangte die Armee um die Mitte des September in die Ebene von Ivrea, wo die erschoepften Truppen in den Doerfern einquartiert wurden, um durch gute Verpflegung und eine vierzehntaegige Rast von den beispiellosen Strapazen sich zu erholen. Haetten die Roemer, wie sie es konnten, ein Korps von 30000 ausgeruhten und kampffertigen Leuten etwa bei Turin gehabt und die Schlacht sofort erzwungen, so haette es misslich ausgesehen um Hannibals grossen Plan; zum Glueck fuer ihn waren sie wieder einmal nicht, wo sie sein sollten, und stoerten die feindlichen Truppen nicht in der Ruhe, deren sie so sehr bedurften ^4.