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^1 So ward zum Beispiel in Vaison im Vocontischen Gau eine in keltischer Sprache mit gewöhnlichem griechischen Alphabet geschriebene Inschrift gefunden. Sie lautet: σεγομαρος ουιλλονεος τοουτιους ναμαυσατις εωρουβηλησαμισοσιν νεμητον. Das letzte Wort heißt “heilig”.

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Wenn also die keltische und ligurische Bevölkerung dieser Gegenden auf dem Wege war, ihre Nationalität einzubüßen und daneben siechte und verkümmerte unter einem politischen und ökonomischen Druck, von dessen Unerträglichkeit die hoffnungslosen Aufstände hinreichend Zeugnis ablegen, so ging doch hier der Untergang der eingeborenen Bevölkerung Hand in Hand mit der Einbürgerung derselben höheren Kultur, welche wir in dieser Zeit in Italien finden. Aquae Sextiae und mehr noch Narbo waren ansehnliche Ortschaften, die wohl neben Benevent und Capua genannt werden mochten; und Massalia, die bestgeordnete, freieste, wehrhafteste, mächtigste unter allen von Rom abhängigen griechischen Städten, unter ihrem streng aristokratischen Regiment, auf das die römischen Konservativen wohl als auf das Muster einer guten Stadtverfassung hinwiesen, im Besitz eines bedeutenden und von den Römern noch ansehnlich vergrößerten Gebiets und eines ausgebreiteten Handels, stand neben jenen launischen Städten wie in Italien neben Capua und Benevent Rhegion und Neapolis.

Anders sah es aus, wenn man die römische Grenze überschritt. Die große keltische Nation, die in den südlichen Landschaften schon von der italischen Einwanderung anfing unterdrückt zu werden, bewegte sich nördlich der Cevennen noch in althergebrachter Freiheit. Es ist nicht das erste Mal, daß wir ihr begegnen; mit den Ausläufern und Vorposten des ungeheuren Stammes hatten die Italiker bereits am Tiber und am Po, in den Bergen Kastiliens und Kärntens, ja tief im inneren Kleinasien gefochten, erst hier aber ward der Hauptstock in seinem Kerne von ihren Angriffen erfaßt. Der Keltenstamm hatte bei seiner Ansiedlung in Mitteleuropa sich vornehmlich über die reichen Flußtäler und das anmutige Hügelland des heutigen Frankreich mit Einschluß der westlichen Striche Deutschlands und der Schweiz ergossen und von hier aus wenigstens den südlichen Teil von England, vielleicht schon damals ganz Großbritannien und Irland besetzt ^2; mehr als irgendwo sonst bildete er hier eine breite, geographisch geschlossene Völkermasse. Trotz der Unterschiede in Sprache und Sitte, die natürlich innerhalb dieses weiten Gebietes nicht fehlten, scheint dennoch ein enger gegenseitiger Verkehr, ein geistiges Gefühl der Gemeinschaft die Völkerschaften von der Rhone und Garonne bis zum Rhein und der Themse zusammengeknüpft zu haben; wogegen dieselben mit den Kelten in Spanien und im heutigen Österreich wohl örtlich gewissermaßen zusammenhingen, aber doch teils die gewaltigen Bergscheiden der Pyrenäen und der Alpen, teils die hier ebenfalls einwirkenden Obergriffe der Römer und der Germanen den Verkehr und den geistigen Zusammenhang der Stammverwandten ganz anders unterbrachen als der schmale Meerarm den der kontinentalen und der britischen Kelten. Leider ist es uns nicht vergönnt, die innere Entwicklungsgeschichte des merkwürdigen Volkes in diesen seinen Hauptsitzen von Stufe zu Stufe zu verfolgen; wir müssen uns begnügen, dessen kulturhistorischen und politischen Zustand, wie er hier zu Caesars Zeit uns entgegentritt, wenigstens in seinen Umrissen darzustellen.

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^2 Auf eine längere Zeit hindurch fortgesetzte Einwanderung belgischer Kelten nach Britannien deuten die von belgischen Gauen entlehnten Namen englischer Völkerschaften an beiden Ufern der Themse, wie der Atrebaten, der Belgen, ja der Britanner selbst, welcher von den an der Somme unterhalb Amiens ansässigen Britonen zuerst auf einen englischen Gau und sodann auf die ganze Insel übertragen zu sein scheint. Auch die englische Goldmünzung ist aus der belgischen abgeleitet und ursprünglich mit ihr identisch.

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Gallien war nach den Berichten der Alten verhältnismäßig wohl bevölkert. Einzelne Angaben lassen schließen, daß in den belgischen Distrikten etwa 900 Köpfe auf die Quadratmeile kamen - ein Verhältnis, wie es heutzutage etwa für Wallis und für Livland gilt, - in dem helvetischen Kanton etwa 1100 ^3; es ist wahrscheinlich, daß in den Distrikten, die kultivierter waren als die belgischen und weniger gebirgig als der helvetische, wie bei den Biturigen, Arvernern, Häduern, sich die Ziffer noch höher stellte. Der Ackerbau ward in Gallien wohl getrieben, wie denn schon Caesars Zeitgenossen in der Rheinlandschaft die Sitte des Mergelns auffiel ^4 und die uralte keltische Sitte, aus Gerste Bier (cervesia) zu bereiten, ebenfalls für die frühe und weite Verbreitung der Getreidekultur spricht; allein er ward nicht geachtet. Selbst in dem zivilisierteren Süden galt es noch für den freien Kelten als nicht anständig, den Pflug zu führen. Weit höher stand bei den Kelten die Viehzucht, für welche die römischen Gutsbesitzer dieser Epoche sich sowohl des keltischen Viehschlags als auch der tapferen, des Reitens kundigen und mit der Pflege der Tiere vertrauten keltischen Sklaven vorzugsweise gern bedienten ^5. Namentlich in den nördlichen keltischen Landschaften überwog die Viehzucht durchaus. Die Bretagne war zu Caesars Zeit ein kornarmes Land. Im Nordosten reichten dichte Wälder, an den Kern der Ardennen sich anschließend, fast ununterbrochen von der Nordsee bis zum Rheine, und auf den heute so gesegneten Fluren Flanderns und Lothringens weidete damals der menapische und treverische Hirte im undurchdringlichen Eichenwald seine halbwilden Säue. Ebenwie im Potal durch die Römer an die Stelle der keltischen Eichelmast Wollproduktion und Kornbau getreten sind, so gehen auch die Schafzucht und die Ackerwirtschaft in den Ebenen der Schelde und der Maas auf sie zurück. In Britannien gar war das Dreschen des Kornes noch nicht üblich, und in den nördlicheren Strichen hörte hier der Ackerbau ganz auf und war die Viehzucht die einzige bekannte Bodenbenutzung. Der Öl- und Weinbau, der den Massalioten reichen Ertrag abwarf, ward jenseits der Cevennen zu Caesars Zeiten noch nicht betrieben.

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