^3 Das erste Aufgebot der belgischen Kantone ausschließlich der Remer, also der Landschaft zwischen Seine und Schelde und östlich bis gegen Reims und Andernach von 2000-2200 Quadratmeilen, wird auf etwa 300000 Mann berechnet; wonach, wenn man das für die Bellovaker angegebene Verhältnis des ersten Aufgebots zu der gesamten waffenfähigen Mannschaft als allgemein gültig betrachtet, die Zahl der waffenfähigen Belgen auf 500000 und danach die Gesamtbevölkerung auf mindestens 2 Millionen sich stellt. Die Helvetier mit den Nebenvölkern zählten vor ihrem Auszug 336000 Köpfe; wenn man annimmt, daß sie damals schon vom rechten Rheinufer verdrängt waren, kann ihr Gebiet auf ungefähr 300 Quadratmeilen angeschlagen werden. Ob die Knechte hierbei mitgezählt sind, läßt sich um so weniger entscheiden, als wir nicht wissen, welche Form die Sklaverei bei den Kelten angenommen hatte; was Caesar (Gall. 1, 4) von Orgetorix’ Sklaven, Hörigen und Schuldnern erzählt, spricht eher für als gegen die Mitzählung.

Daß übrigens jeder solche Versuch, das, was der alten Geschichte vor allen Dingen fehlt, die statistische Grundlage, durch Kombination zu ersetzen, mit billiger Vorsicht aufgenommen werden muß, wird der verständige Leser ebensowenig verkennen als ihn darum unbedingt wegwerfen.

^4 “In Gallien, jenseits der Alpen im Binnenland am Rhein, habe ich,” erzählt Scrofa bei Varro rust. 1, 7, 8, “als ich dort kommandierte, einige Striche betreten, wo weder die Rebe noch die Olive noch der Obstbaum fortkommt, wo man mit weißer Grubenkreide die Äcker düngt, wo man weder Gruben- noch Seesalz hat, sondern die salzige Kohle gewisser verbrannter Hölzer statt Salz benutzt.” Diese Schilderung bezieht sich wahrscheinlich auf die vorcaesarische Zeit und auf die östlichen Striche der alten Provinz, wie zum Beispiel die allobrogische Landschaft; später beschreibt Plinius (nat. 17, 6, 42f.) ausführlich das gallisch-britannische Mergeln.

^5 “Von gutem Schlag sind in Italien besonders die gallischen Ochsen, zur Feldarbeit nämlich; wogegen die ligurischen nichts Rechtes beschaffen” (Varr. rust. 2, 5, 9). Hier ist zwar das Cisalpinische Gallien gemeint, allein die Viehwirtschaft daselbst geht doch unzweifelhaft zurück auf die keltische Epoche. Der “gallischen Klepper” (Gallici canterii) gedenkt schon Plautus (Aul. 3, 5, 21). “Nicht jede Rasse schickt sich für das Hirtengeschäft; weder die Bastuler noch die Turduler (beide in Andalusien) eignen sich dafür; am besten sind die Kelten, besonders für Reit- und Lasttiere (iumenta)” (Varro rust. 2, 10, 4).

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Dem Zusammensiedeln waren die Gallier von Haus aus geneigt; offene Dörfer gab es überall und allein der helvetische Kanton zählte deren im Jahre 696 (58) vierhundert außer einer Menge einzelner Höfe. Aber es fehlte auch nicht an ummauerten Städten, deren Mauern von Fachwerk sowohl durch ihre Zweckmäßigkeit als durch die zierliche Ineinanderfügung von Balken und Steinen den Römern auffielen, während freilich selbst in den Städten der Allobrogen die Gebäude allein aus Holz aufgeführt waren. Solcher Städte hatten die Helvetier zwölf und ebensoviele die Suessionen; wogegen allerdings in den nördlicheren Distrikten, zum Beispiel bei den Nerviern, es wohl auch Städte gab, aber doch die Bevölkerung im Kriege mehr in den Sümpfen und Wäldern als hinter den Mauern Schutz suchte und jenseits der Themse gar die primitive Schutzwehr der Waldverhacke durchaus an die Stelle der Städte trat und im Krieg die einzige Zufluchtsstätte für Menschen und Herden war. Mit der verhältnismäßig bedeutenden Entwicklung des städtischen Lebens steht in enger Verbindung die Regsamkeit des Verkehrs zu Lande und zu Wasser. Überall gab es Straßen und Brücken. Die Flußschiffahrt, wozu Ströme wie Rhone, Garonne, Loire und Seine von selber aufforderten, war ansehnlich und ergiebig. Aber weit merkwürdiger noch ist die Seeschiffahrt der Kelten. Nicht bloß sind die Kelten allem Anschein nach diejenige Nation, die zuerst den Atlantischen Ozean regelmäßig befahren hat, sondern wir finden auch hier die Kunst, Schiffe zu bauen und zu lenken, auf einer bemerkenswerten Höhe. Die Schiffahrt der Völker des Mittelmeers ist, wie dies bei der Beschaffenheit der von ihnen befahrenen Gewässer begreiflich ist, verhältnismäßig lange bei dem Ruder stehengeblieben: die Kriegsfahrzeuge der Phöniker, Hellenen und Römer waren zu allen Zeiten Rudergaleeren, auf welchen das Segel nur als gelegentliche Verstärkung des Ruders verwendet wurde; nur die Handelsschiffe sind in der Epoche der entwickelten antiken Zivilisation eigentliche Segler gewesen ^6. Die Gallier dagegen bedienten zwar auf dem Kanal sich zu Caesars Zeit wie noch lange nachher einer Art tragbarer lederner Kähne, die im wesentlichen gewöhnliche Ruderboote gewesen zu sein scheinen; aber an der Westküste Galliens fuhren die Santonen, die Pictonen, vor allem die Veneter mit großen, freilich plump gebauten Schiffen, die nicht mit Rudern bewegt wurden, sondern mit Ledersegeln und eisernen Ankerketten versehen waren, und verwandten diese nicht nur für ihren Handelsverkehr mit Britannien, sondern auch im Seegefecht. Hier also begegnen wir nicht bloß zuerst der Schiffahrt auf dem freien Ozean, sondern hier hat auch zuerst das Segelschiff völlig den Platz des Ruderbootes eingenommen - ein Fortschritt, den freilich die sinkende Regsamkeit der alten Welt nicht zu nutzen verstanden hat und dessen unübersehliche Resultate erst unsere verjüngte Kulturperiode beschäftigt ist, allmählich zu ziehen.

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^6 Dahin führt die Benennung des Kauffahrtei- oder des “runden” im Gegensatz zu dem “langen” oder dem Kriegsschiff und die ähnliche Gegeneinanderstellung der “Ruderschiffe” (επίκωποι νήες) und der “Kauffahrer” (ολκάδες" Dion. Hal. 3, 44); ferner die geringe Bemannung der Kauffahrteischiffe, die auf den allergrößten nicht mehr betrug als 200 Mann (Rheinisches Museum N. F. 11, 1874, S. 625), während auf der gewöhnlichen Galeere von drei Verdecken schon 170 Ruderer gebraucht wurden. Vgl. F. K. Movers, Die Phönicier. Bonn-Berlin 1840-56, Bd. 2, 3, S. 167f.

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Bei diesem regelmäßigen Seeverkehr zwischen der britischen und der gallischen Küste ist die überaus enge politische Verbindung zwischen den beiderseitigen Anwohnern des Kanals ebenso erklärlich wie das Aufblühen des überseeischen Handels und der Fischerei. Es waren die Kelten, namentlich der Bretagne, die das Zinn der Gruben von Cornwallis aus England holten und es auf den Fluß- und Landstraßen des Keltenlandes nach Narbo und Massalia verfuhren. Die Angabe, daß zu Caesars Zeit einzelne Völkerschaften an der Rheinmündung von Fischen und Vogeleiern lebten, darf man wohl darauf beziehen, daß hier die Seefischerei und das Einsammeln der Seevögeleier in ausgedehntem Umfang betrieben ward. Faßt man die vereinzelten und spärlichen Angaben, die über den keltischen Handel und Verkehr uns geblieben sind, in Gedanken ergänzend zusammen, so begreift man es, daß die Zölle der Fluß- und Seehäfen in den Budgets einzelner Kantons, zum Beispiel in denen der Häduer und der Veneter, eine große Rolle spielten und daß der Hauptgott der Nation ihr galt als der Beschützer der Straßen und des Handels und zugleich als Erfinder der Gewerke. Ganz nichtig kann danach auch die keltische Industrie nicht gewesen sein; wie denn die ungemeine Anstelligkeit der Kelten und ihr eigentümliches Geschick, jedes Muster nachzuahmen und jede Anweisung auszuführen auch von Caesar hervorgehoben wird. In den meisten Zweigen scheint aber doch das Gewerk bei ihnen sich nicht über das Maß des Gewöhnlichen erhoben zu haben; die später im mittleren und nördlichen Gallien blühende Fabrikation leinener und wollener Stoffe ist nachweislich erst durch die Römer ins Leben gerufen worden. Eine Ausnahme, und soviel wir wissen die einzige, macht die Bearbeitung der Metalle. Das nicht selten technisch vorzügliche und noch jetzt geschmeidige Kupfergerät, das in den Gräbern des Keltenlandes zum Vorschein kommt, und die sorgfältig justierten arvernischen Goldmünzen sind heute noch lebendige Zeugen der Geschicklichkeit der keltischen Kupfer- und Goldarbeiter; und wohl stimmen dazu die Berichte der Alten, daß die Römer von den Biturigen das Verzinnen, von den Alesiern das Versilbern lernten - Erfindungen, von denen die erste durch den Zinnhandel nahe genug gelegt war und die doch wahrscheinlich beide noch in der Zeit der keltischen Freiheit gemacht worden sind. Hand in Hand mit der Gewandtheit in der Bearbeitung der Metalle ging die Kunst, sie zu gewinnen, die zum Teil, namentlich in den Eisengruben an der Loire, eine solche bergmännische Höhe erreicht hatte, daß die Grubenarbeiter bei den Belagerungen eine bedeutende Rolle spielten. Die den Römern dieser Zeit geläufige Meinung, daß Gallien eines der goldreichsten Länder der Erde sei, wird freilich widerlegt durch die wohlbekannten Bodenverhältnisse und durch die Fundbestände der keltischen Gräber, in denen Gold nur sparsam und bei weitem minder häufig erscheint als in den gleichartigen Funden der wahren Heimatländer des Goldes; es ist auch diese Vorstellung wohl nur hervorgerufen worden durch das, was griechische Reisende und römische Soldaten, ohne Zweifel nicht ohne starke Übertreibung, ihren Landsleuten von der Pracht der arvernischen Könige und den Schätzen der tolosanischen Tempel zu erzählen wußten. Aber völlig aus der Luft griffen die Erzähler doch nicht. Es ist sehr glaublich, daß in und an den Flüssen, welche aus den Alpen und den Pyrenäen strömen, Goldwäschereien und Goldsuchereien, die bei dem heutigen Wert der Arbeitskraft unergiebig sind, in roheren Zeiten und bei Sklavenwirtschaft mit Nutzen und in bedeutendem Umfang betrieben wurden; überdies mögen die Handelsverhältnisse Galliens, wie nicht selten die der halbzivilisierten Völker, das Aufhäufen eines toten Kapitals edler Metalle begünstigt haben.