Und was ich Alles bekommen habe! fiel die junge Frau ein. Wir müssen uns auch nochmals bei Ihnen schön bedanken, guter Herr Professor.

Liebliche Natur! rief Viereck, seine Arme ausbreitend und wonniglich um sich blickend. Wahrheit, Einfachheit und Stille wohnen noch immer in der Hütte. Ihr guten Menschen, fuhr er mit einem Seufzer fort, ihr wißt nicht, was man auf der Höhe des Lebens leidet. Ihr wißt nicht, was es heißt, denken und an Gedankenschmerz leiden. Ist es nicht so, Mertens, was sagen Sie?

Ich sage, erwiderte Anton, daß ich den Hunger für den größten Schmerz halte, Herr. Wenn man so Weib und Kind hat und sieht in ihre blassen Gesichter, und wenn sie die Hände ausstrecken nach Brod, und wenn sich ihre Augen bittend auf den Vater richten, der nicht weiß woher er’s nehmen soll. Ah, Sakerment! wir wollen heut nicht daran denken, rief er, in seinem schwarzen Haar wühlend, aber es wird mir ganz weh, wenn ich mir vorstelle, daß auch heut, wo es so viele glückliche Menschen giebt, noch mehr unglückliche vorhanden sind, die im dunklen Kämmerchen oder in Ketten und Banden sitzen oder umherirren ohne Dach und Decke, und kein Stück Brod haben. Guter Gott! ist das ein Weihnachten.

Sie denken materiell subjektiv, Mertens, erwiderte der Professor lächelnd, weil Sie die Höhe des Gedankens nicht begreifen. Aber das ist nichts. Sie sind sehr glücklich! Das ist gar nichts gegen den tiefliegenden objektiven Gedankenschmerz großer und unglücklicher Seelen. Ich machte heut einen Spaziergang mit meinem Freunde dem Baron Leichtwitz, darum bin ich so spät gekommen, denn eigentlich war es meine Absicht, Sie schon Nachmittag aufzusuchen. Baron Leichtwitz ist reich, außerordentlich reich, dabei jung, er hat Alles was ein Mensch wünschen kann um glücklich zu sein, aber er ist sehr unglücklich. Leichtwitz, sagte ich zu ihm, bei Gott! Leichtwitz, richten Sie sich auf, ich bin Ihr Freund, ich stehe fest. Diese Welt hat Mängel, aber ein Mann, der sich fühlt und kennt, weiß was er soll.

Mein lieber Herr Professor, sagte er den Kopf schüttelnd, ich sehe nichts als Gräuel und Untergang, Barbarei und Verwilderung. Es ist nichts mehr zu hoffen, die Gesellschaft geht ihrem Verderben entgegen. Die Menschen sehen mich an wie reißende Thiere; ich bin so herunter, daß mir nichts mehr schmeckt, ich kann das Zarteste nicht mehr vertragen. Glauben Sie mir, mein lieber Herr Professor, das ganze Band der menschlichen Organisation ist zerrissen. Ich schaudre Tag und Nacht. Ueberall Gestalten, überall wilde fürchterliche Gesichter, Bärte, Nasen, Beile! — Es schmeckt mir nichts mehr, ich trinke Alles ohne Geschmack. — Sehen Sie, Mertens, das ist der Gedankenschmerz einer schönen Seele.

Na, sagte Anton, die schöne Seele wollt’ ich wohl kuriren.

Sie, kuriren! rief Viereck mitleidig, wo ich umsonst kurire!

Tüchtig arbeiten, lachte der Schuhmacher, und etwas hungern, das würde ihm schon auf die Beine helfen. — Es giebt viele Solche, die blos arbeiten müßten, so würden sie vernünftige Menschen werden.

Schweigen Sie von solchen gefährlichen Kriterien, rief der Professor, ihn streng betrachtend, die offenbare Reminiscenzen der Lehren Ihrer anarchischen Verderber sind. Die Algebra des Lebens rechnet mit unbekannten Größen. A ist nicht immer gleich A, es kann A auch gleich B oder C sein. Ungleiches aber wird nie aufgelöst in Gleiches; die Wurzeln bleiben, was sie sind; Primzahlen sind Primzahlen, und das X, was gesucht wird, ja, das ist die Lösung einer unendlichen Reihe. Verstehen Sie mich?

Nicht eine Sylbe, sagte Anton ihn anstierend.