Nun, ich sehe schon, wie es steht, lächelte der Geheimrath, ich sehe, mein lieber Nachbar, der Irrthum hat sich aufgeklärt, es konnte auch nicht anders sein. Herr von Gravenstein war bis gestern gegen 10 Uhr bei uns; äußerst ermüdet und von Kopfschmerzen geplagt, ging er nach Haus. Ist es nicht so? Sie müssen es bestätigen, Herr von Gravenstein ist ein Mann, dessen Wort unverbrüchlich ist, und er betheuerte uns, daß er eilen müsse, um in’s Bett zu kommen.
Der Polizeibeamte zuckte während dieser Zeit mehrmals mit den Schultern, und schlug seine großen, raschblickenden Augen in verdächtiger, bedauerlicher Weise zu dem sprechenden Herrn auf, um sie nachdenkend wieder von ihm abzuwenden. Er legte den Kopf auf seine linke Seite, um genau zu hören und schüttelte ihn dann nach der rechten Seite hinüber, indem er nochmals an seinen Bart faßte und einige dumpfe Töne von sich gab, die wie ein wiederholtes, langgedehntes Hm! Hm! klangen. Plötzlich aber hob er sein mächtiges, vollwangiges Antlitz steil in die Höhe und sagte mit Energie: Herr von Gravenstein hat Ihnen aber dennoch nicht die Wahrheit gesagt.
Oh! oh! rief der Geheimrath. Nicht die Wahrheit gesagt? Das ist eine kühne Behauptung, eine sehr gewagte Behauptung.
Ich wage nie etwas, erwiderte der Herr, was ich nicht wagen kann und weiß jedesmal was ich zu vertreten habe. Ich sage nochmals, Herr von Gravenstein hat sich getäuscht, denn er ist nicht zu Haus gegangen.
Nun und wohin ist er gegangen? fragte Wilkau unsicher.
Auf den Kirchhof, sagte der Beamte barsch.
Was sagen Sie da! fiel der Geheimrath erschrocken ein. Das ist Tollheit! Auf den Kirchhof. Wollte er die Todten tanzen sehen?
Ich habe es mit meinen eigenen Augen beobachtet, fuhr der Beamte fort, denn bei der Wichtigkeit, welche die Angelegenheit für Sie hat, unterzog ich mich selbst der Vigilirung.
So Sie? sagte Wilkau ihn anstarrend.
Ich! entgegnete der Herr mit Selbstbewußtsein. Er ging so rasch, als er aus Ihrem Hause trat, daß ich ihn fast aus dem Gesicht verlor und nur seine hohe Gestalt, sein flatternder Mantel und meine scharfen Augen ließen mich ihn wieder finden. Einige Minuten stand er dicht an der Mauer der Kirche still, dann sah ich ihn in das Portal treten und nun merkte ich die ganze Geschichte.