O, gewiß nicht! rief der Professor mit Pathos. Es giebt Sümpfe, die so tief sind, daß wenn man auch Berge hineinstürzte, sie nicht ausgefüllt werden könnten; giftige Gewächse giebt es, denen kein Leben zu nahe kommen darf; reißende Thiere giebt es, deren Zähnen nichts entgeht.

Und Menschen giebt es, fiel Felix in derselben Redeweise ein, die man Narren nennt, deren Narrheit so unheilbar ist, daß alle Götter vergebens daran kuriren würden.

Mit einem vernichtenden Blicke starrte ihn der Professor an. Felix blieb vor ihm stehen und kreuzte die Arme; der Professor sah aus wie Einer, der eine verzweifelte That im Sinne hat. Alles Blut in ihm schien in sein Gesicht gedrungen zu sein; seine von Natur rothe Nase glühte wie ein Karfunkel, er zeigte seine Zähne und zitterte vor Zorn, gekränkter Eitelkeit und Schaam. Der Schuhmacher und seine Frau standen hinter dem Tisch als ängstliche Zuschauer dieses peinlichen Auftritts, von dem sie nicht wußten, wie er enden würde; plötzlich aber warf sich Felix auf den Stuhl, der neben ihm stand, und in ein höchst unehrerbietiges Gelächter ausbrechend, rief er, von dem komischen Anblick des kleinen wüthenden Mannes überwältigt: Und wenn es mein Leben kostete, ich kann nicht anders. Bringt Wasser, oder er berstet! Professor, so müssen Sie gemalt werden für alle Vereinsmitglieder zur ewigen, unvergeßlichen Erinnerung.

Gut, sagte der Professor mit einem Blicke der tiefsten Verachtung sich abwendend, wir wollen es überlegen, jedenfalls werde ich mich nicht weiter herabwürdigen. Aber das merkt Euch, schrie er, den Kopf in den Nacken werfend und Anton anstarrend, der von dem Lachen des übermüthigen jungen Mannes angesteckt war, welches selbst ein derber Ellenbogenstoß und ein empfindliches Kneipen seiner Ehehälfte in seinen rechten Arm nicht länger unterdrücken konnte — das merkt Euch, Jeder wird erhalten, was er verdient, und die Lügner, die Heuchler, die Betrüger und Verräther sollen ihrem Lohn nicht entgehen. Damit stülpte er seinen Hut auf, rückte heftig mit der Hand an der Krempe und ging zur Thür hinaus.

Bravo! Bravo! da capo! schrie ihm Felix nach. Bleiben Sie theurer Freund noch einen Augenblick, nur noch einige würdevolle patriotische Schwüre. Anton in seiner Herzensfreude klatschte in die Hände, während Guste ihm den Mund zuhielt und zwischen Aerger, Furcht, innerer Lustigkeit und eigennütziger Besorgniß schwankend ihm zurief: Willst Du wohl stille sein, willst Du Dich mäßigen, Anton. Er hat uns ja eben funfzehn Thaler ausgezahlt, der gute Herr Professor; hier liegen sie im Tischkasten. Ich dachte es wohl, wie es kommen würde und habe Sie gleich in Sicherheit gebracht. Und was ist denn das für ein Benehmen bei anständigen Leuten. Lacht man Einen aus, der Geld bringt? Ich frage gar nichts darnach, ob Du mir zuwinkst. Alles was Recht ist; aber was haben wir denn von der ganzen Geschichte? Nichts als Aerger und Verdruß von Anfang bis zu Ende und Gott steh’ uns bei! wenn es die Geheimräthin erfährt. Sie macht uns unglücklich! Aus dem Verein wirst Du mit Sang und Klang geschmissen, die zweihundert Thaler nehmen Sie uns, und Alles ist vorbei, Alles ist verloren!

Alleweil laß Dir sagen, liebste Guste, stotterte Anton, den bei diesen inhaltschweren Perspektiven, deren Richtigkeit er anerkennen mußte, doch nicht allzuwohl war, es ist nun einmal nicht anders, und Du hast ja auch gelacht. Ich habe es Dir angesehen, wie Dir inwendig zu Muthe war.

Mir angesehen? erwiderte sie. Du hast mir gar nichts angesehen, ich dachte beständig an den Tischkasten. Aber eine Schande ist es und dabei bleibe ich. Jetzt kannst Du zusehen, was daraus wird.

Liebe Freunde, sagte Felix, grämt Euch nicht darüber, daß Ihr den Mantel der Heuchelei nicht dicht genug über Euch ziehen könnt. Ueber lang oder kurz würde er doch abgefallen sein, oder Ihr würdet falsch und schlecht werden müssen. Ich und meine Schwester, wir sind Ihnen großen Dank schuldig, Frau Mertens, was wir helfen können, soll gewiß geschehen. Ich habe Ihrem Manne schon gesagt, was ich denke und thun will; ich habe ihm Vorschläge gemacht, die überlegt sein wollen, und wie es auch kommen mag, so übel steht es nicht mit uns, daß mein Vater, wenn ich nicht mehr hier bin, nicht in aller Noth mit Rath und That Ihnen zur Seite stehen könnte.

Siehst Du wohl, Guste, das pfeift alleweil aus einem andern Tone, rief Anton und seine Augen glänzten vor Lust, indem er seine Frau umarmte. Jetzt lache ihn aus, lache ihn den Augenblick aus. Sakerment! der Nußknacker und die alte dicke Geheimräthin und alle zusammen, ah! ich könnte an die Decke springen, daß ich nicht mehr in den Verein brauche. Die junge Frau lachte wirklich, aber es kam doch nicht recht von Herzen. Felix setzte sich zu ihr, er erzählte ihr Alles und je länger er redete, um so mehr hellte sich ihr Gesicht auf. Ein lebhaftes Mitgefühl ergriff sie, und lange ehe er geendet hatte, schüttelte sie ihre ansehnlichen Hände voll Zorn über die gemeine Schlechtigkeit derer, die ihn und seine Familie verfolgten.

Der Geheimrath empfing an diesem Morgen schon ziemlich früh seinen Vertrauten, den Kommissarius, der mit geheimnißvoller Miene zu ihm in’s Zimmer trat und seinen Backenbart streichelnd, indem er sich verbeugte, in offenbarer Verlegenheit war, wie er beginnen sollte.