Vergleichen wir die Macht der Karthager und der Roemer. Beide waren Acker- und Kaufstaedte und lediglich dieses; die durchaus untergeordnete und durchaus praktische Stellung von Kunst und Wissenschaft war in beiden wesentlich dieselbe, nur dass in dieser Hinsicht Karthago weiter vorgeschritten war als Rom. Aber in Karthago hatte die Geld- ueber die Grundwirtschaft, in Rom damals noch die Grund- ueber die Geldwirtschaft das Uebergewicht, und wenn die karthagischen Ackerwirte durchgaengig grosse Guts- und Sklavenbesitzer waren, bebaute in dem Rom dieser Zeit die grosse Masse der Buergerschaft noch selber das Feld. Die Mehrzahl der Bevoelkerung war in Rom besitzend, das ist konservativ, in Karthago besitzlos und dem Golde der Reichen wie dem Reformruf der Demokraten zugaenglich. In Karthago herrschte schon die ganze, maechtigen Handelsstaedten eigene Opulenz, waehrend Sitte und Polizei in Rom wenigstens aeusserlich noch altvaeterische Strenge und Sparsamkeit aufrecht erhielten. Als die karthagischen Gesandten von Rom zurueckkamen, erzaehlten sie ihren Kollegen, dass das innige Verhaeltnis der roemischen Ratsherren zueinander alle Vorstellung uebersteige; ein einziges silbernes Tafelgeschirr reiche aus fuer den ganzen Rat und sei in jedem Haus, wo man sie zu Gaste geladen, ihnen wieder begegnet. Der Spott ist bezeichnend fuer die beiderseitigen wirtschaftlichen Zustaende.
Beider Verfassung war aristokratisch; wie der Senat in Rom regierten die Richter in Karthago und beide nach dem gleichen Polizeisystem. Die strenge Abhaengigkeit, in welcher die karthagische Regierungsbehoerde den einzelnen Beamten hielt, der Befehl derselben an die Buerger, sich des Erlernens der griechischen Sprache unbedingt zu enthalten und mit einem Griechen nur vermittels des oeffentlichen Dolmetschers zu verkehren, sind aus demselben Geiste geflossen wie das roemische Regierungssystem; aber gegen die grausame Haerte und die ans Alberne streifende Unbedingtheit solcher karthagischen Staatsbevormundung erscheint das roemische Bruechen- und Ruegesystem mild und verstaendig. Der roemische Senat, welcher der eminenten Tuechtigkeit sich oeffnete und im besten Sinn die Nation vertrat, durfte ihr auch vertrauen und brauchte die Beamten nicht zu fuerchten. Der karthagische Senat dagegen beruhte auf einer eifersuechtigen Kontrolle der Verwaltung durch die Regierung und vertrat ausschliesslich die vornehmen Familien; sein Wesen war das Misstrauen noch oben wie nach unten und darum konnte er weder sicher sein, dass das Volk ihm folgte, wohin er fuehrte, noch unbesorgt vor Usurpationen der Beamten. Daher der feste Gang der roemischen Politik, die im Unglueck keinen Schritt zurueckwich und die Gunst des Glueckes nicht verscherzte durch Fahrlaessigkeit und Halbheit; waehrend die Karthager vom Kampf abstanden, wo eine letzte Anstrengung vielleicht alles gerettet haette, und, der grossen nationalen Aufgaben ueberdruessig oder vergessen, den halbfertigen Bau einstuerzen liessen, um nach wenigen Jahren von vorn zu beginnen. Daher ist der tuechtige Beamte in Rom regelmaessig im Einverstaendnis mit seiner Regierung, in Karthago haeufig in entschiedener Fehde mit den Herren daheim und gedraengt, sich ihnen verfassungswidrig zu widersetzen und mit der opponierenden Reformpartei gemeinschaftliche Sache zu machen.
Karthago wie Rom beherrschten ihre Stammgenossen und zahlreiche stammfremde Gemeinden. Aber Rom hatte einen Distrikt nach dem andern in sein Buergerrecht aufgenommen und den latinischen Gemeinden selbst gesetzlich Zugaenge zu demselben eroeffnet; Karthago schloss von Haus aus sich ab und liess den abhaengigen Distrikten nicht einmal die Hoffnung auf dereinstige Gleichstellung. Rom goennte den stammverwandten Gemeinden Anteil an den Fruechten des Sieges, namentlich an den gewonnenen Domaenen, und suchte in den uebrigen untertaenigen Staaten durch materielle Beguenstigung der Vornehmen und Reichen wenigstens eine Partei in das Interesse Roms zu ziehen; Karthago behielt nicht bloss fuer sich, was die Siege einbrachten, sondern entriss sogar den Staedten besten Rechts die Handelsfreiheit. Rom nahm der Regel nach nicht einmal den unterworfenen Gemeinden die Selbstaendigkeit ganz und legte keiner eine feste Steuer auf; Karthago sandte seine Voegte ueberall hin und belastete selbst die altphoenikischen Staedte mit schwerem Zins, waehrend die unterworfenen Staemme faktisch als Staatssklaven behandelt wurden. So war im karthagisch-afrikanischen Staatsverband nicht eine einzige Gemeinde mit Ausnahme von Utica, die nicht durch den Sturz Karthagos politisch und materiell sich verbessert haben wuerde; in dem roemisch-italischen nicht eine einzige, die bei der Auflehnung gegen ein Regiment, das die materiellen Interessen sorgfaeltig schonte und die politische Opposition wenigstens nirgend durch aeusserste Massregeln zum Kampf herausforderte, nicht noch mehr zu verlieren gehabt haette als zu gewinnen. Wenn die karthagischen Staatsmaenner meinten, die phoenikischen Untertanen durch die groessere Furcht vor den empoerten Libyern, die saemtlichen Besitzenden durch das Zeichengeld an das karthagische Interesse geknuepft zu haben, so uebertrugen sie einen kaufmaennischen Kalkuel dahin, wo er nicht hingehoert; die Erfahrung bewies, dass die roemische Symmachie trotz ihrer scheinbar loseren Fuegung gegen Pyrrhos zusammenhielt wie eine Mauer aus Felsenstuecken, die karthagische dagegen wie Spinneweben zerriss, sowie ein feindliches Heer den afrikanischen Boden betrat. So geschah es bei den Landungen. von Agathokles und von Regulus und ebenso im Soeldnerkrieg; von dem Geiste, der in Afrika herrschte, zeugt zum Beispiel, dass die libyschen Frauen den Soeldnern freiwillig ihren Schmuck steuerten zum Kriege gegen Karthago. Nur in Sizilien scheinen die Karthager milder aufgetreten zu sein und darum auch bessere Ergebnisse erlangt zu haben. Sie gestatteten ihren Untertanen hier verhaeltnismaessige Freiheit im Handel mit dem Ausland und liessen sie ihren inneren Verkehr wohl von Anfang an und ausschliesslich mit Metallgeld treiben, ueberhaupt bei weitem freier sich bewegen, als dies den Sarden und Libyern erlaubt ward. Waere Syrakus in ihre Haende gefallen, so haette sich freilich dies bald geaendert; indes dazu kam es nicht, und so bestand, bei der wohlberechneten Milde des karthagischen Regiments und bei der unseligen Zerrissenheit der sizilischen Griechen, in Sizilien in der Tat eine ernstlich phoenikisch gesinnte Partei - wie denn zum Beispiel noch nach dem Verlust der Insel an die Roemer Philinos von Akragas die Geschichte des grossen Krieges durchaus im phoenikischen Sinne schrieb. Aber im ganzen mussten doch auch die Sizilianer als Untertanen wie als Hellenen ihren phoenikischen Herren wenigstens ebenso abgeneigt sein wie den Roemern die Samniten und Tarentiner.
Finanziell ueberstiegen die karthagischen Staatseinkuenfte ohne Zweifel um vieles die roemischen; allein dies glich zum Teil sich wieder dadurch aus, dass die Quellen der karthagischen Finanzen, Tribute und Zoelle weit eher und eben, wenn man sie am noetigsten brauchte, versiegten als die roemischen, und dass die karthagische Kriegfuehrung bei weitem kostspieliger war als die roemische.
Die militaerischen Hilfsmittel der Roemer und Karthager waren sehr verschieden, jedoch in vieler Beziehung nicht ungleich abgewogen. Die karthagische Buergerschaft betrug noch bei Eroberung der Stadt 700000 Koepfe mit Einschluss der Frauen und Kinder ^4 und mochte am Ende des fuenften Jahrhunderts wenigstens ebenso zahlreich sein; sie vermochte im fuenften Jahrhundert im Notfall ein Buergerheer von 40 000 Hopliten auf die Beine zu bringen. Ein ebenso starkes Buergerheer hatte Rom schon im Anfang des fuenften Jahrhunderts unter gleichen Verhaeltnissen ins Feld geschickt; seit den grossen Erweiterungen des Buergergebiets im Laufe des fuenften Jahrhunderts musste die Zahl der waffenfaehigen Vollbuerger mindestens sich verdoppelt haben. Aber weit mehr noch als der Zahl der Waffenfaehigen nach war Rom in dem Effektivstand des Buergermilitaers ueberlegen. So sehr die karthagische Regierung auch es sich angelegen sein liess, die Buerger zum Waffendienst zu bestimmen, so konnte sie doch weder dem Handwerker und Fabrikarbeiter den kraeftigen Koerper des Landmanns geben noch den angeborenen Widerwillen der Phoeniker vor dem Kriegswerk ueberwinden. Im fuenften Jahrhundert focht in den sizilischen Heeren noch eine “heilige Schar” von 2500 Karthagern als Garde des Feldherrn; im sechsten findet sich in den karthagischen Heeren, zum Beispiel in dem spanischen, mit Ausnahme der Offiziere nicht ein einziger Karthager. Dagegen standen die roemischen Bauern keineswegs bloss in den Musterrollen, sondern auch auf den Schlachtfeldern. Aehnlich verhielt es sich mit den Stammverwandten der beiden Gemeinden; waehrend die Latiner den Roemern nicht mindere Dienste leisteten als ihre Buergertruppen, waren die Libyphoeniker ebensowenig kriegstuechtig wie die Karthager und begreiflicherweise noch weit weniger kriegslustig, und so verschwinden auch sie aus den Heeren, indem die zuzugspflichtigen Staedte ihre Verbindlichkeit vermutlich mit Geld abkauften. In dem eben erwaehnten spanischen Heer von etwa 15000 Mann bestand nur eine einzige Reiterschar von 450 Mann und auch diese nur zum Teil aus Libyphoenikern. Den Kern der karthagischen Armeen bildeten die libyscher. Untertanen, aus deren Rekruten sich unter tuechtigen Offizieren ein gutes Fussvolk bilden liess und deren leichte Reiterei in ihrer Art unuebertroffen war. Dazu kamen die Mannschaften der mehr oder minder abhaengigen Voelkerschaften Libyens und Spaniens und die beruehmten Schleuderer von den Balearen, deren Stellung zwischen Bundeskontingenten und Soeldnerscharen die Mitte gehalten zu haben scheint; endlich im Notfall die im Ausland angeworbene Soldateska. Ein solches Heer konnte der Zahl nach ohne Muehe fast auf jede beliebige Staerke gebracht werden und auch an Tuechtigkeit der Offiziere, an Waffenkunde und Mut faehig sein, mit dem roemischen sich zu messen; allein nicht bloss verstrich, wenn Soeldner angenommen werden mussten, ehe dieselben bereit standen, eine gefaehrlich lange Zeit, waehrend die roemische Miliz jeden Augenblick auszuruecken imstande war, sondern, was die Hauptsache ist, waehrend die karthagischen Heere nichts zusammenhielt als die Fahnenehre und der Vorteil, fanden sich die roemischen durch alles vereinigt, was sie an das gemeinsame Vaterland band. Dem karthagischen Offizier gewoehnlichen Schlages galten seine Soeldner, ja selbst die libyschen Bauern ungefaehr soviel wie heute im Krieg die Kanonenkugeln; daher Schaendlichkeiten, wie zum Beispiel der Verrat der libyschen Truppen durch ihren Feldherrn Himilko 358 (396), der einen gefaehrlichen Aufstand der Libyer zur Folge hatte, und daher jener zum Sprichwort gewordene Ruf der “punischen Treue”, der den Karthagern nicht wenig geschadet hat. Alles Unheil, welches Fellah- und Soeldnerheere ueber einen Staat bringen koennen, hat Karthago in vollem Masse erfahren und mehr als einmal seine bezahlten Knechte gefaehrlicher erfunden als seine Feinde.
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^4 Man hat an der Richtigkeit dieser Zahl gezweifelt und mit Ruecksicht auf den Raum die moegliche Einwohnerzahl auf hoechstens 250000 Koepfe berechnet. Abgesehen von der Unsicherheit derartiger Berechnungen, namentlich in einer Handelsstadt mit sechsstoeckigen Haeusern, ist dagegen zu erinnern, dass die Zaehlung wohl politisch zu verstehen ist, nicht staedtisch, ebenso wie die roemischen Zensuszahlen, und dass dabei also alle Karthager gezaehlt sind, mochten sie in der Stadt oder in der Umgegend wohnen oder im untertaenigen Gebiet oder im Ausland sich aufhalten. Solcher Abwesenden gab es natuerlich eine grosse Zahl in Karthago; wie denn ausdruecklich berichtet wird, dass in Gades aus gleichem Grunde die Buergerliste stets eine weit hoehere Ziffer wies als die der in Gades ansaessigen Buerger war.
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Die Maengel dieses Heerwesens konnte die karthagische Regierung nicht verkennen und suchte sie allerdings auf jede Weise wieder einzubringen. Man hielt auf gefuellte Kassen und gefuellte Zeughaeuser, um jederzeit Soeldner ausstatten zu koennen. Man wandte grosse Sorgfalt auf das, was bei den Alten die heutige Artillerie vertrat: den Maschinenbau, in welcher Waffe wir die Karthager den Sikelioten regelmaessig ueberlegen finden, und die Elefanten, seit diese im Kriegswesen die aelteren Streitwagen verdraengt hatten; in den Kasematten Karthagos befanden sich Stallungen fuer 300 Elefanten. Die abhaengigen Staedte zu befestigen, konnte man freilich nicht wagen und musste es geschehen lassen, dass jedes in Afrika gelandete feindliche Heer mit dem offenen Lande auch die Staedte und Flecken gewann; recht im Gegensatz zu Italien, wo die meisten unterworfenen Staedte ihre Mauern behalten hatten und eine Kette roemischer Festungen die ganze Halbinsel beherrschte. Dagegen fuer die Befestigung der Hauptstadt bot man auf, was Geld und Kunst vermochten; und mehrere Male rettete den Staat nichts als die Staerke der karthagischen Mauern, waehrend Rom politisch und militaerisch so gesichert war, dass es eine foermliche Belagerung niemals erfahren hat. Endlich das Hauptbollwerk des Staats war die Kriegsmarine, auf die man die groesste Sorgfalt verwandte. Im Bau wie in der Fuehrung der Schiffe waren die Karthager den Griechen ueberlegen; in Karthago zuerst baute man Schiffe mit mehr als drei Ruderverdecken, und die karthagischen Kriegsfahrzeuge, in dieser Zeit meistens Fuenfdecker, waren in der Regel bessere Segler als die griechischen, die Ruderer, saemtlich Staatssklaven, die nicht von den Galeeren kamen, vortrefflich eingeschult und die Kapitaene gewandt und furchtlos. In dieser Beziehung war Karthago entschieden den Roemern ueberlegen, die mit den wenigen Schiffen der verbuendeten Griechen und den wenigeren eigenen nicht imstande waren, sich in der offenen See auch nur zu zeigen gegen die Flotte, die damals unbestritten das westliche Meer beherrschte.
Fassen wir schliesslich zusammen, was die Vergleichung der Mittel der beiden grossen Maechte ergibt, so rechtfertigt sich wohl das Urteil eines einsichtigen und unparteiischen Griechen, dass Karthago und Rom, da der Kampf zwischen ihnen begann, im allgemeinen einander gewachsen waren. Allein wir koennen nicht unterlassen hinzuzufuegen, dass Karthago wohl aufgeboten hatte, was Geist und Reichtum vermochten, um kuenstliche Mittel zum Angriff und zur Verteidigung sich zu erschaffen, aber dass es nicht imstande gewesen war, die Grundmaengel des fehlenden eigenen Landheers und der nicht auf eigenen Fuessen stehenden Symmachie in irgend ausreichender Weise zu ersetzen. Dass Rom nur in Italien, Karthago nur in Libyen ernstlich angegriffen werden konnte, liess sich nicht verkennen; und ebensowenig, dass Karthago auf die Dauer einem solchen Angriff nicht entgehen konnte. Die Flotten waren in jener Zeit der Kindheit der Schiffahrt noch nicht bleibendes Erbgut der Nationen, sondern liessen sich herstellen, wo es Baeume, Eisen und Wasser gab; dass selbst maechtige Seestaaten nicht imstande waren, den zur See schwaecheren Feinden die Landung zu wehren, war einleuchtend und in Afrika selbst mehrfach erprobt worden. Seit Agathokles den Weg dahin gezeigt hatte, konnte auch ein roemischer General ihn finden, und waehrend in Italien mit dem Einruecken einer Invasionsarmee der Krieg begann, war er in Libyen im gleichen Fall zu Ende und verwandelte sich in eine Belagerung, in der, wenn nicht besondere Zufaelle eintraten, auch der hartnaeckigste Heldenmut endlich unterliegen musste.